
Voerde: RWE sprengt 30.000 Tonnen Kohlegeschichte
Quellen (7)
- ingenieur.deingenieur.de
- WZ (Westdeutsche Zeitung)wz.de
- Radio K.W.radiokw.de
- ms-aktuell.dems-aktuell.de
- t-onlinet-online.de
- Ruhr Nachrichtenruhrnachrichten.de
- energiezukunft.eu: Wasserstofferzeugung in Deutschland nicht auf Zielpfadenergiezukunft.eu
Am Freitagmittag, dem 21. August 2026, fielen am Niederrhein 30.000 Tonnen Stahl in wenigen Sekunden: RWE ließ das rund 90 Meter hohe Kesselhaus Block B des seit 2017 stillgelegten Steinkohlewerks Voerde sprengen, gefolgt von zwei benachbarten Entstickungsanlagen. Der Rhein musste für die Aktion kurzzeitig gesperrt werden, eine Sicherheitszone von 350 Metern rund um das Gelände wurde eingerichtet. Für Voerde am Niederrhein war es die dritte Sprengaktion innerhalb von drei Jahren.
Von der Kohle zum Abriss: Voerdes Kraftwerksgeschichte
Das Kraftwerk Voerde ging jahrzehntelang als Steinkohlekraftwerk in Betrieb, bevor STEAG es 2017 vom Netz nahm. Seitdem steht der Abriss im Mittelpunkt. Im Dezember 2023 fiel der rund 165 Meter hohe Kühlturm. Ende 2025 folgte der Schornstein, der auf etwa 180 Meter verkürzt worden war, bevor er gesprengt wurde. Nun ging das Kesselhaus selbst zu Boden.
Die drei gesprengten Strukturen (Kesselhaus sowie die beiden Entstickungsanlagen) bedeckten zusammen eine Fläche von etwa einem Fußballfeld. 30.000 Tonnen Stahl fielen in der kontrollierten Sprengung. Der genaue Ablauf: Zuerst kollabierte das Kesselhaus, fast gleichzeitig folgten die beiden benachbarten Entstickungsanlagen.
Was die Sprengung logistisch bedeutete
Sprengungen dieser Größenordnung im Rheinumfeld erfordern umfangreiche Koordination. Neben der Sperrzone um das Kraftwerksgelände musste der Rhein selbst für Schiffs- und Ausflugsbetrieb für eine begrenzte Zeit gesperrt werden. Die benachbarte Region ist dicht besiedelt; Voerde liegt unmittelbar am Ufer des Niederrheins, zwischen Wesel und Duisburg.
Die Sprengung wurde als dritte in Voerde bezeichnet, nachdem Kühlturm und Schornstein bereits gefallen waren. Mit dem Kesselhaus ist nun die prägnanteste noch stehende Struktur des alten Kraftwerks verschwunden.
Der Plan: Wasserstoff statt Steinkohle
RWE plant, auf dem Gelände ab 2030 ein wasserstofffähiges Gas-und-Dampfturbinen-Kraftwerk (GuD) mit einer Kapazität von rund 850 Megawatt zu errichten. Die Anlage soll zunächst mit einem Wasserstoffanteil von mindestens 50 Prozent betrieben und später vollständig auf Wasserstoff umgestellt werden.
Das klingt nach einem klaren Plan. Er hat aber einen erheblichen Vorbehalt: Eine finale Investitionsentscheidung liegt noch nicht vor. RWE knüpft sie ausdrücklich an politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie an geplante staatliche Ausschreibungen für neue Kraftwerkskapazitäten. Gibt es keinen Kapazitätsmarkt, der das Investitionsrisiko für Backup-Kraftwerke kalkulierbar macht, könnte die Anlage in Voerde auf unbestimmte Zeit verschoben werden oder ganz ausbleiben.
Ein GuD-Kraftwerk kombiniert eine Gasturbine mit einem nachgeschalteten Dampfkreislauf und erreicht damit Wirkungsgrade von bis zu 61 Prozent, deutlich mehr als klassische Dampfkraftwerke. In der Wasserstoff-Variante wird der fossile Erdgasanteil schrittweise durch grünen oder blauen Wasserstoff ersetzt. Der schrittweise Einstieg mit 50 Prozent Wasserstoff liegt auch darin begründet, dass die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff in Deutschland noch begrenzt ist. Deutschland hat aktuell lediglich 0,18 Gigawatt installierte Elektrolysekapazität, weit entfernt vom Ziel von 10 Gigawatt bis 2030, das nach Einschätzung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) nicht mehr erreichbar ist.
Rückenwind und Gegenwind für die Energiewende
Voerdes Abriss steht stellvertretend für eine größere Entwicklung. RWE, einst Deutschlands größter Kohleproduzent, hat in den vergangenen Jahren einen radikalen Umbau vollzogen: Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke werden schrittweise stillgelegt, Investitionen fließen in Solar, Wind und Offshore-Anlagen. Das Unternehmen bezeichnet sich selbst als Vorreiter der Energiewende.
Kritiker weisen jedoch darauf hin, dass der Umbau langsamer vorangeht, als die Klimaziele es verlangen. Der Kohleausstieg, grundsätzlich bis 2038 geplant (mit einer 2022 vereinbarten Vorverlagerung auf 2030 nur für das Rheinische Braunkohlerevier), gilt in der Umsetzung als gefährdet. Als Infrastrukturlücke gilt dabei vor allem das Fehlen von Ersatzkapazitäten für Dunkelflauten.
Der BDEW hat flexible Gaskraftwerke als notwendige Option für eine gesicherte Stromversorgung bezeichnet, genau den Typ, den RWE in Voerde plant, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Ob der Wasserstoff kommt, entscheidet die Politik
Der Kern der Voerde-Geschichte liegt in der Differenz zwischen Symbolik und Substanz. Das Bild der fallenden 30.000 Tonnen Stahl ist eindeutig: Kohle verschwindet. Was dagegen nachfolgt, ist noch offen. Die Pläne für ein Wasserstoff-GuD-Kraftwerk ab 2030 hängen an einer Investitionsentscheidung, die wiederum von den Ergebnissen der ab September 2026 anlaufenden Kapazitätsauktionen abhängt.
Konkret: Mit dem am 22. Juli 2026 in Kraft getretenen Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätengesetz (StromVKG) hat die Bundesregierung den Rechtsrahmen für Kapazitätsausschreibungen geschaffen. Die erste Auktion ist für September 2026 angesetzt. Das Gesetz sichert Betreibern von Backup-Kraftwerken eine Vergütung für die bloße Vorhaltung von Kapazitäten, auch wenn diese Anlagen nur selten tatsächlich laufen. Für RWE und andere Investoren ist damit eine wichtige Voraussetzung erfüllt, ob die Auktionsbedingungen wirtschaftlich attraktiv genug sind, wird der Markt zeigen.
Voerde könnte bis 2030 ein Paradebeispiel für die Energiewende werden. Oder es bleibt ein Brownfield, auf dem das alte Kraftwerk verschwunden ist und das neue noch nicht gebaut wird.
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