Natürliches Peptid ohne Ozempic-Nebenwirkungen entdeckt
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Natürliches Peptid ohne Ozempic-Nebenwirkungen entdeckt

Stanford-Forschende haben ein körpereigenes Peptid namens BRP identifiziert, das im Tiermodell den Appetit ähnlich stark drosselt wie Ozempic, aber ohne Übelkeit, Verstopfung und Muskelverlust. Entdeckt per KI-Algorithmus aus über 2.600 Peptid-Kandidaten.

28. Juli 2026, 9:13 Uhr 763 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Wer Ozempic nimmt, muss bisher Übelkeit, Verstopfung und Muskelverlust in Kauf nehmen. Stanforder Forschende haben jetzt ein körpereigenes Peptid namens BRP identifiziert, das im Tiermodell den Appetit ähnlich stark drosselt wie Semaglutid, ohne diese Probleme zu verursachen. Entdeckt haben sie es mit einem KI-Werkzeug, das alle 20.000 menschlichen proteinkodierenden Gene durchforstete.

Was ist BRP und woher kommt es?

BRP steht für BRINP2-related-peptide. Es ist ein natürlich vorkommendes Molekül, das der menschliche Körper selbst bildet, bestehend aus nur zwölf Aminosäuren. Das Ausgangsmolekül ist das Protein BRINP2, aus dem BRP als kleines Fragment enzymatisch freigesetzt wird.

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Das Forschungsteam um Dr. Katrin Svensson, Assistenzprofessorin für Pathologie an der Stanford University und die Leitautorin Dr. Laetitia Coassolo hat BRP nicht durch klassische Laborsuche gefunden, sondern per Algorithmus. Ihr KI-Werkzeug namens Peptide Predictor durchsuchte alle 20.000 proteinkodierenden Gene des Menschen, identifizierte 373 Kandidaten-Prohormone und destillierte daraus 2.683 potenzielle Peptid-Fragmente, von denen 100 für Labortests ausgewählt wurden. BRP setzte sich durch. Die Originalarbeit erschien im März 2025 in Nature (Vol. 641); eine Folgestudie mit Miniaturschweindaten veröffentlichte das Team im Juli 2026 und bestätigte die Ergebnisse an einem Tiermodell mit dem Menschen ähnlicherem Stoffwechsel.

Warum Ozempic so viele Nebenwirkungen hat

Semaglutid, der Wirkstoff in Ozempic und Wegovy, wirkt als GLP-1-Agonist: Es bindet an Rezeptoren im Verdauungstrakt, der Bauchspeicheldrüse und im Gehirn. Diese breite Wirkung erklärt sowohl die Wirksamkeit als auch die Nebenwirkungen. Übelkeit tritt bei bis zu 44 Prozent der Patientinnen und Patienten auf, Verstopfung bei rund 24 Prozent. Hinzu kommt Muskelverlust: In der STEP1-Studie entfielen 39 bis 40 Prozent des Gesamtgewichtsverlusts mit Semaglutid auf Muskelmasse, was langfristig Körperkraft und Sturzstabilität mindert.

BRP geht diesen Weg nicht. Es aktiviert gezielt POMC-Neuronen (Proopiomelanocortin-Neuronen) im Hypothalamus, dem Hirnareal das Hunger und Sättigung reguliert. Die Signalkaskade läuft über die Moleküle cAMP, PKA, CREB und FOS, vollständig getrennt vom GLP-1-System. In Zellversuchen aktivierte BRP diese Neuronen laut Studie zehnmal stärker als unbehandelte Kontrollzellen. Da die Wirkung auf das Gehirn beschränkt bleibt, entfallen Magen-Darm-Effekte.

Was die Tierdaten zeigen

Fettleibige Mäuse, die täglich BRP-Injektionen erhielten, reduzierten ihre Futteraufnahme um bis zu 50 Prozent innerhalb einer Stunde nach der Injektion. Über 14 Tage verloren diese Tiere durchschnittlich drei Gramm Körperfett; die Kontrollgruppe nahm im selben Zeitraum drei Gramm zu. Muskelmasse blieb erhalten, Übelkeitsreaktionen wurden nicht beobachtet, die Glukose- und Insulintoleranz verbesserte sich.

