Schwerster Angriff des Jahres: 38 Tote nahe Kiew
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Schwerster Angriff des Jahres: 38 Tote nahe Kiew

Ein russischer Drohnenangriff traf ein Munitionslager im Dorf Myla westlich von Kiew. Die Sekundärexplosionen töteten 38 Menschen, beschädigten oder zerstörten mindestens 50 Wohngebäude und zwangen 381 Menschen zur Evakuierung. Premierminister Koretskyi nennt es 'kriminelle Fahrlässigkeit', Selenskyj leitet Strafverfahren gegen eigene Beamte ein.

Quellen (9)
  1. NPR / APnpr.org
  2. NBC Newsnbcnews.com
  3. RFE/RLrferl.org
  4. Euronewseuronews.com
  5. Kyiv Postkyivpost.com
  6. Swissinfo (Selenskyj 1.000 Drohnen)swissinfo.ch
  7. Al Jazeera (Drohnenankündigung)aljazeera.com
  8. Tagesspiegeltagesspiegel.de
  9. t-onlinet-online.de
1. September 2026, 8:04 Uhr785 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Präsident Wolodymyr Selenskyj leitete am Samstag Strafverfahren gegen eigene Beamte ein. Ihr Vergehen: Sie hatten ein Munitionsdepot direkt neben Wohnhäusern im Dorf Myla im Bezirk Butscha genehmigt, obwohl ukrainisches Recht die Munitionslagerung neben Wohngebieten ausdrücklich verbietet. Als in der Nacht zuvor eine russische Drohne das Lager traf und Sekundärexplosionen auslöste, starben 38 Menschen, wurden mindestens 42 weitere verletzt, mindestens 50 Wohngebäude beschädigt oder zerstört und 381 Personen evakuiert.

Drei Nächte Dauerbeschuss nahe Kiew

Der Angriff auf Myla war Teil einer mehrtägigen Angriffswelle russischer Streitkräfte auf die Region Kiew. Bereits in der Nacht vom 26. auf den 27. August hatten russische Streitkräfte Raketen und Drohnen unter anderem auf den historischen Stadtbezirk Podilskyi in Kiew abgefeuert. In der Nacht des Angriffs auf Myla waren mehrere Stadtteile der Hauptstadt gleichzeitig im Alarmzustand. Angriffe dieser Groessenordnung gab es zuletzt im Winter 2025/2026, als Russland Schwärme von mehr als 650 Drohnen gegen ukrainische Energieanlagen einsetzte.

Der bisherige tödlichste Einzelangriff des Jahres war ein Drohnen- und Raketenangriff auf Kiew am 2. Juli, bei dem 31 Menschen starben. Myla übertrifft diese Zahl um sieben. Analysten sehen in der russischen Kampfführung eine zunehmende Konzentration auf die Kiewer Region: Während die Frontlinie im Osten festgefahren bleibt, ziele Moskau mit Angriffen auf das Hinterland auf den Durchhaltewillen der Bevölkerung. Dass ein Treffer auf ein Munitionslager im Butscha-Bezirk zur tödlichsten Konsequenz des Jahres führt, hat jedoch einen zweiten, innenpolitisch brisanten Grund.

Das eigentliche Problem: Munition neben Wohnhäusern

Die eigentliche Explosionskraft kam nicht von der russischen Drohne, sondern von dem, was sie traf. Nach Angaben ukrainischer Behörden lagerten in dem Warenlager in Myla Granaten, Minen und Munitionsbestandteile. Russlands Verteidigungsministerium behauptete seinerseits, das Depot habe Komponenten und Startbeschleuniger für ukrainische Langstreckendrohnen enthalten. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet, um zu klären, was genau gelagert war und ob die erforderlichen Sicherheitsgenehmigungen vorlagen.

