FA hält an Tuchel fest: Alles auf Euro 2028
England setzt auf Kontinuität trotz WM-Ärger: Der englische Fußballverband FA hält Thomas Tuchel nach der 1:2-Niederlage im WM-Halbfinale gegen Argentinien als Nationaltrainer im Amt. Dabei war Tuchel nie der erste Wunsch des Verbands. Als Pep Guardiola vor rund zwei Jahren eine mündliche Zusage nicht einlöste, holte die FA den Deutschen als Alternative. Nun bekommt Tuchel die nächste Chance: die Europameisterschaft 2028, ausgetragen in England, Schottland, Wales und Irland, beginnend am 9. Juni 2028.
Bullinghams knappe Verteidigung und Tuchels Antwort
FA-Geschäftsführer Mark Bullingham sprach sich unmittelbar nach dem WM-Aus für Tuchel aus. Er lobte die Spieler und den Trainer: Beide hätten "nicht härter arbeiten können" während des Turniers. Eine öffentliche Erklärung zu Tuchels Vertragsstatus gab es zunächst nicht, doch The Athletic berichtete anschließend übereinstimmend mit mehreren britischen Medien, Tuchel genieße weiterhin das vollständige Vertrauen der FA. Sein Vertrag läuft bis nach der Euro 2028.
Tuchel selbst trat auf der Abschlusspressekonferenz nach dem Spiel ruhig auf. "Vertrauen ist nie selbstverständlich", sagte er laut Sportschau. Er bereue die taktischen Entscheidungen in der zweiten Halbzeit nicht, müsse aber analysieren, was hätte besser laufen können. Die Kritik der englischen Presse ließ er auf dem Podium weitgehend unkommentiert.
Die Halbfinalnacht und was sie entblößte
Anthony Gordon traf in der 55. Minute zur 1:0-Führung für England. Was folgte, war eine der meistdiskutierten taktischen Entscheidungen des Turniers: Tuchel stellte sein System unmittelbar danach auf eine Fünferkette um und brachte drei defensive Spieler. The Guardian bezeichnete die Umstellung als "Neandertaler-Taktik", Sport1 berichtete von einer englischen Presse voller Wut auf Feigheit. Enzo Fernández traf in der 85. Minute zum 1:1 per Distanzschuss, Lautaro Martínez erzielte in der zweiten Minute der Nachspielzeit das 2:1 für Argentinien. England hatte den Sieg weggegeben, als das Spiel schon gewonnen schien.
Dahinter liegt ein Strukturproblem, das Tuchel seit seiner Amtsübernahme begleitet: England verfügt über außergewöhnliches Offensivtalent, aber das Team tendiert in Führungssituationen zu defensivem Rückzug statt zu kontrolliertem Ballbesitz. Die Folge sind in der WM-Geschichte Englands bittere Wiederholungen: Führungen aufgegeben, Verlängerungen verloren, Elfmeterschießen verloren. Seit dem WM-Titel 1966 hat England kein großes Turnier mehr gewonnen.
Die Enthüllung über Guardiola gibt dieser institutionellen Schwäche einen zusätzlichen Kontext: Die FA bekam nicht einmal ihren Wunschtrainer. Laut britischen Medienberichten hatte der frühere Manchester-City-Trainer rund zwei Jahre vor der WM eine mündliche Vereinbarung mit dem englischen Fußballverband. Diese Vereinbarung kam nicht zustande, Guardiola zog sich zurück. Die FA verpflichtete daraufhin Tuchel. Nun tritt Guardiola nach Buchmachern als potenzieller Nachfolger auf, sollte Tuchel vorzeitig gehen.
Warum die FA das Experiment Tuchel fortsetzt
Die Entscheidung der FA ist nicht schwer zu erklären: Euro 2028 findet in England statt. Als Gastgeberland ist England automatisch qualifiziert, unabhängig von der sportlichen Leistung. Ein Trainerwechsel jetzt würde bedeuten, mit einem neuen Coach ohne Einarbeitungszeit in das größte Fußballereignis auf britischem Boden seit 1966 zu gehen. Wembley-Finale am 9. Juli 2028, vor ausverkauftem Haus, England als Gastgeber mit der Chance auf den ersten Titel seit 60 Jahren. Der Anreiz, an einem Trainer festzuhalten, der das Team kennt, ist enorm.
Auch Tuchels Gesamtbilanz spricht nicht gegen ihn. Er gewann 2021 die Champions League mit dem FC Chelsea und war zuvor mit Borussia Dortmund und Paris Saint-Germain erfolgreich. Im englischen Vereinsfußball hat er damit bewiesen, dass er Spitzenteams zu Titeln führen kann. Sein Nationalmannschaftsauftrag ist noch jung; die WM war sein erster großer Turniereinsatz mit England.
Während England an Tuchel festhält, geht Deutschland den entgegengesetzten Weg. Julian Nagelsmann schied nach dem Elfmeterschießen gegen Paraguay im WM-Sechzehntelfinale als Bundestrainer aus. Jürgen Klopp bestätigte inzwischen öffentlich eine grundlegende Einigung mit dem DFB: Er habe sich "großzügig" mit Red Bull auf eine Freigabe geeinigt, sagte er im deutschen Fernsehen. Die formale Vertragsunterzeichnung steht noch aus; der Termin in Frankfurt wird für Ende Juli erwartet, der Vertrag läuft bis zur WM 2030.
Was Tuchel bis zum 9. Juni 2028 beweisen muss
Die Aufgabe ist klar: Tuchel muss England ein Spielstilfundament geben, das nicht zusammenbricht, sobald eine Führung zu verteidigen ist. Das Halbfinale gegen Argentinien war kein Ausreißer, sondern eine Wiederholung. Offensivpressing und kontrollierter Ballbesitz nach Führungstreffern, statt dem Rückfall in eine Festungsformation: das ist die Hausaufgabe der nächsten 23 Monate.
England ist als Gastgeber für Euro 2028 direkt gesetzt; die Nations League und Freundschaftsspiele in den kommenden Monaten geben Tuchel Zeit zum Experimentieren, ohne sofortigen Qualifikationsdruck. Der erste echte Test kommt im September 2026, wenn die neue Saison der UEFA Nations League beginnt. Bis zum Turnierbeginn am 9. Juni 2028 ist Tuchels Bilanz offen. Die FA hat gewettet, dass er die zwei Jahre nutzt.
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