Ukraine im Kaspischen Meer: Vier Kriegsschiffe zerstört
Am 7. Mai 2026 trafen ukrainische Drohnen im Hafen der russischen Stadt Kaspijsk ein Karakurt-Kriegsschiff, das zuvor Kalibr-Raketen auf ukrainische Ziele abgefeuert hatte. Das Schiff brannte aus. In den nächsten zehn Tagen folgten drei weitere Angriffe auf russische Marineschiffe in demselben Seegebiet. Kaspijsk, der Hauptstützpunkt der russischen Kaspischen Flotille, liegt in der Teilrepublik Dagestan, mehr als 1.000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Russland hatte dieses Seegebiet jahrelang als unangreifbar behandelt.
Was im Kaspischen Meer passiert ist
Die Kaspische See ist ein Binnenmeer ohne Verbindung zu anderen Gewässern. Russlands Kaspische Flotille betreibt von Kaspijsk aus Schiffe, die mit Kalibr-Marschflugkörpern ausgestattet sind, einer Waffe mit bis zu 1.500 Kilometern Reichweite. Seit Kriegsbeginn 2022 nutzte Russland diesen Stützpunkt für Raketenangriffe auf die Ukraine, weil die Distanz jede direkte ukrainische Gegenmaßnahme ausschloss.
Das änderte sich im Mai 2026. Am 7. Mai traf eine ukrainische Drohne einen Karakurt-Raketenträger der Klasse Projekt 22800. Am 15. Mai folgten Angriffe auf einen weiteren Raketenträger und ein Minensuchboot. Am 17. Mai traf eine Drohne ein Patrouillenboot der Klasse Projekt 10410 Swetljak, ein Fahrzeug des russischen Grenzschutzdiensts FSB. In zehn Tagen wurden damit vier russische Schiffe außer Gefecht gesetzt. Das ukrainische Verteidigungsministerium bestätigte die Operationen. Russland hat Verluste nicht offiziell eingeräumt, Satellitenaufnahmen unabhängiger Beobachter zeigen jedoch Schäden an mehreren Fahrzeugen im Hafen.
Die eingesetzten Drohnen legten dabei mehr als 1.000, bei einzelnen Angriffen bis zu 1.500 Kilometer zurück. Das entspricht in etwa der Entfernung von Berlin nach Moskau.
Warum das Kaspische Meer strategisch zählt
Karakurt-Korvetten verfeuern Kalibr-Raketen, die ukrainische Städte und Infrastruktur treffen. Russland nutzte den Kaspischen Raum als Reserve-Abschussbasis: Während die Ukraine ihre Luftabwehr auf die Einflugkorridore aus dem Norden, Osten und Westen ausrichtete, kamen Angriffe aus dem Südosten aus einer anderen Himmelsrichtung mit anderem Zeitfenster.
Dieser taktische Vorteil entfällt nun. Das Analyseportal Euromaidanpress schrieb nach den Angriffen: "Russia's safe zone is gone." Die Formulierung beschreibt den strategischen Kern: Jedes Schiff, jedes Radarsystem und jede Luftabwehreinheit, die jetzt zum Schutz der Kaspischen Flotille abgestellt werden muss, fehlt anderswo. Die Angriffe binden russische Ressourcen über Tausende Kilometer Frontlänge hinaus.
Parallel zu den Marineoperationen hat die Ukraine nach eigenen Angaben Flamingo-Marschflugkörper eigener Produktion auf ein russisches Waffendepot rund 1.200 Kilometer von der ukrainischen Grenze abgefeuert. Die Flamingo ist ein ukrainisch entwickeltes System, das nach dem Vorbild russischer Kalibr-Raketen gebaut wurde. Seine Reichweite war bisher nicht öffentlich bekannt.
Selenskyjs Bilanz: Fortschritte und weiter offene Fronten
Selenskyj bezeichnete die Entwicklungen als "positive Entwicklungen" für die Ukraine, ohne einzelne Operationen öffentlich zu bestätigen. Der Rahmen, in den er sie stellt: Die Ukraine habe gezeigt, dass sie Russland überall treffen kann, also auch im Hinterland, also auch auf dem Kaspischen Meer.
Die Gegenseite der Bilanz ist nüchterner. Russland hält weite Teile der besetzten Gebiete. Ende März bis Anfang April erklärte Russland, die gesamte Region Luhansk nun vollständig unter Kontrolle zu haben. Die Ukraine bestreitet das und gibt an, im Südwesten der Region noch Gebiete zu halten. Die Frontlinie selbst hat sich seit Monaten kaum verschoben. Russische Drohnenangriffe auf ukrainische Städte haben im Mai zugenommen: Bei Angriffen auf Charkiw fiel nach Behördenangaben bei 80 Prozent der Bevölkerung der Strom aus. In der Region Dnipropetrowsk kamen bei weiteren Angriffen Menschen ums Leben.
Die dreitägige Waffenruhe vom 9. bis 11. Mai, die von US-Präsident Donald Trump vermittelt worden war, endete mit der sofortigen Wiederaufnahme russischer Drohnenangriffe. Russland nutzte die Pause nach ukrainischen Berichten, um Truppen zu rotieren und Verstärkungen heranzuführen. Seitdem gibt es keinen vereinbarten Verhandlungsrahmen.
Sechs Wochen nach der Feuerpause
Selenskyj hat ein Referendum über ein mögliches Friedensabkommen in Aussicht gestellt, jedoch nur unter einer Bedingung: Russland müsste einer 60-tägigen Waffenruhe zustimmen. Russland hat das bisher abgelehnt. Außenminister Sergej Lawrow erklärte in den vergangenen Wochen wiederholt, er sehe keine Bewegung auf ukrainischer oder europäischer Seite in Richtung eines Kompromisses.
Die Kaspischen Angriffe werden die Verhandlungsposition der Ukraine militärisch stärken, weil sie zeigen, dass die Ukraine trotz eingefrorener Front operativ handlungsfähig ist. Ob das die russische Seite zu Gesprächen bewegt, ist eine andere Frage. Die nächste formale Möglichkeit für eine Vermittlungsrunde könnte im Juni entstehen, wenn die US-Regierung eine neue Initiative startet. Konkrete Termine gibt es bisher nicht.
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