Präsident Wolodymyr Selenskyj reagierte mit für ihn ungewöhnlich scharfer Kritik an der eigenen Verwaltung. Das ukrainische Recht verbiete ausdrücklich, Munition in der Nähe von Wohngebieten zu lagern. „Eine schreckliche Situation und schreckliche Fahrlässigkeit derer, die Sprengstoff direkt neben Menschen lagerten", sagte er. Er gab bekannt, dass Strafverfahren eingeleitet worden seien und nannte zwei Beamte staatlicher Unternehmen als Verantwortliche, darunter Mitarbeiter von Ukrainian Defense Industry (UDI), dem größten staatlichen Rüstungskonzern der Ukraine. Sie hätten die illegale Lagerung genehmigt und würden zur Rechenschaft gezogen. Premierminister Serhii Koretskyi wurde in seiner Einschätzung noch deutlicher: „Dass man im fünften Jahr des Vollangriffs immer noch dieselben Fehler macht, ist kriminelle Fahrlässigkeit.“

Für die Anwohner des Dorfes Myla kommen solche Ankündigungen zu spät. Mindestens 50 Wohngebäude wurden durch Druckwellen und Brände beschädigt oder zerstört. Feuerwehrleute und Rettungskräfte arbeiteten stundenlang unter anhaltenden Rauchsäulen. Regionale Behörden evakuierten 381 Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld des Depots, darunter Familien, die von der Nutzung des Gebäudes nichts gewusst hatten.

Selenskyjs Antwort: Kurs auf 1.000 Drohnen täglich

Einen Tag vor dem Angriff auf Myla hatte Selenskyj die ukrainische Drohnenstrategie öffentlich beziffert. Die Ukraine führe derzeit durchschnittlich über 300 Langstreckendrohnenangriffe täglich gegen russisches Territorium durch, erklärte er am 28. August. Das erklärte Ziel sei es, diese Zahl auf 1.000 tägliche Einsätze zu steigern. Ziele seien Ölraffinerien, Logistikzentren und militärische Infrastruktur in der Tiefe des russischen Hinterlandes.

Diese Ankündigung folgt einer erkennbaren Eskalationsdynamik. In den vergangenen Monaten hatte die Ukraine immer tiefer in russisches Territorium getroffen, darunter eine Gasverarbeitungsanlage in der Region Orenburg, rund 1.500 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Jede erfolgreiche Infrastrukturattacke erhöht nach ukrainischer Kalkulation die Kriegskosten für Moskau und reduziert Russlands Fähigkeit, neue Waffensysteme zu finanzieren. Russland antwortet auf diese Schläge traditionell mit Massenangriffen auf ukrainische Städte. Myla reiht sich zeitlich in diesen Kreislauf ein; ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht belegt.

Der Angriff auf Myla illustriert den Spiralcharakter des Konflikts in besonderer Schärfe: Ein russischer Drohnenangriff traf ein Munitionslager der ukrainischen Streitkräfte und tötete dabei Zivilisten, die von diesem Lager nichts wussten. Der mutmaßlich illegale Lagerort macht die Katastrophe gleichzeitig zu einem Versagen des ukrainischen Staatsapparats. Selenskyj benennt beides offen: den russischen Angriff und die eigene Mitverantwortung.

Strafverfolgung und die nächste Drohnenwelle

Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft untersucht die Frage der Sicherheitsverstöße bei der Munitionslagerung. Parallel prüft Selenskyj nach eigenen Angaben, welche strukturellen Maßnahmen verhindern sollen, dass Munition künftig in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten gelagert wird. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag, der seit 2022 Ukraine-bezogene Kriegsverbrechensermittlungen führt, ist für Angriffe dieser Art grundsätzlich zuständig, bewegt sich aber in Zeithorizonten von Jahren oder Jahrzehnten.

Russland hat seine Angriffsstrategie gegen die ukrainische Zivilbevölkerung in den vergangenen Wochen deutlich intensiviert. Gleichzeitig baut die Ukraine ihre Drohnenkapazitäten weiter aus, unter anderem durch ein im Juli 2026 unterzeichnetes Abkommen mit der Europäischen Union zur gemeinsamen Produktion. Ob Selenskyjs Ziel von täglich 1.000 Langstreckendrohnen erreichbar ist und wann, hat Kiew nicht kommentiert. Was feststeht: Die nächste Angriffswelle kommt. Myla ist kein Endpunkt, sondern ein weiterer Datenpunkt in einer Chronologie, die seit Februar 2022 andauert.

Korrektur 17. September, 19:43 Uhr: Vier Stellen berichtigt. Drei Deutungen zur russischen Strategie und zu Selenskyjs Auftreten standen als Feststellungen im Text und sind jetzt als Einschätzung erkennbar oder auf das Belegbare zurückgenommen. Der Intensitaetsvergleich zum Winter 2025/2026 war durch keine Quelle gedeckt und ist entsprechend vorsichtiger gefasst.

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