196 Schiffe getroffen: Ukraine weitet Seekrieg auf Getreide aus
Die Ukraine wollte Russlands Kriegslogistik schädigen. Das gelang, aber die Antwort traf einen unerwarteten Ort: Seit russischen Vergeltungsangriffen auf Odessa liegt der Getreidekorridor still, über den die Ukraine täglich Devisen verdient, die den Krieg mitfinanzieren. In drei Wochen haben beide Seiten eine Eskalationsspirale in Gang gesetzt, die jetzt beide schadet.
Vom Asowschen Meer ins Schwarze Meer: Eine Kampagne weitet sich aus
Die ersten Angriffe der ukrainischen Drohnentruppen begannen in der Nacht zum 7. Juli im Asowschen Meer. Drohnenchef Robert Brovdi hatte 90 Schiffe als Ziele bestätigt, als Russland den Betrieb im Binnenmeer Mitte Juli vollständig einstellte. Am 15. Juli weitete die Ukraine die Operationen auf das Schwarze Meer aus. Bis zum 25. Juli waren nach ukrainischen Angaben insgesamt 196 Wasserfahrzeuge getroffen worden: 126 im Asowschen Meer und 70 im Schwarzen Meer.
Das erklärte Ziel der Drohnentruppen ist die Deaktivierung, nicht die Versenkung. Brovdi beschrieb das Ergebnis eines erfolgreichen Treffers so: Das Schiff soll zur „treibenden Barge, blind und taub" werden. Operationell bedeutet das, dass Ruder, Radar, Navigationssysteme und Antrieb beschädigt werden, ohne dass das Schiff sinkt. Die Besatzungen sind an Bord, aber das Schiff manövriert nicht mehr eigenständig.
Der Name der Operation, MoLoChKa, steht für die Anfangsbuchstaben des ukrainischen Satzes „МОсква Ляже Через Крим", auf Deutsch sinngemäß: Moskau wird durch die Krim fallen. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation (IMO) verurteilte die Angriffe am 13. Juli formell als die größten Angriffe auf zivile Handelsschifffahrt seit Kriegsbeginn. Eine bindende Reaktion der IMO gibt es nicht: Die Organisation kann verurteilen, aber keine militärischen Operationen stoppen.
Die Krim läuft auf dem Trockenen
Das Asowsche Meer hatte für Russlands Kriegführung zwei Funktionen. Es war die wichtigste Seeversorgungsroute für die besetzte Krim, über die Kraftstoff, Lebensmittel und Militärgerät auf der Halbinsel ankamen. Und es war der bevorzugte Operationsraum der Schattenflotte: Tanker unter Drittlandsflaggen, die russisches Öl jenseits westlicher Sanktionen transportierten, oft mit abgeschalteten Transpondern und ohne militärische Eskorte. Operation Molochka hat beide Funktionen paralysiert.
Al Jazeera berichtete am 17. Juli, dass die Ukraine die Krim effektiv von Russland abgeschnitten habe und die Halbinsel in eine Energiekrise gestürzt sei. Die Seeroute, über die der Großteil der Kraftstoffversorgung für die besetzten Gebiete lief, ist für Schiffe ohne militärische Eskorte zu gefährlich geworden. Russische Seefahrtsbehörden stellten den Betrieb vollständig ein.
Rund 25 Prozent der russischen Getreideexporte verlaufen über das Asowsche Meer. CNN schrieb am 15. Juli von einer drohenden Hormus-Krise für Russland: Was Iran im Persischen Golf mit der Drohung der Straßensperrung als geopolitisches Druckmittel einsetzt, hat Ukraine im Schwarzen Meer ohne Ankündigung in die Tat umgesetzt.
Russlands Gegenbewegung: Odessa und der gestoppte Korridor
Russland reagierte mit der Intensivierung seiner Angriffe auf die Odessa-Region. Ab dem 20. Juli wurden die ukrainischen Häfen täglich von Raketen und Drohnen getroffen. Ziel war der internationale Getreidekorridor, der seit August 2023 ukrainische Getreideexporte ermöglichte und zuletzt nach Angaben der ukrainischen Regierung fast 200 Millionen Tonnen Fracht abgewickelt hatte. Das Ergebnis der Gegenangriffe: Nach Analyse von Schifffahrtsexperten passieren täglich keine Handelsschiffe mehr den Korridor.
Für den globalen Weizenmarkt ist das strukturell bedeutsam. Russland und die Ukraine liefern zusammen rund 25 bis 30 Prozent des weltweiten Weizens sowie erhebliche Mengen Sonnenblumenöl und Mais. Nach den ersten russischen Angriffen auf Odessa im Jahr 2022 hatte das UN-Welternährungsprogramm (WFP) gewarnt, dass Preissteigerungen von 20 bis 40 Prozent direkte Folgen für importabhängige Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten hätten. Damals wurde der Korridor durch das UN-Abkommen von Juli 2022 gesichert. Das Abkommen endete 2023, der Korridor bestand danach unilateral weiter. Jetzt steht er erneut still.
Analysten schätzen, dass die Ukraine durch die russischen Gegenangriffe auf Odessa rund ein Drittel ihrer Kapazität verloren hat, Getreide auf dem Seeweg zu exportieren und das zur Zeit der Hochernte. Für ukrainische Getreidehändler bedeutet das Einnahmeausfälle in einer Saison, in der Devisenzuflüsse für die Kriegswirtschaft entscheidend sind.
Zwei Blockaden, eine Spirale: Was den August entscheidet
Der August ist die Hocherntezeit für Weizen in der Region. Getreidehändler können Lieferausfälle von Wochen nicht durch Lagerhaltung ausgleichen. Marktpreise reagieren auf Angebotsausfälle dieser Größenordnung in Wochen, nicht in Monaten. Die IMO hat die Angriffe verurteilt, besitzt aber kein Durchsetzungsinstrument. Eine UN-Sondersitzung zum Schwarzen Meer wurde bislang nicht einberufen.
Für Kiew ist die operative Logik klar: Jede Woche, in der russische Häfen kein Öl und kein Getreide verschiffen, kostet Moskau Einnahmen, die den Krieg finanzieren. Für Moskau ist die Logik spiegelbildlich: Jede Woche, in der ukrainisches Getreide nicht exportiert wird, kostet Kiew Devisen und stresst die westlichen Unterstützer. Beide Seiten drehen die gleiche Eskalationsspirale.
Was das Schwarze Meer von der Straße von Hormus unterscheidet: Im Persischen Golf versucht Washington aktiv, den Schiffsverkehr zu schützen. Für das Schwarze Meer gibt es keinen vergleichbaren Schutzmechanismus, der Händler zurückbringt. Bis beide Seiten eine Entscheidung treffen, ob Eskalation, Pause oder eine neue Version des UN-Getreideabkommens, bleibt der Korridor geschlossen und der Markt sich selbst überlassen.
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