Solar und Wind: Rund um die Uhr günstiger als Kohle
Ein neues Kohlekraftwerk in China kostet zwischen 70 und 85 US-Dollar pro Megawattstunde. Solar mit Batteriespeicher schafft in sonnigen Regionen inzwischen 54 Dollar. Das ist nicht die Energiezukunft, sondern der aktuelle Stand, den die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) im Mai 2026 dokumentiert hat. Ihr Bericht „24/7 Renewables: The Economics of Firm Solar and Wind” zeigt, dass das letzte wirtschaftliche Argument für neue fossile Kraftwerke gefallen ist: die angeblich unverzichtbare Grundlastsicherheit.
Was „firm power“ bedeutet und warum es entscheidend ist
„Firm power“ bedeutet zuverlässige Stromlieferung, die auf Abruf verfügbar ist: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, unabhängig davon, ob gerade die Sonne scheint oder Wind weht. Das war das klassische Argument für Kohle und Gas. Sie liefern Strom auf Knopfdruck. Sonne und Wind tun das nicht, es sei denn, Speicher gleichen die Lücken aus.

Batteriespeicher kosteten noch bis vor wenigen Jahren so viel, dass die Kombination aus Erneuerbaren und Speicher teurer war als fossile Kraftwerke. Das hat sich verändert. Seit 2010 sind die Kosten für Batteriespeicher laut IRENA um 93 Prozent gefallen. Solarmodule wurden im gleichen Zeitraum um 87 Prozent günstiger, Windkraft um 55 Prozent.
Was die Zahlen des Berichts zeigen
IRENA hat analysiert, was hybride Systeme aus Solar, Wind und Batteriespeichern heute in verschiedenen Regionen für stabile Rund-um-die-Uhr-Versorgung kosten. In Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung, darunter Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie Gebiete in Lateinamerika und Australien, liefern Solar- und Speichersysteme feste Stromversorgung für 54 bis 82 US-Dollar pro Megawattstunde. Neue Kohlekraftwerke in China, dem nach wie vor günstigsten Kohlestandort der Welt, kosten 70 bis 85 Dollar. Neue Gaskraftwerke liegen global über 100 Dollar.
Das Emirat Abu Dhabi demonstriert, was heute möglich ist: Das Al-Dhafra-Solarprojekt liefert 1 Gigawatt Kapazität für 70 Dollar pro Megawattstunde. Wind mit Speicher ist in windreichen Regionen wie der Inneren Mongolei für 59 Dollar verfügbar. In Deutschland, Brasilien oder Australien kostet dasselbe System 88 bis 94 Dollar, was den Vergleich mit fossilen Kraftwerken je nach Region noch knapper macht.
Im Vergleich: Wie schnell das ging
Zur Einordnung: 1976 kostete ein Watt Solarleistung noch etwa 100 US-Dollar. Im Jahr 2024 lag der Preis unter 30 Cent pro Watt, weniger als ein Dreihundertstel des damaligen Preises. Keine andere Energietechnologie hat eine vergleichbare Lernkurve erlebt. Dänemark erzeugt mittlerweile mehr als 80 Prozent seines Stroms aus Erneuerbaren. Costa Rica kam 2024 an 99 Prozent heran, ohne dass es dort an Versorgungssicherheit mangelt.
Was IRENA damit zeigt: Fossile Kraftwerke sind nicht mehr die günstige Grundlastoption, sondern in vielen Regionen bereits die teurere. Investitionen in neue Kohle- oder Gaskapazitäten lassen sich aus reiner Wirtschaftlichkeit kaum noch rechtfertigen. IRENA-Generaldirektor Francesco La Camera formulierte es direkt: Wer jetzt noch in Kohle investiert, baut auf Kosten, die sich nicht amortisieren.
Bis 2030: Unter 50 Dollar pro Megawattstunde
IRENA prognostiziert bis 2030 eine weitere Kostensenkung um 30 Prozent gegenüber heute. Bis 2035 sind es 40 Prozent, was an den besten Standorten Kosten unter 50 Dollar pro Megawattstunde für stabile Stromversorgung möglich macht. Das wäre günstiger als selbst die billigsten bestehenden Kohlekraftwerke in China, die bei etwa 55 bis 65 Dollar betrieben werden.
Was noch fehlt, ist der politische Rahmen in Ländern, in denen staatliche Energieversorger oder langfristige Kohle-Subventionen den Marktpreis verzerren. In Indien, Indonesien und mehreren afrikanischen Ländern entscheiden nicht die Kostenwahrheit allein, sondern auch Beschäftigungsinteressen in bestehenden Kohleindustrien sowie Kreditverträge für bereits gebaute fossile Infrastruktur. Der Markt dreht in eine Richtung. Wie schnell die Politik folgt, ist offen.
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