13,87 Milliarden: Deutschlands Rüstungsexporte brechen jeden Rekord
Am 15. Juli veröffentlichte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche die Halbjahresbilanz der deutschen Rüstungsexporte: 13,87 Milliarden Euro in sechs Monaten. Dieser Wert übertrifft den bisherigen deutschen Jahresrekord von 2024 (13,33 Milliarden Euro) bereits zur Jahresmitte. Das erste Halbjahr 2026 entspricht dem Vierfachen des ersten Halbjahrs 2025. Für Friedensorganisationen ist das ein Alarmsignal; die Bundesregierung nennt es Ausdruck verantwortungsvoller Sicherheitspolitik.
Was in den 13,87 Milliarden steckt
Von den genehmigten Ausfuhren entfallen laut Bundeswirtschaftsministerium 9,6 Milliarden Euro auf Kriegswaffen im engeren Sinne: Waffen, Munition und Trägersysteme. Weitere 4,3 Milliarden Euro entfallen auf sonstige Rüstungsgüter wie Elektronik, Kommunikationstechnik, Schutzsysteme und technische Fahrzeuge. Der Anteil klassischer Kriegswaffen ist im historischen Vergleich ungewöhnlich hoch.
Hauptempfänger nach Genehmigungswert ist die Ukraine mit 2,5 Milliarden Euro. Dahinter folgen die USA mit 1,6 Milliarden Euro und mehrere östliche EU- und NATO-Staaten: Niederlande, Tschechien und Litauen. Rund 84 Prozent des Gesamtvolumens gingen an EU-Staaten, NATO-Mitglieder oder gleichgestellte Länder wie Südkorea und Singapur sowie die Ukraine. Reiche erklärte, die Zahlen spiegelten die strategische Ausrichtung der deutschen Sicherheitspolitik wider: Deutschland stärke Verbündete und die Ukraine, die sich gegen russische Aggression verteidige.
Vier Jahre Zeitenwende: Wie Deutschland zum Rüstungslieferanten wurde
Noch im ersten Halbjahr 2025 genehmigte Deutschland Rüstungsexporte im Wert von rund 3,5 Milliarden Euro, also ein Viertel des aktuellen Halbjahreswerts. Der Jahreswert 2023 lag bei 12,2 Milliarden Euro, der Rekord von 2024 bei 13,33 Milliarden. Beide Marken hat das erste Halbjahr 2026 übertroffen.
Vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine genehmigte Deutschland Rüstungsexporte traditionell mit hohen Auflagen. Lieferungen in aktive Krisengebiete galten als politisch tabu. Mit der Zeitenwende-Erklärung von Bundeskanzler Olaf Scholz im Februar 2022 begann eine schrittweise Kehrtwende. Die Regierung unter Friedrich Merz führt diesen Kurs fort. Ukraine-Lieferungen werden gebündelt genehmigt, mit weniger Einzelfallprüfung. Östliche NATO-Staaten wie Litauen, Tschechien und Polen bauen eigene Rüstungskapazitäten auf und kaufen deutsche Komponenten.
An die Ukraine gingen dem Ministerium zufolge schwerpunktmäßig Güter aus den Bereichen Luftabwehr, Artilleriemunition und gepanzerte Fahrzeuge. Führend in diesen Bereichen sind Rheinmetall, Diehl Defence und KNDS Deutschland. Der Rüstungssektor beschäftigt in Deutschland nach Branchenangaben über 100.000 Menschen direkt, weitere Hunderttausende in der Zulieferkette.
Wer Alarm schlägt
Jürgen Grässlin, Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK), kritisierte, der Exportboom befeuere die Eskalationsspirale. Statt die Zivilbevölkerung durch humanitäre Hilfe zu schützen, würden immer größere Waffensysteme in Kriegsgebiete geliefert, was Kriege verlängere, statt sie zu beenden.
Alexander Lurz, Abrüstungsexperte bei Greenpeace, erinnerte daran, dass sowohl die Ampelkoalition als auch die aktuelle Bundesregierung ein restriktives Rüstungsexportkontrollgesetz versprochen, aber nicht vorgelegt hätten. Das Fehlen dieser gesetzlichen Schranken ermögliche es, Genehmigungen im Jahrestakt zu steigern, ohne dass der Bundestag dabei wirksam gegensteuern könne.
Das Friedensforschungsinstitut PRIF (Frankfurt) analysierte im April 2026, dass Deutschland Genehmigungsanträge zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Bündnissolidarität prüfe, nicht mehr allein nach den klassischen Kriterien Menschenrechtslage und Krisenrisiko. Das verändere den normativen Rahmen dauerhaft: Was unter dem alten Maßstab abgelehnt worden wäre, werde heute routinemäßig genehmigt.
Parlamentsanhörung im September, Jahresrekord wahrscheinlich
Die Bundesregierung legt den vollständigen Rüstungsexportbericht traditionell erst im ersten Quartal des Folgejahres vor. Für September plant der Wirtschaftsausschuss des Bundestags eine Anhörung, bei der Reiche die Exportentscheidungen des ersten Halbjahres erläutern soll. Kritiker wollen dabei konkrete Zahlen zu Genehmigungen für Länder außerhalb von EU und NATO einfordern.
Bei unverändertem Tempo im zweiten Halbjahr könnte das Jahresgesamtvolumen 2026 die Marke von 25 Milliarden Euro übersteigen, fast das Doppelte des bisherigen Rekords. Ob das Tempo anhält, hängt auch vom Verlauf des Irankriegs ab: Ein wachsender Bedarf der Golfstaaten an Luftabwehrsystemen und der Ukraine an Munition könnte einen weiteren Schub auslösen. Das erste Halbjahr zeigt: Die Rüstungsexportpolitik der Bundesrepublik hat sich strukturell verändert, nicht nur situativ.
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