Erstmals mehr als die Hälfte: Erneuerbare decken 53 Prozent des deutschen Stroms
Wer deutsche Strompolitik verfolgt, kennt das Muster: Rekordmeldungen kommen und gehen, doch der strukturelle Wandel lässt sich zäh an. Im ersten Quartal 2026 ist eine Grenze gefallen, die tatsächlich zählt. Von Januar bis März stammten 53 Prozent des deutschen Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen, Wind, Sonne, Wasser und Biomasse. Noch nie zuvor hatte dieser Anteil die Marke von 50 Prozent überschritten.
Was die Zahlen sagen
Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und dem Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung (ZSW) stieg der Anteil erneuerbarer Energien gegenüber dem ersten Quartal 2025 um knapp sechs Prozentpunkte. Den größten Beitrag leistete die Windkraft, die um 27 Prozent zulegte und 42,8 Milliarden Kilowattstunden erzeugte. Damit war Wind allein für den größten Teil der Steigerung verantwortlich.
Die günstigeren Windbedingungen spielten eine wichtige Rolle. Das Jahr 2025 war für die Windkraft unterdurchschnittlich, was den Vergleichswert niedrig hält. Dennoch zeigt der Trend die Richtung: Die installierte Leistung wächst und die Erzeugung hält Schritt.
Der strukturelle Hintergrund
Deutschland hat seit 2010 den Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch von rund 17 Prozent auf heute mehr als die Hälfte gesteigert. Dieser Aufbau wurde jahrelang als zu teuer, zu langsam und zu unzuverlässig kritisiert. Jetzt zeigt sich, dass die Investitionen in Windparks, Solaranlagen und Netzausbau einen Kipppunkt erreicht haben.
Fraunhofer ISE-Forscher hatten für 2025 bereits ein Rekordjahr vermeldet, in dem Wind und Solar gemeinsam die Erzeugung anführten und Solar erstmals die Braunkohle überholte. Das erste Quartal 2026 setzt diese Entwicklung fort, auf einem höheren Niveau.
Zwischen Rekord und Realität
53 Prozent im Quartalsdurchschnitt bedeutet nicht, dass Deutschland zu jeder Stunde unabhängig von fossilen Energieträgern ist. An windschwachen und bedeckten Wintertagen decken Gaskraftwerke weiterhin den Grundbedarf. Der BDEW betont, dass der weitere Netzausbau und neue Speicherkapazitäten entscheidend sind, um volatile Erzeugung verlässlich zu nutzen.
Auch die Importbilanz bleibt ein Faktor: In Stunden mit Überproduktion exportiert Deutschland Strom, in Mangelzeiten importiert es. Die Marke von 53 Prozent bezieht sich auf den Bruttoverbrauch, nicht auf eine vollständige Versorgungssicherheit rund um die Uhr.
Ausblick auf 2026
BDEW und Energieanalystinnen rechnen für das Gesamtjahr 2026 mit einem erneuerbaren Anteil von rund 60 Prozent am Stromverbrauch. Das wäre abermals ein Rekord. Treiber sind der beschleunigte Ausbau von Windkraft an Land und auf See sowie der weitere Zubau von Photovoltaikanlagen, der 2025 erneut deutlich über den Zielvorgaben lag.
Was beim Verbraucher ankommt
Mehr erneuerbarer Strom drückt die Börsenpreise. An windreichen Tagen fällt der Großhandelspreis teils auf null oder sogar in den negativen Bereich. Doch die Stromrechnung privater Haushalte spiegelt das nur bedingt wider. Der Grund liegt in der Zusammensetzung des Endpreises: Nur rund 41 Prozent entfallen auf die eigentliche Strombeschaffung. Die restlichen 59 Prozent setzen sich aus Netzentgelten (rund 25 Prozent) sowie Steuern, Umlagen und Abgaben (rund 34 Prozent) zusammen.
Konkret zahlen Haushalte im Durchschnitt etwa 37 Cent pro Kilowattstunde. Selbst wenn der Börsenpreis bei null liegt, bleiben rund 20 Cent an fixen Kostenbestandteilen bestehen. Die Netzentgelte sind 2026 zwar um etwa 15 Prozent gesunken, getragen von einem Bundeszuschuss von 6,5 Milliarden Euro. Doch der Netzausbau für die Energiewende wird in den kommenden Jahren weiteren Kostendruck erzeugen.
Für Verbraucher bedeutet das: Der Rekordanteil erneuerbarer Energien senkt die Erzeugungskosten messbar. Ob das auf der Stromrechnung spürbar wird, entscheidet sich nicht am Windrad, sondern an der Regulierung von Netzentgelten, Steuern und der Frage, wie schnell Versorger sinkende Beschaffungspreise an ihre Kunden weitergeben.
Der 1. April 2026 markiert das Ende des Quartals. Das Ergebnis ist kein Zufall, sondern das Produkt eines zwei Jahrzehnte langen Umbaus. Nun zeigt sich, ob der zweite Teil der Energiewende, die Verlässlichkeit auch ohne Sonne und Wind, gelingt.