EU-Rekordhilfe trifft Kiews Raketenabwehrkrise
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EU-Rekordhilfe trifft Kiews Raketenabwehrkrise

Im Juni 2026 wurden der Ukraine 7,2 Milliarden Euro Militärhilfe zugesagt, der höchste Monatswert seit April 2024. Heute stellt Kiews Luftwaffe die täglichen Berichte über Raketenabfangerfolge ein, weil die PAC-3-Abfangraketen erschöpft sind.

Quellen (12)
  1. Kyiv Independent — Air Force stops publishing datakyivindependent.com
  2. Meduza — Ukraine stops reporting ballistic missile numbersmeduza.io
  3. TechTimes — 87% Drohnen, 15% Raketen: PAC-3-Krisetechtimes.com
  4. Jefferson City News-Tribune — Ukraine stops missile reportingnewstribune.com
  5. Kiel Institut — Ukraine Support Tracker Juni 2026kielinstitut.de
  6. Epoch Times — Selenskyj fordert Patriot-Raketenepochtimes.de
  7. Onvista — Zwei Tote bei Angriff auf Passagierzugonvista.de
  8. SRF — Wildberries-Lager und Raffinerie getroffensrf.ch
  9. RNZ — Stromausfall auf der Krimrnz.de
  10. ZEIT Online — Ukraine stoppt Raketeninformationzeit.de
  11. Spiegel — Kiew greift Schwarzmeerküste und Krim anspiegel.de
  12. Handelsblatt — Ukraine-Krieg Kriegsschiffe Noworossijskhandelsblatt.com
13. August 2026, 21:41 Uhr812 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Mehr als 126 russische Raketen haben in diesem Sommer ukrainische Städte erreicht, ohne dass die Luftabwehr sie aufhalten konnte. Die PAC-3 MSE-Abfangraketen, die einzigen Systeme im ukrainischen Arsenal, die gegen ballistische Flugkörper wirksam sind, waren erschöpft. Am 13. August hat Kiews Luftwaffe daraus eine Konsequenz gezogen: Die täglichen Berichte über Raketenabfangerfolge werden eingestellt. In der gleichen Woche meldet das Kieler Institut für Weltwirtschaft, dass im Juni 7,2 Milliarden Euro Militärhilfe an die Ukraine flossen, der höchste Monatswert seit über zwei Jahren. Europas Geld kommt an. Das entscheidende Material nicht.

Der Schweigebeschluss der Luftwaffe

Luftwaffensprecher Jurij Ihnat gab am 13. August bekannt, das ukrainische Militär werde die Anzahl der russischen Raketenabschüsse sowie die Zahl der abgefangenen und zerstörten Projektile nicht mehr täglich bekanntgeben. Stattdessen erhalte die Bevölkerung weiterhin Echtzeitwarnungen und Fliegeralarm. Die offizielle Begründung: geänderte Kommunikationsformate aus Sicherheitsgründen.

Hinter der zurückhaltenden Formulierung steckt ein konkretes Debakel. Als ukrainische Kräfte keinen einzigen von 28 russischen ballistischen Raketen abfangen konnten, erschienen in ukrainischen Medien die Schlagzeile: Die Luftwaffe habe keine einzige Rakete abgeschossen. Ihnat erklärte dazu: "Wenn wir eine offizielle Mitteilung herausgeben, also 28/0, schreiben alle unsere Medien: Die Luftwaffe hat keine einzige Rakete abgeschossen." Die Entscheidung, künftig weniger zu sagen, folgt auf die Unfähigkeit, etwas Günstiges sagen zu können.

Die Reaktionen kamen prompt. Oksana Romaniuk, Direktorin des Instituts für Masseninformation in Kiew, warnte, Kommunikationslücken füllten sich mit Gerüchten und Misstrauen. Verteidigungsanalytiker Taras Jemtschura hielt dagegen: Transparenz sei es, was ukrainische Streitkräfte von russischen unterscheide. Berichte über Abwehrschwächen könnten das öffentliche Vertrauen langfristig stärken, nicht schwächen.

Warum die PAC-3-Abfangraketen fehlen

Das Problem ist technischer Natur. PAC-3 MSE-Raketen sind laut Berichten die einzigen Waffensysteme im ukrainischen Arsenal, die russische Iskander-M-Raketen im Endflug zuverlässig abfangen können. Diese Bestände waren um den 1. Juli 2026 faktisch erschöpft. Bis dahin hatte die Ukraine rund 87 Prozent der russischen Schahed-Drohnen und Marschflugkörper abgewehrt, aber nur 15 Prozent der ballistischen Raketen. Nach Erschöpfung der Vorräte erreichten mehr als 126 russische Raketen ukrainische Städte ohne Gegenwehr.

