Selenskyj in Portsmouth: UK gibt Stone Cloak an Ukraine
Als Wolodymyr Selenskyj am Montag an Bord der HMS Queen Elizabeth in Portsmouth kam, empfing ihn nicht nur Andy Burnhams erneuertes Unterstützungsversprechen. Die Briten übergaben dem ukrainischen Präsidenten die Herstellungsrechte für Stone Cloak, ein Elektronik-Kampfsystem, das Drohnen für russische Radarsysteme schwerer erfassbar macht und bereits zu Tausenden an der Front eingesetzt wird. Der Unterschied zu bisherigen Waffenlieferungen: Die Ukraine kann das System künftig selbst im industriellen Maßstab produzieren.
Burnhams erster ausländischer Gast
Andy Burnham ist erst seit dem 20. Juli Premierminister des Vereinigten Königreichs, als Nachfolger von Keir Starmer. Er hatte zuvor mehrere Jahre als Bürgermeister von Greater Manchester regiert. Selenskyj war damit sein erster ausländischer Staatsgast, nur eine Woche nach Amtsantritt. Die Wahl des Zeitpunkts war bewusst.
Bei der Begrüßung in Portsmouth sagte Burnham dem Präsidenten: „Sie sind der erste Staatschef, den ich persönlich empfange, seit ich das Amt angetreten habe. Das ist kein Zufall. Es soll eine klare Botschaft senden: Wir stehen zu hundert Prozent hinter der Ukraine und ich persönlich stehe zu hundert Prozent hinter Ihnen und werde jede Verpflichtung, die dieses Land gegenüber der Ukraine eingegangen ist, vollständig einhalten.” Burnham signalisierte damit nicht nur außenpolitische Kontinuität, sondern machte Selenskyj zum Gesicht des eigenen außenpolitischen Starts.
Stone Cloak: Von der Lieferung zur Eigenproduktion
Stone Cloak ist ein Elektronik-Kampfsystem in der Größe eines Tablets. Es erzeugt Störstrahlung, die gegnerische Radarsysteme und Signalerkennung beeinträchtigt, sodass Drohnen für russische Luftabwehrsensoren schwerer zu verfolgen sind. Das System ist kein passiver Tarnmantel, sondern greift aktiv in die elektronische Wahrnehmung des Gegners ein. Die genauen Betriebsfrequenzen werden aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht.
Das britische Verteidigungsministerium hat laut eigenen Angaben bereits Tausende Einheiten an die ukrainischen Streitkräfte geliefert. Bisher war die Ukraine dabei vollständig auf britische Lieferketten angewiesen. Mit der Übergabe der vollständigen geistigen Eigentumsrechte kann Kiew das System nunmehr eigenständig fertigen und an neue russische Abwehrtechnologien anpassen. Das europäische Sicherheitsportal Defence Matters beschrieb den Schritt als „Übergang von der Versorgungsabhängigkeit zur technologischen Souveränität”.
Die Bedeutung liegt im Entwicklungstempo der russischen Gegenmaßnahmen. Russlands Luftabwehrtechnologie erkennt zunehmend bekannte Störfrequenzen. Ein System, das die Ukraine nicht selbst modifizieren darf, verliert mit jeder russischen Anpassung an Wirkung. Die Möglichkeit, Stone Cloak eigenständig weiterzuentwickeln, gibt den ukrainischen Streitkräften einen Spielraum, den die bloße Warenlieferung nicht geboten hätte.
Übung Sea Breeze: Maritime Zusammenarbeit im Schwarzen Meer
Portsmouth war kein zufälliger Veranstaltungsort. An der Marinebasis läuft Sea Breeze 2026, die nach britischen Angaben größte Minenräumübung der Royal Navy seit fast einem Jahrzehnt: 750 Militärangehörige aus 18 Nationen, zehn Schiffe aus Großbritannien, Ukraine, Polen, Litauen und Frankreich. Selenskyj und Burnham sprachen vor Ort mit ukrainischen und britischen Marinekräften, die an der Übung teilgenommen hatten.
Im Rahmen von Operation Interflex bildet Großbritannien seit Jahren ukrainische Matrosen aus, darunter Besatzungen von fünf Minenjägern, die inzwischen in Portsmouth stationiert sind. Selenskyj lobte ausdrücklich die Einsatzbereitschaft der ukrainischen Einheiten im maritimen Minenräumen. Der Kontext ist das Schwarze Meer: Seit Russland systematisch ukrainische Häfen angreift und die ukrainische Operation Molochka seit dem 6. Juli mehr als 196 russische Schiffe im Asowschen und Schwarzen Meer kampfunfähig gemacht hat, ist maritime Kriegsführung in dieser Region zu einem eigenständigen Konfliktschauplatz geworden.
Shrike-Drohnen und der deutsche Beitrag
Neben Stone Cloak rücken beim Besuch in Portsmouth weitere Rüstungskooperationen in den Fokus. Deutschland finanziert die Lieferung von 50.000 Shrike-Drohnen an die Ukraine mit 90 Millionen Euro. Die Shrike ist ein 7-Zoll-Quadrocopter des ukrainischen Herstellers Skyfall, ausgestattet mit dem Lenksystem Skynode S des Schweizer-amerikanischen Unternehmens Auterion, das die Drohne auch in GPS-gesperrten und funksperrten Gebieten präzise führen kann. Auslieferungen haben im Juli 2026 begonnen.
Die 50.000 Shrike sind Teil einer größeren Lieferoffensive: Auterion-Chef Lorenz Meier hatte angekündigt, dass sein Unternehmen 2026 insgesamt rund 100.000 Drohnen in die Ukraine liefern werde, einschließlich eines separaten US-Verteidigungsministeriumsvertrags über 33.000 Einheiten. Dass Deutschland allein 90 Millionen Euro für FPV-Drohnen bereitstellt, markiert einen Wandel im deutschen Rüstungsbeitrag: Noch 2022 war Panzerabwehrmunition der Standard. Drohnen im industriellen Maßstab beschreiben eine andere Kriegslogik.
Selenskyj trifft Trump heute im Weißen Haus
Portsmouth war nur eine Station einer intensiven Reisewoche. Am Dienstag empfängt US-Präsident Donald Trump Selenskyj im Weißen Haus. Im Mittelpunkt soll ein gemeinsamer Vorschlag für einen Luftwaffenstillstand stehen: Beide Seiten sollen weitreichende Luftangriffe einstellen, während Bodengefechte zunächst weiterlaufen. US-Gesandter Steve Witkoff soll den Vorschlag anschließend in Moskau präsentieren.
Die Kombination aus dem IP-Transfer für Stone Cloak und dem amerikanisch-ukrainischen Luftwaffenstillstandsprojekt zeigt zwei parallele Logiken westlicher Ukraine-Politik: Militärisch rüstet der Westen die Ukraine auf, diplomatisch sucht er einen begrenzten Einstieg in eine Deeskalation. Ob Moskau den Luftwaffenstillstand annimmt, ist offen. Der Kreml hat bisher auf ukrainische Gesprächsangebote mit Maximalforderungen geantwortet und bezeichnete Berichte über den Luftwaffenstillstandsvorschlag zuletzt als „Zeitungsartikel”.
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