
128 Gigawatt Solar: Ziel erreicht, Ausbau bedroht
Quellen (10)
- BSW-Solarsolarwirtschaft.de
- Heise Onlineheise.de
- Handelsblatthandelsblatt.com
- Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
- t-onlinet-online.de
- Presseportalpresseportal.de
- LZ.delz.de
- ad-hoc-newsad-hoc-news.de
- Rhein-Neckar-Zeitungrnz.de
- Deutsche Handwerks Zeitungdeutsche-handwerks-zeitung.de
In den ersten sieben Monaten dieses Jahres wurden in Deutschland nur 7,5 Gigawatt Solarleistung neu installiert, weniger als die Hälfte des Jahreszielwerts. Gleichzeitig meldet der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar), dass Deutschland die gesetzliche Marke von 128 Gigawatt Gesamtleistung bereits im August erfüllt hat. Beides passt zusammen: Viele Haushalte haben ihre Anlagen vorgezogen, bevor die garantierte Einspeisevergütung wegfällt. Was nach Erfolg klingt, ist die Stille vor einem möglichen Einbruch.
Was 128 Gigawatt bedeuten
Der Wert von 128 Gigawatt Peak (GWp) ist kein willkürlicher Meilenstein. Paragraf 4 des EEG 2023, verabschiedet im Rahmen des sogenannten Osterpakets im Juli 2022, schreibt konkrete Ausbaupfade fest: 128 GWp bis Ende 2026, dann 172 GWp bis 2028, 215 GWp bis 2030 und 400 GWp bis 2040. Mit dem Erreichen der 128-GWp-Marke im August, also Monate vor dem Jahresende, hat Deutschland die erste dieser Stufen erfüllt.
Zum Vergleich: Im Jahr 2019 lag die installierte Solarleistung in Deutschland bei rund 49 GWp. Seitdem hat sich die Kapazität fast verdreifacht. Über sechs Millionen Solaranlagen, von Freiflächen-Großanlagen bis zu Balkonsystemen auf Mietwohnungen, speisen heute in das Netz ein. Deutschland ist damit einer der am dichtesten mit Solaranlagen bestückten Strommärkte der Welt.
Wie das System bisher funktioniert hat
Der Antrieb hinter diesem Ausbau ist simpel: Wer eine Solaranlage installiert, erhält für den ins Netz eingespeisten Überschussstrom eine garantierte Einspeisevergütung, die für 20 Jahre festgeschrieben ist. Diese staatlich fixierte Vergütung senkt das Investitionsrisiko auf nahezu null, weil Betreiber von Anfang an wissen, zu welchem Preis ihr Strom abgenommen wird.
Für Anlagen bis 100 Kilowatt Peak ist diese Möglichkeit aktuell zugänglich. Sie hat den Balkonkraftwerk-Boom ebenso befeuert wie den Ausbau kleiner Dachanlagen auf Einfamilienhäusern und hat dazu beigetragen, dass die Solarinstallationen in Deutschland auch im internationalen Vergleich breit gestreut sind.
Was ab 2027 wegfällt
Die EEG-Novelle 2027, die das Kabinett am 29. Juli 2026 beschlossen hat und die der Bundestag ab September beraten wird, ändert dieses Modell für Neuanlagen. Der feste Einspeisetarif soll entfallen. Stattdessen müssen Betreiber ihren überschüssigen Solarstrom selbst am Markt vermarkten, entweder über Direktvermarktungsverträge mit Energiehandelsunternehmen oder durch erhöhten Eigenverbrauch. Das Risiko, einen guten Preis zu erzielen, liegt dann beim Anlagenbesitzer.
BSW-Solar-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig mahnt, diese Änderung komme zum falschen Zeitpunkt. „Investitionen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen“, erklärte Körnig. Die Branche verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 lediglich 7,5 GWp neue Solarleistung, weniger als die Hälfte des Jahreszielwerts von 20 GWp. Experten im Sektor vermuten, dass viele Haushalte und Unternehmen ihre Anlagen noch vor dem Wegfall der garantierten Vergütung vorgezogen haben. Dieser Vorzieheffekt stützte die Statistik 2026, könnte aber 2027 als Einbruch sichtbar werden.
Zusätzlich soll die Kompensation für netzbedingte Abregelungen, sogenannte Redispatch-Vergütungen, reduziert werden. Wer eine kleine Anlage betreibt und auf diese Zahlungen angewiesen ist, verliert eine weitere Einnahmequelle. Wer profitiert: Energiehandelsunternehmen, die in der Direktvermarktung als Intermediäre auftreten und die ohnehin auf Direktvermarktung ausgerichteten Großanlagen-Betreiber.
Die Lücke bis 2030: 87 Gigawatt in vier Jahren
Um das gesetzliche Ziel von 215 GWp bis 2030 zu erreichen, müssten in den nächsten vier Jahren noch rund 87 GWp Solarleistung neu ans Netz. Das entspricht einem jährlichen Zubau von mindestens 20 GWp. In den Jahren 2024 und 2025 wurden im Schnitt rund 17,5 GWp pro Jahr neu installiert, also knapp unterhalb des benötigten Tempos. Wenn der Markt 2027 wegen der Fördersystemänderung einbricht, wird das Defizit schnell erheblich.
Das Ziel von 215 GWp bis 2030 ist keine beliebige Zahl. Der Strombedarf in Deutschland steigt durch Elektromobilität, Wärmepumpen und industrielle Elektrifizierung. Ohne zusätzliche Solarleistung am Netz bleibt Deutschland in Schwachwindphasen abhängig von Gaskraftwerken und Importen. Schon jetzt liefern Solaranlagen an klaren Sommertagen gelegentlich mehr Strom als verbraucht werden kann, was zu negativen Börsenstrompreisen führt. Der Ausbau stockt jedoch genau dann, wenn die Systemintegration komplexer und die Netzstabilisierung aufwendiger wird.
Bundestag entscheidet in diesem Herbst
BSW-Solar hat die Bundestagsfraktionen aufgefordert, die geplanten Verschlechterungen für Neuanlagen im parlamentarischen Verfahren zu korrigieren. Konkret verlangt der Verband, die Direktvermarktungspflicht nur schrittweise und an höhere Leistungsgrenzen zu knüpfen statt sie für alle Neuanlagen ab einem bestimmten Stichtag einzuführen. Auch der parallele Netzanschluss-Pakt, der Engpässe beim Netzanschluss von Solaranlagen beheben soll, liegt noch im parlamentarischen Verfahren.
Das Zeitfenster ist eng. Installateure berichten von gut gefüllten Auftragsbüchern für den Rest des Jahres 2026, aber merklicher Zurückhaltung bei Buchungen für 2027. Wenn die politischen Signale aus dem Bundestag bis Jahresende unklar bleiben, droht der erste Ausbauknick in einer Dekade genau zu dem Zeitpunkt, an dem Deutschland Vollgas geben müsste.
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