Philippe Sands erhält Friedenspreis des Buchhandels
Gesellschaft

Philippe Sands erhält Friedenspreis des Buchhandels

Der britisch-französische Völkerrechtler Philippe Sands erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2026. Seine Arbeit verbindet persönliche Familiengeschichte mit den großen Verbrechen des 20. und 21. Jahrhunderts: Pinochet, Rohingya, Ökozid.

29. Juni 2026, 16:43 Uhr 824 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 11. Oktober steht in der Frankfurter Paulskirche ein Rechtsanwalt am Podium. Philippe Sands, 65, britisch-französischer Völkerrechtler und Professor an der University College London, erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2026, einen Preis, der seit 1950 an Dichter, Philosophen und Intellektuelle geht. Sands ist keines davon im klassischen Sinn. Er ist jemand, der vor dem Internationalen Gerichtshof plädiert, Staatschefs angeklagt hat und ein Verbrechen mitentwickelt hat, das bereits in rund zwölf Ländern unter Strafe steht.

Lemberg als Ursprung

Die Geschichte des Philippe Sands beginnt in einer Stadt, die Polen Lwów, Österreicher Lemberg und Ukrainer Lviv nennen. Sands' Großvater Leon Buchholz war dort aufgewachsen und hatte als einer der Wenigen überlebt: 82 Mitglieder seiner Familie kamen im Holocaust um. Als Sands Jahrzehnte später nach Lviv reiste, um Spuren dieser Geschichte zu suchen, stieß er auf ein Paradox, das er selbst als die überraschendste Entdeckung seines Lebens bezeichnet.

Zwei Juristen, die in Lemberg aufgewachsen waren, hatten unabhängig voneinander die wichtigsten Begriffe des modernen Völkerstrafrechts geprägt. Raphael Lemkin erfand das Wort Genozid und trieb die Völkermordkonvention von 1948 voran. Hersch Lauterpacht etablierte den Begriff „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ als eigenständige Rechtskategorie. Beide hatten ihre Familien im Holocaust verloren und versucht, dem Verbrechen einen juristischen Namen zu geben. Ihre Vorschläge entfalteten erst nach dem Krieg Wirkung.

Aus dieser Entdeckung entstand „Rückkehr nach Lemberg“ (2016), das Buch, das Sands weit über Akademikerkreise hinaus bekannt machte. Es verbindet Familiengeschichte, Rechtsgeschichte und Reisebericht zu einem Genre, das es so nicht gab. Das Werk wurde verfilmt und in Dutzenden Sprachen übersetzt. Sein jüngster Band, der 2025 erschienene „38 Londres Street“, befasst sich mit den Verschwundenen unter Augusto Pinochet.

Pinochet, Gaza und die Rohingya

Parallel zu seiner literarischen Arbeit hat Sands nie aufgehört zu praktizieren. Als Pinochet 1998 in London verhaftet wurde, beteiligte sich Sands an der juristischen Verfolgung, die eine Grundsatzfrage des Völkerrechts klärte: Kann ein ehemaliges Staatsoberhaupt Immunität für Folter beanspruchen? Das britische House of Lords entschied: Nein. Die Entscheidung veränderte dauerhaft, wie das internationale Recht staatliche Gewalt behandelt.

Im Fall der Chagos-Inseln vertrat Sands Mauritius vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. 2019 urteilte das Gericht, dass Großbritannien die Inseln 1965 illegal von Mauritius getrennt und die einheimische Bevölkerung zwangsumgesiedelt hatte. Das Vereinigte Königreich stimmte 2024 zu, die Souveränität zu übertragen. Im selben Jahr vertrat Sands Palästina in den ICJ-Anhörungen zur israelischen Besatzung. Der Gerichtshof stellte im Juli 2024 fest, dass die Besatzung des Westjordanlandes und Ostjerusalems rechtswidrig ist.

Derzeit vertritt Sands Gambia im Rohingya-Genozidverfahren gegen Myanmar. Die Anhörungen zu den Sachfragen endeten im Januar 2026. Während der Eröffnungsplädoyers zog Sands eine Erstausgabe von Lemkins Werk zur Völkermordkonvention aus der Tasche und verband damit den Ursprung des Begriffs mit seiner heutigen Anwendung. Das Urteil des Internationalen Gerichtshofs steht noch aus.

Ökozid: Das fünfte Verbrechen

Neben diesen Einzelfällen verfolgt Sands ein strukturelles Projekt: die Aufnahme des Ökozids als fünftes internationales Verbrechen in das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, neben Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und dem Verbrechen der Aggression. Zusammen mit anderen Juristen entwickelte er Anfang der 2020er Jahre eine Legaldefinition: Ökozid sind Handlungen, die mit dem Wissen begangen werden, dass sie weitreichende, langfristige oder schwere Umweltschäden verursachen könnten.

Die Kampagne hat erste Erfolge vorzuweisen. Rund zwölf Länder haben Ökozid inzwischen unter Strafe gestellt, darunter Belgien und Frankreich. Im September 2024 stellten Fiji, Samoa und Vanuatu beim Internationalen Strafgerichtshof einen Antrag, Ökozid als eigenständiges Verbrechen anzuerkennen. Prominente Strafrechtler, darunter Kevin Jon Heller und der Göttinger Strafrechtsprofessor Kai Ambos, halten die vorgeschlagene Definition jedoch für zu unscharf, um wirksam verfolgt werden zu können: Ab welcher Menge Treibhausgase wird ein Konzern schuldig? Wer trägt Verantwortung für diffuse Schäden ohne klaren Einzelverursacher? Sands räumt diese Schwierigkeiten ein, hält sie aber für lösbar. Beim Begriff des Genozids galten dieselben Einwände, bevor Lemkin ihn 1944 konkretisierte.

Paulskirche als Statement

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 jährlich am letzten Sonntag der Frankfurter Buchmesse vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Unter den Preisträgern finden sich Dichter wie Astrid Lindgren, Philosophen wie Jürgen Habermas und Weltliteraturstimmen wie Chinua Achebe. Dass ein praktizierender Anwalt nun diesen Preis erhält, ist ungewöhnlich. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, begründete die Wahl mit Sands' Einsatz „für Gerechtigkeit, Frieden und die beharrliche Verteidigung des Völkerrechts“. Oliver Vogel, der alle Bücher von Sands beim S. Fischer Verlag verlegt, erklärte, Sands sei „nicht nur ein herausragender Autor, sondern auch ein zutiefst inspirierender Mensch“.

Die Wahl ist auch ein zeitpolitisches Signal. Sands verteidigt seit Jahrzehnten Institutionen, die gerade unter außergewöhnlichem Druck stehen. Die USA suchen unter Präsident Trump die Autorität des Internationalen Strafgerichtshofs zu unterminieren. Russland bricht seit 2022 täglich internationales Recht, ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. ICJ-Urteile werden oft nur unter heftigem politischen Druck umgesetzt. Am 11. Oktober wird Sands in der Paulskirche eine Rede halten, die live in der ARD übertragen wird. Es ist kein zufälliger Rahmen: Hier tagte 1848 die erste gesamtdeutsche Nationalversammlung. Damals lautete die Frage auch: Welche Rechte sind unveräußerlich und wer setzt sie durch?

Quellen (9)

Kommentare