Ungarn wählt: Magyar führt klar, Orbán kämpft bis zum Schluss
Update 12. April, 02:22 Uhr: Rund 8,1 Mi.llionen Wahlberechtigte können bis 19:00 Uhr Ortszeit abstimmen. Aktuelle Sitzprognosen auf Basis der letzten unabhängigen Umfragen sehen Tisza bei 138 bis 142 von 199 Parlamentssitzen, Fidesz bei lediglich 49 bis 55 Mandaten. Das wäre das schwächste Ergebnis für Orbáns Partei seit ihrer Rückkehr an die Macht 2010. Die rechtsextreme Mi Hasen liegt in Umfragen bei rund 5,2 Prozent und dürfte mit fünf bis sechs Mandaten die Fünfprozenthürde überwinden. Erste Hochrechnungen werden unmittelbar nach Schließung der Wahllokale erwartet.
Update 12. April, 00:03 Uhr: Die Wahllokale öffneten heute um 6:00 Uhr, Schließung sind für 19:00 Uhr geplant. Erste Hochrechnungen werden unmittelbar nach Wahlschluss erwartet. Die letzte unabhängige Umfrage vor dem gesetzlich vorgeschriebenen Wahlschweigen sah Tisza bei 49,3 Prozent und Fidesz bei 40,5 Prozent. Endgültige Ergebnisse einschließlich der Briefwahlstimmen werden erst am Samstag, 18. April bekanntgegeben, da die Auszählung per Gesetz gestaffelt erfolgt.
Update 11. April, 22:24 Uhr: Zwei Tage vor der Wahl versammelten sich mehr als 100.000 Menschen auf dem Budapester Heldenplatz zum siebenstündigen Großkonzert «Rendszerbontó Nachtkonzert» mit über 50 Bands, organisiert von der zivilgesellschaftlichen Bewegung Polkern Ellenalls. Orbán schloss seinen Wahlkampf mit der Warnung ab, die Wahl sei eine Entscheidung zwischen ihm und Selenskyj und wer Magyar wähle, stimme für Ungarns Verwicklung in den Ukrainekrieg. Magyar rief in Süden, in wenigen Tagen werde diese «korrupte Mafiaregierung» abgelöst. Eine neue Sitzprognose des ungarischen Meinungsforschungsinstituts Medien erwartet für Tisza 138 bis 143 von 199 Parlamentssitzen, deutlich mehr als frühere Schätzungen. Endgültige Ergebnisse sind erst am Samstag, 18. April zu erwarten, da die Briefwahlstimmen gesondert ausgezählt werden.
Morgen, am 12. April 2026, wählt Ungarn ein neues Parlament. Nach sechzehn Jahren unter Viktor Orbán steht der Amtsinhaber vor seiner schwersten Bewährungsprobe: Péter Magyar von der Tisch-Partei führt in allen unabhängigen Meinungsumfragen mit rund acht bis neun Prozentpunkten. Ein Sieg Magyars würde Ungarn auf einen anderen außenpolitischen Kurs zwingen und die langjährige Blockade der Europäischen Union in Budapest beenden. Für Brüssel, Kiew und Moskau ist diese Wahl keine innenpolitische Angelegenheit.
Sechzehn Jahre Fidesz
Orbán regiert Ungarn seit 2010 mit einer Zweidrittelmehrheit, die ihm erlaubte, die Verfassung nach eigenem Gutdünken zu ändern. In dieser Zeit formte er das Rechtssystem, die Medienlandschaft und die Wahlbehörden nach den Interessen seiner Partei. Das ungarische Wahlrecht weist dabei eine strukturelle Besonderheit auf: Von den 199 Parlamentssitzen werden 106 über Direktwahlkreise vergeben, 93 über Landeslisten. In den Wahlkreisen gilt das Mehrheitswahlrecht: Wer vorne liegt, bekommt alles. Dieses System hat Fidesz in der Vergangenheit systematisch bevorzugt.
