570 Drohnen auf Kyiv: Klitschko spricht von schwerster Nacht
Rund 92 Prozent aller eingesetzten Waffen abgefangen und trotzdem mindestens 17 Tote in Kyiv. In der Nacht zum 2. Juli feuerte Russland 570 Drohnen und Raketen auf die Ukraine ab, so viele wie bei keinem anderen Angriff auf Kyiv seit Kriegsbeginn. Die verbleibenden 37 Projektile trafen Wohngebäude, ein Hotel und städtische Infrastruktur. Bürgermeister Vitali Klitschko nannte es die schwerste Angriffswelle auf die Stadt seit Kriegsbeginn. 86 Menschen wurden verletzt.
Elf Stunden, 570 Geschosse, vier Waffentypen
Der Angriff erstreckte sich nach Angaben der Ukrainischen Luftwaffe über elf Stunden: vom frühen Abend des 1. Juli bis in den Morgen des 2. Juli. Insgesamt zählten die ukrainischen Luftstreitkräfte 74 Raketen und 496 Drohnen. Darunter waren vier Zirkon-Marschflugkörper, die ursprünglich als Seezielwaffe entwickelt wurden und Geschwindigkeiten von über Mach 8 erreichen. Für konventionelle Luftabwehrsysteme gelten Zirkons als kaum abfangbar. Dazu kamen 24 ballistische Iskander-Raketen, 34 Marschflugkörper vom Typ Kh-101 und acht Kalibr-Raketen. Den Hauptanteil bildeten 496 Drohnen verschiedener Typen: Schahed aus iranischer Produktion, dazu die neueren Modelle Gerbera, Italmas und Banderol sowie Lockdrohnen zur Überlastung der Radaranlagen.
Die Luftwaffe schoss 48 der 74 Raketen und 476 der 496 Drohnen ab, insgesamt 524 von 570 Objekten. Das entspricht einer Abwehrquote von knapp 92 Prozent. Die verbleibenden 25 ballistischen Raketen und 12 Drohnen erreichten ihre Ziele. Ein sechsstöckiges Wohngebäude in Kyiv wurde direkt getroffen und stürzte teilweise ein. Weitere Gebäude brannten, darunter ein Hotel im Zentrum. Rettungskräfte arbeiteten bis in den frühen Morgen. Neben den mindestens 17 Todesopfern in Kyiv wurden drei weitere Personen in der Kyiver Oblast außerhalb der Stadt verletzt.
Selenskyj warnte aus Dublin
Wolodymyr Selenskyj hatte den Angriff bereits am Abend des 1. Juli aus Dublin angekündigt. Er befand sich zu einem Kurzbesuch beim irischen Premierminister Micheál Martin, als ukrainische Geheimdienste einen bevorstehenden Großangriff auf Kyiv meldeten. Selenskyj kürzte den Besuch ab und flog zurück. Bei einer Pressekonferenz unmittelbar vor seiner Abreise sagte er, Russland bereite eine Attacke von einem Ausmaß vor, das die Ukraine noch nicht erlebt habe. Als die Drohnen auftauchten, twitterte er in der Nacht mehrfach auf Englisch: Er brauche mehr Luftabwehr, sofort.
Polen erhöhte seine Luftverteidigungsbereitschaft und ließ eigene Kampfjets patrouillieren, nachdem ukrainische Abwehrgeschosse in früheren Angriffen gelegentlich polnisches Territorium überflogen hatten. Finnland schränkte den Luftraum in östlichen Grenzregionen während des Angriffs kurzzeitig ein. Beide Reaktionen entsprechen dem Protokoll, das die NATO-Länder seit 2024 für solche Eskalationsphasen eingeübt haben.
Hintergrund: Raffinerien gegen Wohnhäuser
Der Angriff folgt einem Muster, das sich in diesem Krieg wiederholt hat. In den Wochen davor hatte die Ukraine russische Ölraffinerien mit Drohnen angegriffen. Branchendaten zeigen, dass Russlands Benzinproduktion im Juni 2026 um 25 Prozent einbrach und ein Drittel der Raffinierkapazität außer Betrieb geriet. Diese Strategie trifft Russlands Kriegswirtschaft und gefährdet den Treibstoffnachschub für die Streitkräfte. Moskau antwortet auf ukrainische Präzisionsschläge gegen Infrastruktur seit Jahren mit Flächenangriffen auf Städte.
Es ist nicht das erste Mal, dass Russland Angriffe dieser Dimension startet. Die Ukrainische Luftwaffe hob hervor, dass genau diese Gleichzeitigkeit die Abwehr besonders schwierig macht.
Fünf Tage bis zum NATO-Gipfel in Ankara
Am 7. und 8. Juli beginnt der NATO-Gipfel in der türkischen Hauptstadt. Alle 32 Mitgliedstaaten haben zugesagt, Selenskyj wird persönlich erscheinen. Auf der Agenda steht ein Militärhilfepaket von bis zu 70 Milliarden Euro für die Ukraine. Selenskyjs Botschaft nach dem Angriff dieser Nacht ist unmissverständlich: Die Abwehrquote von 92 Prozent ist nur durch bereits gelieferte Patriot-Batterien und NASAMS-Systeme möglich. Jedes zusätzliche System erhöht diese Quote direkt und reduziert die Opferzahl bei künftigen Angriffen.
Der Gipfel steht unter politischem Druck. Italiens Premierministerin Giorgia Meloni soll nach Berichten mehrerer Medien eine schriftliche Festlegung auf 40 Milliarden Euro Militärhilfe pro Jahr auch für 2027 blockieren. Die USA haben ihren eigenen Beitrag zu diesem Rahmenwerk zurückgezogen. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) bezeichnete den Gipfel als "Wegweiser" für die Ukrainehilfe der nächsten zwei Jahre: Was in Ankara beschlossen wird, entscheidet über die Lieferungen für den Winter 2026/27.
Klitschko fasste die Lage am Morgen nach dem Angriff in einem Satz zusammen: Kyiv habe diese Nacht überlebt. Ob das dauerhaft so bleibt, werde in Ankara entschieden.
Aktualisierungen
Update 3. Juli, 18:00 Uhr: Die Opferzahl des russischen Angriffs auf Kyiv stieg auf mindestens 30. Rettungskräfte bargen am Freitag drei weitere Leichen aus den Trümmern. In Kyiv fand ein nationaler Trauertag statt. Das Lagerhaus des Ukrainischen Roten Kreuzes in Kyiv wurde durch den Angriff vollständig zerstört: Hilfsgüter und Ausrüstung im Wert von rund 1,5 Millionen Euro gingen verloren. Die beidseitigen Angriffe gehen weiter: Die Ukraine setzte in der Nacht zum 3. Juli russische Energieanlagen in der Region Belgorod unter Beschuss.
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