Warum E10 in Deutschland 30 Cent mehr kostet als in Frankreich
Wirtschaft

Warum E10 in Deutschland 30 Cent mehr kostet als in Frankreich

E10 kostet in Deutschland derzeit über 2,10 Euro je Liter, in Frankreich rund 1,88 Euro. Der Unterschied liegt nicht im Ölpreis, sondern in Steuern, Marktversagen und einer politischen Koalition, die sich seit Monaten nicht einigen kann.

27. Juli 2026, 18:44 Uhr 751 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Super E10 kostet im deutschen Bundesdurchschnitt derzeit zwischen 2,08 und 2,14 Euro je Liter. In Frankreich sind es rund 1,88 Euro, in Österreich rund 1,78 Euro. Der Weltmarktpreis für Rohöl ist für alle drei Länder derselbe. Der Unterschied von 25 bis 35 Cent ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Steuerentscheidungen, einem Markt, den das Bundeskartellamt beobachten aber nicht dirigieren kann und einer Koalition, die seit Monaten keine einheitliche Antwort auf die Frage findet: Wer soll entlastet werden?

Was hinter dem Preisunterschied steckt

Der größte Einzelposten im deutschen Benzinpreis ist die Energiesteuer: 65,45 Cent je Liter für Super E10. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer von 19 Prozent auf den Gesamtpreis, inklusive der bereits gezahlten Steuer. Und seit 2021 der CO2-Preis, der 2026 bei 55 Euro je Tonne CO2 liegt und rund 13,5 Cent je Liter Benzin entspricht. Zusammen entfallen auf Steuern und Abgaben rund 65 bis 70 Prozent des deutschen Zapfsäulenpreises.

Frankreich und Österreich haben ebenfalls hohe Kraftsteuern, aber günstigere Strukturen. Frankreich subventioniert seit der Energiepreiskrise 2022 Teile der Steuer, Österreich hat die Energiesteuer 2023 dauerhaft leicht gesenkt. Zum Vergleich: Der Benzinpreis in den Niederlanden, das traditionell die höchste Steuerquote in Europa hat, liegt bei rund 1,82 Euro, ebenfalls unter dem deutschen Wert. Die Energiesteuer ist nicht das einzige Problem, aber das erklärungsstärkste.

Was das Kartellamt kann und nicht kann

Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ließ im vergangenen Jahr prüfen, ob eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne möglich ist, wenn diese fallende Rohölpreise nicht weitergeben. Das Einnahmepotenzial bezifferte sein Ministerium auf vier bis fünf Milliarden Euro. Die Idee ist nicht neu: Großbritannien führte nach der Energiepreiskrise 2022 eine Windfall Tax für Energiekonzerne ein, die trotz Industrieprotesten in Kraft blieb und bis Ende 2025 Milliarden einbrachte.

Kartellamt-Präsident Andreas Mundt hatte bereits im Frühjahr gewarnt, Mineralölkonzerne gäben fallende Rohölpreise nicht vollständig weiter. Das Bundeskartellamt hat seit März 2026 erweiterte Befugnisse, die der Bundestag mit dem Kraftstoffmaßnahmenpaket beschlossen hat: Tankstellen dürfen Preise nur noch einmal täglich erhöhen, Senkungen aber jederzeit vornehmen. Mundt räumte selbst ein: „Wir können Preise nicht per Knopfdruck senken." Das Amt kann dokumentieren und mahnen, aber keine Preise erzwingen.

Zwei Lösungsansätze, keine Einigung

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche lehnt Übergewinnsteuer und Preisdeckel ab. Stattdessen brachte Kanzler Friedrich Merz eine Erhöhung der Pendlerpauschale von derzeit 38 auf bis zu 45 Cent je Kilometer ins Gespräch. Der Entlastungseffekt hängt vom persönlichen Einkommensteuersatz ab: Wer vierzig Kilometer täglich fährt und vierzig Prozent Spitzensteuersatz zahlt, bekäme durch die Pauschale rund 800 Euro jährlich zurück. Wer keinen langen Arbeitsweg hat oder nicht Auto fährt, bekommt nichts.

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds, bezeichnete die Pendlerpauschale als „Subvention für Besserverdienende". Faktisch stimmt das: Die Pauschale hilft proportional mehr, je höher das Einkommen und je weiter der Weg. Pflegekräfte, Supermarktkassiererinnen und Mindestlöhner mit kurzem Weg profitieren kaum. Klingbeil hingegen argumentiert, die Übergewinnsteuer helfe allen, nicht nur Pendlern und treffe dort, wo die Margen entstehen.

Die taz berichtete, die Automobilindustrie stelle sich hinter Reiche: Eine direkte Marktintervention durch Übergewinnsteuern oder Preisdeckel erhöhe die Rechtsunsicherheit für Investitionen. Wirtschaftsvertreter bevorzugen strukturelle Steuerentlastung, die den Markt nicht verzerrt.

Was nach dem Tankrabatt fehlte

Der Tankrabatt war eine befristete Lösung, die von Mai bis Ende Juni 2026 lief und Autofahrer um rund 17 Cent je Liter entlastete. Er kostete den Staat rund 1,6 Milliarden Euro, gegenfinanziert durch eine Tabaksteuererhöhung. Am letzten Tag des Rabatts kostete E10 im Schnitt 1,92 Euro; am Tag danach 1,98 Euro. Seither ist der Preis auf 2,08 bis 2,14 Euro gestiegen, weil Brent im Juli kurzzeitig wieder die 100-Dollar-Marke überschritt und die Nachbarschaft der Monate mit dem Iran-Konflikt die Grundunsicherheit erhöhte. Seit Montag ist Brent auf rund 92 Dollar gefallen; ob dieser Rückgang die Zapfsäulenpreise bis Ende der Woche erreicht, ist der erste belastbare Praxistest für das Kartellamt-Maßnahmenpaket.

Diesel liegt derzeit bei rund 2,35 Euro je Liter, einer Marke, die vor allem Speditionen, Lieferdienste und Landwirtschaft trifft. Der ADAC verfolgt die Preisentwicklung täglich; ob die jüngste Ölpreiskorrektur bis zum Ende dieser Woche an deutschen Tankstellen ankommt, ist das konkreteste Messinstrument für die Wirksamkeit der bisherigen Maßnahmen.

Quellen (8)

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