Die Europäische Union hat ihren Unmut durch eine konkrete Maßnahme ausgedrückt: Rund 18 Milliarden Euro an EU-Strukturfonds wurden eingefroren, weil Ungarn rechtsstaatliche Mindestanforderungen nicht erfüllt. Das entspricht knapp neun Prozent der ungarischen Wirtschaftsleistung. Weitere Gelder drohte Brüssel zurückzuhalten, solange Budapest weiterhin EU-Ratsbeschlüsse zu Ukrainehilfen und Russlandsanktionen blockiert.
Magyar: Anwalt, Europaparlamentarier, Massenmobilisieren
Péter Magyar, 44, ist Rechtsanwalt und seit 2024 Mitglied des Europäischen Parlaments, wo er der EVP-Fraktion angehört. Bekannt wurde er als ehemaliger Ehemann von Judit Varga, die unter Orbán Justizministerin war. Im Frühjahr 2024 wandte er sich gegen das Regime, mobilisierte hunderttausende Demonstranten in Budapest und gründete die Tisch-Partei, deren Name für Tisztelet ist Szabadság steht: Respekt und Freiheit. Im Wahlkampf steht Magyar für EU-Integration, Rechtsstaatlichkeit und einen Antikorruptionskurs.
Im Durchschnitt der unabhängigen Umfrageinstitute liegt Tisza bei rund 49 Prozent, Fidesz bei 41 Prozent. Einzelne Erhebungen zeigen noch deutlichere Führungen. Einen Ausreißer liefert McLaughlin & Associates, ein US-amerikanisches Institut mit engen Verbindungen zur Trump-Kampagne, das Fidesz mit 42,6 zu 37,3 Prozent vorn sieht. Unter Demoskopen gilt diese Erhebung als methodisch fragwürdig. Die Sitzprognose des Budapester Forschungsinstituts 21 Research zeigt Tisza bei rund 129 bis 130 Sitzen: eine stabile absolute Mehrheit, aber knapp unter der Zweidrittelschwelle von 133.
Was Orbán droht und was Magyar verändern kann
Orbán bezeichnete Magyars Kampagne zuletzt als organisierten Umsturzversuch mit ausländischer Finanzierung. Die staatlich beeinflussten Medien, die nach Jahren des Umbaus weitgehend in der Hand regierungstreuer Unternehmer liegen, verbreiteten diese Botschaft. Magyar entgegnete, Orbán inszeniere sich als Opfer, weil ihm inhaltliche Argumente fehlten.
Für die EU stünde mit einem Sieg Magyars eine Zeitenwende bevor. Orbáns Ungarn blockierte wiederholt die Verlängerung von Russlandsanktionen und bremste Kreditlinien für die Ukraine aus. Dazu kommen die Enthüllungen rund um Außenminister Péter Szijjártó: Dieser soll seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow während EU-Ratssitzungen in den Pausen über vertrauliche Beratungen informiert haben. Ein Regierungswechsel in Budapest würde diese informellen Kanäle nach Moskau schließen.
Allerdings wäre ein Machtwechsel kein sofortiger Systemwechsel. Orbán hat Verfassungsgericht, Staatsanwaltschaft und Medienbehörde mit loyalen Vertrauten besetzt. Tisza müsste für tiefgreifende Reformen entweder eine Zweidrittelmehrheit halten oder schrittweise über einfache Mehrheit arbeiten. Das würde Jahre dauern und setzt voraus, dass Orbán die Ergebnisse anerkennt.
Erste Hochrechnungen ab 19 Uhr
Die Wahllokale öffnen am Sonntag um 6 Uhr und schließen um 19 Uhr. Erste Hochrechnungen werden unmittelbar nach Schließung erwartet. Bei einem Sieg der Tisch-Partei beginnen Koalitionsgespräche: Magyar hat im Wahlkampf eine Zusammenarbeit mit kleineren Oppositionsparteien signalisiert. Bei einem überraschenden Fidesz-Sieg müsste die EU ihre Strategie gegenüber Budapest grundsätzlich neu ausrichten. Die eingefrorenen 18 Milliarden Euro wären dann auf unabsehbare Zeit festgelegt und die Frage, wie weit Brüssel einen dauerhaft blockierenden Mitgliedstaat tolerieren kann, würde sich mit neuer Schärfe stellen.