Selenskyj hatte das Problem am 5. August öffentlich benannt: Die Ukraine verfüge in diesem Jahr zwei- bis zweieinhalbmal weniger Abfangraketen als im gleichen Zeitraum 2025. Als Ursache gilt die US-amerikanische Prioritätenverschiebung: Der Krieg im Iran hat die amerikanischen PAC-3-Vorräte belastet und die globale Nachfrage nach diesen Systemen gleichzeitig erhöht. Das Ergebnis ist eine Versorgungslücke, die Europa nicht schließen kann, weil PAC-3 MSE ausschließlich von Raytheon Technologies in den USA gefertigt wird.

Den Ernst der Lage illustriert der Angriff in der Nacht zum 11. August auf Kiew und Saporishshja: Nordkoreanische KN-23-Raketen und Zirkon-Hyperschallraketen töteten sieben Menschen und verletzten Dutzende. Die Ukraine meldete, 98 der 120 eingesetzten Drohnen abgefangen zu haben. Über die Zahl der abgefangenen Raketen wurde keine Angabe gemacht.

7,2 Milliarden im Juni: Europas Geld, Washingtons Monopol

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat die Militärhilfe für Juni 2026 auf 7,2 Milliarden Euro beziffert. Das ist der dritthöchste Monatswert seit Beginn der Vollinvasion im Februar 2022 und der höchste Wert seit April 2024, als die USA noch vergleichbare Summen bereitstellten. Deutschland trug im Berichtszeitraum 700 Millionen Euro bei, Dänemark 600 Millionen, die Niederlande 500 Millionen. Den Rahmen bildet der im Frühjahr 2026 beschlossene EU-Kredit über 90 Milliarden Euro.

Das Problem liegt nicht im Geld, sondern in der industriellen Kapazität. Europäische Staaten können Drohnen, Artilleriemunition, Ausbildung und Panzerfahrzeuge liefern, also Güter bei denen Europa eigenständig produziert. Gegen ballistische Raketen hilft das nicht. Europas IRIS-T SLM schützt effektiv vor Marschflugkörpern; die steilen Einflugwinkel von Iskander-M-Raketen und die Geschwindigkeit von Zirkon-Hyperschallraketen übersteigen dessen Abwehrbereich. Die Lücke bleibt und sie ist amerikanisch.

Russlands Angriffe, Kiews Gegenzüge am Donnerstag

Auf beide Seiten entfällt heute ein dichtes Lagebild. Im Gebiet Odessa wurden bei einem russischen Drohnenangriff auf einen Passagierzug zwei Menschen getötet, Lokführer und Assistent. Mehr als 340 Fahrgäste wurden evakuiert. Selenskyj veröffentlichte Videomaterial des brennenden Waggons und erklärte, der Drohnenführer habe gewusst, dass er einen Zivilzug angreife.

Gleichzeitig trafen ukrainische Drohnen Sewastopol auf der annektierten Krim; die Hafenstadt verlor die Stromversorgung. Im russischen Baschkortostan brannte ein Wildberries-Lagerhaus und die Erdölraffinerie in Orsk wurde getroffen. Deren Betrieb soll nach vorliegenden Berichten für rund sechs Monate stillstehen.

Selenskyjs Forderung an Washington: Fünf Prozent

In einem CNN-Interview hat Selenskyj eine klare Rechnung aufgemacht: Die Ukraine brauche mindestens fünf Prozent der amerikanischen Patriot-Abfangraketen, um durch den Winter zu kommen. Um alle russischen Ballistika vollständig abzufangen, seien zehn Prozent des US-Bestands nötig. Die Forderung richtet sich an eine US-Regierung, die nach der Eskalation im Iran eigene Prioritäten neu setzen musste.

Europa kann im Rahmen des 90-Milliarden-Kredits finanzieren und konventionell ausrüsten, aber das spezifische Defizit bei Abfangraketen gegen ballistische Flugkörper schließt nur die US-Produktion. Bis diese Lieferungen wieder fließen, bleibt das ukrainische Luftwaffenkommando bei seiner neuen Linie: Fliegeralarm gibt es weiterhin. Zahlen nicht mehr.

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