Drohnen im Ural: Ukraine lähmt Sprengstofflieferant
Wolodymyr Selenskyj nannte den Angriff eine "wichtige Sanktion": Nach dem dritten Drohnentreffer in acht Monaten steht die Metafrax-Chemiefabrik im russischen Gubacha still. Das Werk liegt im Ural, 1.700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Es handelt sich um eine der größten bisher bestätigten Angriffsreichweiten des ukrainischen Militärs.
Was Metafrax für Russlands Rüstungsindustrie liefert
Die Anlage der Metafrax-Chemicals-Gruppe im Städtchen Gubacha, Perm Krai, ist kein zufälliges Ziel. Das Werk produziert laut dem ukrainischen Geheimdienst SBU täglich fast 900 Tonnen Ammoniak und mehr als 1.600 Tonnen Harnstoff. Wichtiger für den Krieg ist, was daneben entsteht: Methanol, Urotropin und Pentaerythrit sind Vorläuferstoffe für militärische Explosivstoffe. Metafrax beliefert nach SBU-Angaben dutzende russische Rüstungsbetriebe, darunter Hersteller von Drohnenkomponenten, Raketentriebwerken und Sprengladungen.
Perm selbst ist keine Provinzstadt. Die Industrieregion im Ural zählt rund eine Million Einwohner und gilt als einer der wichtigsten Produktionsstandorte russischer Rüstungsgüter: Hier befinden sich das Triebwerkswerk Aviadvigatel, das Raketentriebwerkswerk Proton-PM sowie weitere Wehrtechnikbetriebe. Selenskyj bezeichnete Metafrax als "wichtigen Teil der russischen Chemieindustrie".
Dritter Schlag in acht Monaten
Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukraine Metafrax trifft. Im September 2025 griff das ukrainische Militär die Anlage erstmals an. Im Februar 2026 führte die SBU-Einheit Alpha den zweiten Schlag aus. Am 23. Mai 2026 folgte der dritte Treffer, mit dem Ergebnis, dass die Produktion vollständig eingestellt wurde. Jeder Angriff war präziser als der vorherige.
Die Reichweite ist das Ergebnis einer mehrjährigen Entwicklung. Die FP-1-Angriffsdrohne, die Ukraine nach eigenen Angaben inzwischen in mehr als 7.000 Einheiten pro Monat produziert, ist auf Reichweiten bis zu 1.600 Kilometer ausgelegt. Seit Kriegsbeginn hat die Ukraine die maximale Angriffstiefe laut dem Informationsdienst Ukrinform um das 2,5-Fache gesteigert. Im Februar 2026 trafen ukrainische Drohnen erstmals die Bashneft-Raffinerie in Ufa, rund 1.400 Kilometer entfernt. Perm stellt einen weiteren Schritt auf dieser Steigerungskurve dar.
Jaroslawl: Viermal in einem Monat
Die Raffinerie Slavneft-YANOS in Jaroslawl, rund 700 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, wurde im Mai allein viermal angegriffen: am 8., 13., 19. und 22. Mai. Mit einer Verarbeitungskapazität von 15 Millionen Tonnen Rohöl jährlich ist sie eine der fünf größten Raffinerien Russlands und die größte im zentralrussischen Wirtschaftsraum. Im gleichen Zeitraum stellten nach Reuters-Berichten auch die Raffinerien in Kirishi (Leningrad Oblast), Rjasan und im Stadtgebiet Moskau zeitweise die Produktion ein. Insgesamt sind nach Schätzungen von Militäranalysten rund 25 Prozent der russischen Raffinierungskapazität von den Angriffen betroffen.
Die Strategie dahinter ist erkennbar: Die Ukraine greift nicht mehr nur Exportterminals am Schwarzen Meer oder Treibstoffdepots im Moskauer Stadtgebiet an. Sie trifft systematisch die Produktionsbasis selbst, Chemieanlagen, die Rüstungsgüter ermöglichen, Raffinerien, die Treibstoff für russische Streitkräfte bereitstellen, Infrastruktur, die tief im russischen Hinterland liegt und bisher als unerreichbar galt.
Was die Tiefe der Angriffe strategisch bedeutet
Die 1.700-Kilometer-Marke hat symbolische wie praktische Bedeutung. Russland verfügt über keinen gesicherten Rückraum mehr, wenn selbst der Ural erreichbar ist. Die russische Führung konnte bisher die Bevölkerung im Landesinnern mit dem Argument beruhigen, der Krieg finde weit entfernt statt. Ein brennendes Werk im Ural untergräbt diese Erzählung.
Wirtschaftlich ist die Wirkung schwerer zu beziffern. Rund 30 Prozent der russischen Benzinproduktion und 25 Prozent der Dieselproduktion sind laut Schätzungen von den direkten oder indirekten Folgen der Drohnenangriffe betroffen. Russlands Staatshaushalt hängt zu mehr als 30 Prozent von Einnahmen aus Rohstoffexporten ab. Weniger Raffinierung bedeutet weniger verarbeiteten Treibstoff für den Inlandsbedarf einschließlich der Militärlogistik. Wie viel Kapazität dauerhaft ausgefallen ist, lässt sich von außen nicht zuverlässig verifizieren.
Selenskyj kündigt weitere Schläge an
Selenskyj ließ am 22. Mai keinen Zweifel daran, dass Perm kein Abschluss ist. "Wir bereiten weitere Formen unserer Fernsanktionen und Mittelstreckenschläge vor", sagte er. Russland hat bisher auf die Tiefangriffe mit Massendrohnenattacken auf ukrainische Städte reagiert. In einer einzigen Nacht wurden zuletzt bis zu 675 Drohnen und 56 Raketen gleichzeitig abgefeuert. Eine direkte Antwort auf Reichweitenebene bleibt Russland bislang schuldig: Die eigene Drohnentechnologie ist auf Sättigung ausgelegt, nicht auf Präzisionsschläge in 1.700 Kilometer entfernte Industriegebiete im Hinterland des Gegners.
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