Kostjantyniwka: 250 russische Soldaten bereits in der Stadt
Im Mai schrieb das Institut für Kriegsstudien (ISW) Russlands Donbas-Offensive ab: Das Vorrücktempo sank von 9,7 auf 2,9 Quadratkilometer pro Tag, Kostjantyniwka blieb ukrainisch. Sechs Wochen später hat Moskau die Strategie gewechselt. Laut ukrainischen Frontkommandeuren stehen 250 russische Soldaten innerhalb des Stadtgebiets, Kommandeur „Jary“ meldete Ende Juni Halbeinschließung und Logistikprobleme. Kiews Generalstab dementiert. Die Diskrepanz zwischen offizieller Lagebeschreibung und den Berichten direkt von der Front ist selbst ein Befund.
Von der Stagnation zum Häuserkampf
Russlands Frühjahrsoffensive hatte Kostjantyniwka als Ziel. Die Stadt liegt unmittelbar hinter dem ukrainischen Verteidigungsgürtel im östlichen Donbas, den das ISW als „Fortress Belt“ bezeichnet: Wer Kostjantyniwka nimmt, öffnet einen Korridor nach Kramatorsk und Slowjansk weiter nordwestlich. Nachdem die Angriffe von Norden und Westen zu verlustreich wurden, verlagerte Russland laut ISW Anfang Juni seinen Angriffsschwerpunkt. Die Slovyansk-Offensive galt als gescheitert, Kostjantyniwka wurde zum neuen Hauptziel.
Am 10. Juni dokumentierte das ISW taktische Gewinne im östlichen Stadtbereich. Das Dorf Novodmytrivka, unmittelbar nordöstlich von Kostjantyniwka, fiel in russische Hände. Ukrainische Kommandeure bestätigten gegenüber dem ukrainischen Sender Hromadske am 12. Juni, dass bis zu 250 russische Soldaten bereits innerhalb der Stadtgrenzen präsent sind. Die Kämpfe haben ihren Charakter verändert: aus Artilleriegefechten außerhalb des Stadtgebiets wurden Häuserkämpfe im Innern. Russland greift gleichzeitig aus östlicher und westlicher Richtung an.
Was Kommandeure sagen und was Kiew dementiert
Kommandeur „Jary“ beschrieb die Lage Ende Juni gegenüber t-online und der Berliner Zeitung als „halb eingekesselt“: Die Logistik stehe unter extremem Druck, die nördliche Versorgungsroute aus der Stadt sei gefährdet. Der ukrainische Generalstab dementiert eine Einschließung öffentlich.
Euromaidan Press analysierte diesen Widerspruch am 22. Juni explizit: Was Kiews Generalstab über Kostjantyniwka sage und was Soldaten vor Ort berichten, seien „zwei verschiedene Dinge“. Russland infiltriere die Stadt bereits, während die offizielle Kommunikation das verneint. Das ISW selbst warnte Mitte Juni, dass einige russische Videos mit Fahnenaufpflanzungen möglicherweise KI-generiert sind. Moskau produziert offenbar gezielt Eindrücke taktischer Erfolge, ohne sie immer belegen zu können.
Die Diskrepanz ist militärisch gefährlich. Wenn die Führung in Kiew öffentlich eine Situation beschreibt, die von den tatsächlichen Verhältnissen abweicht, wird es schwieriger, die notwendige Verstärkung und die richtigen Entscheidungen rechtzeitig zu mobilisieren.
11.000 Soldaten, ein schmaler Korridor
Der Aufwand deutet auf den Stellenwert hin, den Moskau dem Ziel beimisst: Laut ISW hat Russland rund 11.000 Soldaten im Bereich Kostjantyniwka und Druzhkivka konzentriert. Diese Ballung übersteigt die typische Kräftedichte des Stellungskriegs erheblich.
Das russische Ziel ist nicht nur die Stadt selbst, sondern die Unterbrechung ihrer Versorgung. Kostjantyniwka liegt an einem schmalen nördlichen Korridor, der die ukrainischen Einheiten tiefer im Donbas mit rückwärtigen Stellungen verbindet. Wer diesen Korridor durchtrennt, zwingt die Ukraine zu einer Reorganisation der gesamten Logistik im Gebiet. Artillerie, Drohnen und Gleitbomben treffen die Infrastruktur entlang dieser nördlichen Versorgungsstraßen bereits systematisch.
Kostyantynivka hat rund 65.000 Einwohner und war vor dem Krieg ein Industriezentrum. Seit 2022 hat die Zivilbevölkerung die Stadt weitgehend verlassen. Was bleibt, ist militärisch wertvoll: Straßenkreuzungen, Gebäudestrukturen, Lagermöglichkeiten.
Rückzug oder Stellungskampf: Kiews Entscheidung steht bevor
Was danach kommt, zeichnet sich ab. Druzhkivka liegt wenige Kilometer nördlich von Kostjantyniwka und wäre nach einem Fall der Stadt militärisch exponiert. Von Druzhkivka ist Kramatorsk, die letzte größere Stadt unter ukrainischer Kontrolle im nordöstlichen Donezk, in direkter Reichweite. Kramatorsk gilt als das letzte operative Hindernis vor einer vollständigen russischen Kontrolle über die Oblast Donezk.
Das ISW und westliche Militäranalysten halten Russlands erklärtes Ziel für Ende 2026 für unrealistisch: alle vier annektierten Oblaste vollständig zu besetzen. Taktische Gewinne im Sommer seien wahrscheinlich, operative Durchbrüche gegen den ukrainischen Festungsgürtel nicht. Für Kostjantyniwka bedeutet das wenig Entlastung: Das ukrainische Kommando muss in den nächsten Wochen entscheiden, ob es in einer Lage zunehmender Halbeinschließung weiterkämpft oder sich in eine neue Verteidigungslinie zurückzieht. Jede Woche, in der die nördliche Versorgungsroute unter Druck steht, erhöht den Verlust an Material und Manövrierspielraum.
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