Tabaksteuer soll stärker steigen als geplant
Politik

Tabaksteuer soll stärker steigen als geplant

Die schwarz-rote Koalition will die Tabaksteuer deutlich schärfer anheben als im April beschlossen. Ab September steigt die Steuer in zwei Stufen um rund 20 Prozent, bis 2030 soll eine Packung Zigaretten fast zwölf Euro kosten. Doch Schwarzmarktdaten zeigen: Raucher weichen bereits jetzt aus.

13. Juli 2026, 2:40 Uhr 761 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Der Finanzminister hat ein Problem, das er mit Rauchern lösen will. Weil die Koalition ihre Zuschüsse an gesetzliche Krankenkassen weniger stark kürzen will als ursprünglich geplant, muss Lars Klingbeil von 2027 an jährlich rund 800 Millionen Euro mehr eintreiben als vorgesehen. Die Lösung: Die Tabaksteuer soll noch stärker steigen als im Frühjahr beschlossen, in einer Staffelung bis 2030, die fast zwölf Euro pro Packung anpeilt.

Von der Krankenkassen-Entlastung zum Haushaltspuffer

Als die schwarz-rote Koalition im April 2026 ihr Entlastungspaket beschloss, spielte die Tabaksteuererhöhung eine tragende Nebenrolle. Für den steuerfreien 1.000-Euro-Arbeitgeberbonus brauchte der Bund Gegenfinanzierung. Diese sollte von Rauchern kommen. Gleichzeitig hatten Gesundheitspolitiker in der Koalition die Einnahmen als Entlastung für die gesetzlichen Krankenkassen angekündigt. Beide Versprechen wurden nicht eingelöst.

Laut Apothekenbranchenmedium APOTHEKE ADHOC floss die Tabaksteuer nicht in die GKV-Entlastung, sondern in die Finanzierung des Arbeitgeberbonusprogramms. Nun kommt eine zweite Wendung: Die Koalitionsfraktionen beschlossen, die Steuerzuschüsse an gesetzliche Krankenkassen nicht so stark zu kürzen wie im Gesundheitssparpaket vorgesehen. Das hinterlässt Klingbeil eine neue Finanzierungslücke, die er mit noch stärkerer Tabaksteuer schließen will. Rund 800 Millionen Euro mehr jährlich als ursprünglich geplant sollen die Einnahmen bis 2027 erbringen, insgesamt rund 4,5 Milliarden Euro mehr bis 2030.

Der konkrete Plan sieht zwei Erhöhungsschritte vor: Zum 1. September 2026 steigt die Tabaksteuer um rund 15 Prozent, zum Jahreswechsel 2026/2027 folgt ein weiterer Schritt von rund fünf Prozent. Danach sollen jährliche Anhebungen bis 2030 kommen. Der Steueranteil pro Packung soll laut Bundesfinanzministerium von heute rund vier Euro auf 6,19 Euro steigen.

Was das für Raucher konkret bedeutet

Wer täglich raucht, spürt die Erhöhung schnell. Schon der erste Schritt zum 1. September bedeutet einen Aufschlag von rund 1,18 bis 1,33 Euro pro 20er-Packung. Bei einer Packung täglich macht das rund 430 bis 500 Euro mehr im Jahr, allein aus dem ersten Schritt. Nach allen Erhöhungen bis 2030 soll eine Packung fast zwölf Euro kosten, drei Euro mehr als heute.

Stark betroffen sind auch Feinschnittraucher: Ein 30-Gramm-Beutel Drehtabak soll um insgesamt rund 1,54 Euro teurer werden. Wer auf E-Zigaretten ausweicht, zahlt ebenfalls mehr, da die Steuer auf Liquids und Tabakerhitzer mitangehoben wird.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kritisierte die Pläne Mitte April scharf: Die Erhöhung belaste überproportional Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen, die einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Tabak ausgeben als Besserverdienende. Gleichzeitig seien rund 6.200 Arbeitsplätze in tarifgebundenen Betrieben der deutschen Zigarren- und Zigarettenindustrie gefährdet.

Die Koalition begründet die Erhöhung offiziell auch mit Gesundheitsschutz: Höhere Preise senken den Konsum, insbesondere bei Jugendlichen. Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte dieses Argument bereits in früheren Debatten vertreten und betont, Tabak- und Alkoholkonsum hänge stark vom Preis ab. Tatsächlich ist der Zusammenhang empirisch belegt. Er widerspricht aber der Logik des Finanzplans: Wer den Konsum dauerhaft senken will, darf keine stabilen Mehreinnahmen einkalkulieren.

Schwarzmarkt wächst, bevor die nächste Stufe kommt

Die Pläne stoßen auf ein strukturelles Problem, das die aktuellen Daten bereits zeigen: Nach der Tabaksteuererhöhung zum Jahreswechsel 2025/2026 brachen die staatlichen Einnahmen aus dem legalen Markt ein. Von Januar bis Mai 2026 sanken die Tabaksteuereinnahmen um 20,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das ist kein Zeichen dafür, dass weniger geraucht wird. Es zeigt, dass mehr Raucher auf illegale Ware umsteigen.

Einem KPMG-Bericht zum illegalen Tabakmarkt zufolge wurden in Deutschland zuletzt rund 1,9 Milliarden illegale Zigaretten pro Jahr konsumiert. Deutschland werde zunehmend auch zum Produktionsstandort für Fälschungen. Die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft (BDZ) warnte im Juni, der Schwarzmarkt wachse und der Zoll brauche mehr Ressourcen, um Lieferketten zu kontrollieren.

Der Bundesverband der Tabakwirtschaft (BVTE) sprach gegenüber dem Presseportal von einem drohenden Zusammenbruch des legalen Marktes. Christian Cordes, Director Corporate & Legal Affairs bei Reemtsma, dem zweitgrößten deutschen Tabakhersteller, warnte vor "französischen oder niederländischen Verhältnissen, wo der legale Markt faktisch zusammengebrochen ist". Frankreich und die Niederlande hatten nach drastischen Tabaksteuererhöhungen massive Verlagerungen in den Schwarzmarkt erlebt. Cordes bezifferte die von der Regierung prognostizierten Mehreinnahmen von über acht Milliarden Euro bis 2030 als "illusorisch", wenn ein wachsender Teil des Markts illegal werde.

Parlamentsberatungen laufen, erster Schritt am 1. September

Bevor die Erhöhung in Kraft tritt, muss der Bundestag einen Gesetzentwurf beschließen. Das Bundesfinanzministerium hat die Eckwerte vorgelegt, die parlamentarische Beratung läuft derzeit. Die bisherige Zeitplanung sieht vor, dass die erste Stufe zum 1. September 2026 wirksam wird, die zweite zum 1. Januar 2027.

Dass die Regierung die Tabaksteuer trotz der einbrechenden Einnahmen aus dem legalen Markt noch weiter verschärft, verdeutlicht das haushaltspolitische Dilemma: Eine Einnahmequelle, die bereits auf das Ausweichen in den Schwarzmarkt reagiert, soll gleichzeitig mehr leisten als je zuvor geplant. Wie viel Klingbeils Plan bis 2030 tatsächlich einspielt, hängt davon ab, wie schnell der Schwarzmarkt auf jede neue Preisstufe reagiert.

Quellen (10)

Kommentare