Zehnfache Strompreise: Was die Hitzewelle zeigt
Tagsüber produzieren Solaranlagen so viel Strom, dass Preise zeitweise ins Negative fallen. Wenige Stunden später, wenn die Sonne untergeht und die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen, explodiert derselbe Markt. Am Dienstagabend kletterte der Börsenstrompreis auf über 600 Euro je Megawattstunde. Am Mittwoch wurden kurzzeitig Werte von über 750 Euro erreicht. Kunden mit dynamischen Stromtarifen zahlten für einzelne Abendstunden bis zu 109 Cent je Kilowattstunde. Das ist das Hitzeparadox der Energiewende.
Die Lücke zwischen Mittag und Abend
Unter normalen Bedingungen liegt der Börsenstrompreis derzeit bei rund 50 bis 70 Euro je Megawattstunde. Das bedeutet: Die Hitzewelle hat ihn zeitweise um den Faktor zehn bis zwölf ansteigen lassen. Das Handelsblatt berichtete in seiner Berichterstattung direkt von einer Verzehnfachung. Bestandskunden mit Festpreisverträgen zahlen im Schnitt 31,2 Cent je Kilowattstunde und bleiben von den Spitzen unberührt. Betroffen sind vor allem Haushalte, die auf dynamische Tarife umgestiegen sind, weil diese im Jahresmittel günstiger erschienen.
Die Preisspitzen entstehen in einem engen Zeitfenster: zwischen 19 und 23 Uhr, wenn die Solareinspeisung weitgehend zum Erliegen kommt. Am Mittwoch, dem 24. Juni, war diese Abendlücke besonders ausgeprägt. Windkraft produzierte wenig, Temperaturen blieben hoch, der Kühlungsbedarf von Haushalten, Büros und Rechenzentren stieg weiter. Zusätzlich mussten Kernkraftwerke in Frankreich und der Schweiz gedrosselt werden, weil die Kühlwassertemperaturen der Flüsse die zulässigen Grenzwerte überstiegen.
Warum Hitzewellen das Stromsystem besonders belasten
Beim Hitzehoch Hartmut treffen drei ungünstige Faktoren zusammen. Erstens: Hohe Temperaturen erhöhen den Strombedarf, vor allem für Klimaanlagen, die in deutschen Haushalten und Büros inzwischen weit verbreitet sind. Zweitens: Photovoltaikanlagen erzeugen ihren größten Ertrag am frühen Nachmittag, nicht in den Abendstunden. Drittens: In ganz Europa sank die Windgeschwindigkeit während der Hitzewelle auf ein Minimum. In einem System, das stark auf Solar und Wind setzt, öffnet sich damit eine kritische Stunde am Abend.
Das ist kein theoretisches Szenario, sondern ein wiederkehrendes Muster. Bereits im Dezember 2024 stiegen die Börsenstrompreise während einer europäischen Windstille auf 936 Euro je Megawattstunde, dem bisherigen Rekordwert. Hitzewellen und Windflauten erzeugen strukturell ähnliche Situationen: Hoher Bedarf trifft auf geringe Erzeugung aus erneuerbaren Quellen und konventionelle Kraftwerke müssen zu Spitzenpreisen einspringen.
Was das mit der Energiewende zu tun hat
Deutschland hat den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix in den vergangenen Jahren stark erhöht. Das hat den durchschnittlichen Strompreis unter Druck gebracht und ist gut für die Klimaziele. Es hat aber ein strukturelles Problem erzeugt: Die Energiewende optimiert das System für den Durchschnitt, nicht für die Extreme.
Stromspeicher, die Überschuss vom Mittag in den Abend verschieben könnten, fehlen in ausreichendem Umfang. Die Bundesregierung hat Speicherausbau als Ziel formuliert, doch Fachleute warnen seit Jahren, dass das Tempo zu langsam ist. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat darauf hingewiesen, dass auch ein deutlicher Speicherausbau allein keine Garantie gegen solche Preisausschläge bietet, solange Nachfragesteuerung fehlt.
Genau das ist das zweite fehlende Element: die Verlagerung von Verbrauch. Wenn Strom am Mittag überflüssig und am Abend knapp ist, wäre es logisch, Verbraucher mit variablen Tarifen dazu zu bringen, ihren Verbrauch zu verschieben. Wäsche waschen um 13 Uhr statt um 20 Uhr, Elektroauto laden am frühen Nachmittag statt nach Feierabend. Solche Ansätze sind in Dänemark und Großbritannien weit verbreitet. In Deutschland gibt es sie, aber die Verbreitung dynamischer Stromtarife ist gering und die politische Unterstützung zögerlich.
Energieeffizienzgesetz wird abgemildert statt gestärkt
Was die Hitzewoche besonders bemerkenswert macht, ist ihr politischer Kontext. Die tagesschau berichtete am 24. Juni, dass die Anforderungen an Unternehmen zum Energiesparen gesenkt werden sollen. Das geplante Energieeffizienzgesetz, das Firmen verpflichten sollte, ihren Verbrauch flexibler und effizienter zu gestalten, wird demnach abgemildert. Das ist das Gegenteil dessen, was das Hitzeparadox erfordert: mehr Flexibilität, nicht weniger.
Die Bundesnetzagentur betonte nach den Preissprüngen, das Netz habe stabil gehalten. Technisch ist das korrekt: Es gab keinen Notfall, keine Abschaltungen. Aber technische Stabilität und ökonomische Effizienz sind verschiedene Dinge. Wer am Dienstagabend um 21 Uhr den Trockner einschaltete, zahlte das Zwanzigfache des Mittagspreises, ohne es zu merken. Der nächste Hitzesommer kommt mit Sicherheit. Ob das System bis dahin gelernt hat, flexibler zu reagieren, ist die entscheidende politische Frage.
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