Für die Folgestudie testete das Team BRP auch an Minischweinen, deren Stoffwechsel dem menschlichen deutlich ähnlicher ist als der von Mäusen. Auch dort reduzierten die Tiere nach einer einzigen Injektion die Futteraufnahme deutlich, ohne Stressreaktionen oder Verdauungsstörungen zu zeigen. Svensson erklärte, BRP scheine spezifisch im Hypothalamus zu wirken, der Appetit und Stoffwechsel kontrolliere.

gewichtsverlust

Im Vergleich: Wie lang andere Adipositas-Wirkstoffe brauchten

Semaglutid wurde ursprünglich als Diabetesmittel entwickelt. Es erhielt 2017 als Ozempic die erste FDA-Zulassung, also rund 25 Jahre nach den ersten GLP-1-Laborversuchen in den frühen 1990ern; für Adipositas als Wegovy folgte die Zulassung erst 2021. Tirzepatid (Zepbound) von Eli Lilly, ein dualer GLP-1/GIP-Agonist, erhielt die FDA-Zulassung für Adipositas im November 2023 und zeigte in der SURMOUNT-2-Studie einen Gewichtsverlust von bis zu 15,7 Prozent bei Menschen mit Adipositas und Typ-2-Diabetes. Beide Wirkstoffe teilen die bekannten Magen-Darm-Nebenwirkungen.

Die Nachfrage nach Alternativen ist real: Rund ein Drittel der Semaglutid-Patientinnen und -Patienten bricht die Therapie im ersten Jahr wegen Unverträglichkeiten ab, wie Auswertungen aus US-amerikanischen Versicherungsdaten zeigen. Weltweit sind laut Weltgesundheitsorganisation über eine Milliarde Menschen von Adipositas betroffen.

Drei Bedingungen für den klinischen Durchbruch

Dr. Svensson hat mit Merrifield Therapeutics eine Ausgründung gegründet, um BRP in die klinische Entwicklung zu bringen. Humantests laufen noch nicht, kein IND-Antrag (Investigational New Drug) bei der FDA ist angekündigt. Im günstigsten Fall rechnen Branchenkenner mit fünf bis sieben Jahren bis zu einer möglichen Zulassung.

Drei Hürden sind dabei zu nehmen. Erstens muss BRP im menschlichen Hypothalamus genauso wirken wie in Mäusen und Minischweinen. Das ist nicht selbstverständlich: Viele Adipositas-Kandidaten haben Tierversuche überzeugend bestanden und in Phase-II-Studien am Menschen versagt. Die FDA verlangt hierfür randomisierte kontrollierte Studien mit Hunderten von Teilnehmenden über Monate. Zweitens muss das Lieferproblem gelöst werden. Peptide werden im Verdauungstrakt abgebaut, was eine Tablette schwierig macht. Vermutlich wäre wie bei Semaglutid eine wöchentliche Injektion oder ein Depotpflaster nötig. Drittens stammen sämtliche Sicherheitsdaten bisher aus Versuchen die maximal 14 Tage dauerten. Langzeiteffekte beim Menschen sind völlig unbekannt.

Es spricht für die Ernsthaftigkeit des Ansatzes, dass die Stanforder Forschungsgruppe die kommerzielle Ausgründung Merrifield Therapeutics erst gegründet hat, nachdem die Tierdaten repliziert und in Nature publiziert waren, nicht davor. Ob BRP die klinischen Hürden überwindet, wird frühestens 2028 oder 2029 klarer sein. Was jetzt schon feststeht: Die KI-gestützte Suche nach körpereigenen Peptiden eröffnet ein systematisches Suchfeld für die Pharmakologie, das vorher kaum erschlossen war.

Quellen (10)

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