Großbritanniens elfter Emissionsrückgang in Folge
Good News

Großbritanniens elfter Emissionsrückgang in Folge

Zum elften Mal in Folge hat Großbritannien seine Treibhausgasemissionen gesenkt. Seit 1990 sanken sie um 54 Prozent, während die Wirtschaft um 80 Prozent wuchs. Das unabhängige Climate Change Committee hält das Vierte Kohlenstoffbudget für sehr wahrscheinlich erreichbar.

20. Juli 2026, 8:59 Uhr 645 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Großbritannien hat seine Treibhausgasemissionen 2025 um 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesenkt, das entspricht einer Minderung von 7,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten. Es ist das elfte Jahr in Folge mit rückläufigen Werten. Seit 1990 haben die britischen Emissionen um 54 Prozent abgenommen, während die Wirtschaftsleistung im selben Zeitraum um 80 Prozent gewachsen ist.

Was das britische Kohlenstoffbudgetsystem leistet

Großbritannien verankerte 2008 mit dem Climate Change Act rechtsverbindliche Kohlenstoffbudgets im Gesetz. Das Vierte Budget gilt für den Zeitraum 2023 bis 2027 und schreibt vor, die Emissionen im Durchschnitt unter 413 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr zu halten. Mit 366,6 Millionen Tonnen im Jahr 2025 liegen die britischen Emissionen bereits 11 Prozent unter diesem Zielwert. Das unabhängige Climate Change Committee (CCC) hält das Budget für sehr wahrscheinlich erreichbar, wie aus dem Fortschrittsbericht 2026 ans Parlament hervorgeht.

klimaschutz

Strukturell unterscheidet es sich von europäischen Klimarahmen: Die Budgets sind gesetzlich verbindlich, das heißt, die Regierung muss bei Zielverfehlungen öffentlich Rechenschaft ablegen. Als unabhängiges Beratungsgremium bewertet das CCC den Fortschritt jährlich und veröffentlicht seinen Bericht direkt ans Parlament, nicht nur ans zuständige Ministerium.

Wind und Solar tragen fast die Hälfte des Stroms

Der wichtigste Treiber des Rückgangs ist die Dekarbonisierung des Stromsektors. 2025 erzeugten Erneuerbare Energien 52,5 Prozent des britischen Stroms, laut dem nationalen Netzbetreiber NESO einen neuen Rekord. Wind lieferte 87 Terawattstunden (plus 5 Prozent gegenüber 2024), Solar 19 Terawattstunden (plus 31 Prozent). 2025 war zudem das erste vollständige Kalenderjahr ohne Kohle im britischen Strommix: Kohlekraftwerke, die 1990 noch 65 Prozent der Stromerzeugung abdeckten, trugen null Tonnen CO2-Äquivalente bei.

.weil das Wachstum der Elektrofahrzeugflotte die weiterhin hohen Emissionen der Verbrenner noch nicht vollständig kompensierte. Der Industriesektor sank dagegen um 12 Prozent, hauptsächlich wegen der Schließung eines großen Stahlwerks.

Im Vergleich: Deutschland und EU deutlich hinter britischen Werten

Die britischen Zahlen lassen sich international einordnen. Die Emissionen lagen 1990 bei rund 792 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten und 2025 bei 366,6 Millionen Tonnen. Das entspricht mehr als einer Halbierung. Deutschland hat im Vergleich von 1990 bis 2024 eine Reduktion von 48 Prozent erzielt, von 1.252 auf 649 Millionen Tonnen, wie das Umweltbundesamt (UBA) berichtete. Die Europäische Union insgesamt kam bis 2023 auf eine Reduktion von rund 40 Prozent gegenüber 1990, wie die Europäische Umweltagentur (EEA) mitteilte.

großbritannien

Kritiker der britischen Bilanz weisen darauf hin, dass ein Teil des Rückgangs nicht auf sauberere Produktion zurückgeht, sondern auf die Verlagerung emissionsintensiver Industrien ins Ausland. Die CO2-Emissionen britischer Importe fließen in die territoriale Bilanz nicht ein. Das CCC hat diese Einschränkung in seinen Berichten dokumentiert, hält das Gesamtergebnis aber dennoch für einen realen Fortschritt, weil der Energiesektor als größter Verursacher tatsächlich sauber geworden ist. Die Kernenergie spielte 2025 mit 36 Terawattstunden eine geringere Rolle als in den Vorjahren und fiel damit auf ein Jahrzehnt-Tief, was die Leistung der Erneuerbaren umso bemerkenswerter macht.

64 Millionen Tonnen fehlen noch bis 2030

Das britische Klimaziel für 2030 verlangt eine Reduktion um 68 Prozent gegenüber 1990, was Emissionen von rund 291 Millionen Tonnen entspricht. Mit den aktuell beschlossenen Maßnahmen prognostiziert das CCC einen Pfad bis auf 356 Millionen Tonnen. Das CCC schätzt laut dem Fortschrittsbericht 2026, dass 39 Prozent der notwendigen Emissionssenkungen durch keine ausreichende Regierungspolitik hinterlegt sind.

Die größten Problemfelder sind Heizungen und Straßenverkehr. Der Gasheizungssektor ist bisher kaum verändert, weil die Wärmepumpenförderung langsam anlief. Im Straßenverkehr soll der steigende Elektrofahrzeuganteil die Lücke schließen, aber das Tempo reicht nach Einschätzung des CCC nicht aus. Die Regierung unter Premierminister Keir Starmer hat für 2026 ein Maßnahmenpaket für den Gebäudesektor angekündigt, dessen Ausgestaltung zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch ausstand.

Für die Einordnung wichtig: Das britische System ist eines der wenigen, das eine gesetzlich verankerte Emissionsverfolgung mit unabhängiger parlamentarischer Kontrolle kombiniert. Deutschland hat seit 2019 mit dem Bundes-Klimaschutzgesetz einen ähnlichen Mechanismus eingeführt, mit sektorspezifischen Jahreszielen und gesetzlicher Nachbesserungspflicht, wenn Sektoren ihre Ziele verfehlen. Ob diese institutionellen Strukturen langfristig wirken, wird sich bis zur Dekadenmitte zeigen.

Quellen (10)

Kommentare