Welt wächst, Deutschland nicht: IW halbiert Prognose
Wirtschaft

Welt wächst, Deutschland nicht: IW halbiert Prognose

Das Institut der deutschen Wirtschaft erwartet 2026 nur noch 0,4 Prozent Wachstum statt 0,9 Prozent. Während der Welthandel um 1,7 Prozent wächst, fallen Deutschlands Exporte zum vierten Mal in Folge. IW-Ökonom Michael Grömling nennt das einen gravierenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

9. Mai 2026, 16:39 Uhr 986 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Der Welthandel wächst 2026 um 1,7 Prozent, Deutschland nicht. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat am 7. Mai seine Prognose für das Wirtschaftswachstum 2026 von 0,9 auf 0,4 Prozent halbiert. In der Studie, die IW-Ökonom Michael Grömling mit dem Titel "Deutsche Konjunktur in instabiler Seitenlage" veröffentlichte, benennt er das, was viele Ökonomen schon länger beobachten: Deutschland verliert Marktanteile, während andere expandieren. Das ist der Unterschied zwischen einem schlechten Konjunkturjahr und einem strukturellen Problem.

Viertes Jahr sinkender Exporte in Folge

Die Exportzahlen sind das alarmierendste Signal in der IW-Prognose. 2026 schrumpfen die deutschen Ausfuhren laut IW um 0,3 Prozent, während der Welthandel insgesamt um 1,7 Prozent wächst. Das ist eine Schere von zwei Prozentpunkten und es ist nicht das erste Mal: Es ist das vierte Jahr in Folge, in dem Deutschland Weltmarktanteile verliert. Die Abkopplung begann also nicht mit dem Iran-Krieg vom Februar 2026, sondern schon früher.

Was das konkret bedeutet: Andere Anbieter beliefern Kunden, die früher deutsche Produkte kauften. Bei einem Exportanteil von über 40 Prozent am Bruttoinlandsprodukt ist das keine abstrakte Sorge. Deutschland ist keine Binnenmarktwirtschaft wie die USA, die gut acht Zehntel ihres BIP im Inland erwirtschaften. Das Wohlstandsmodell der Bundesrepublik hängt am internationalen Handel. Wenn das Exportgeschäft sich dauerhaft vom Welthandel entkoppelt, hat das Folgen, die kein Konjunkturprogramm schnell kompensiert.

Der Ausgangspunkt war schwach. Deutschland hatte nach drei Jahren Rezession und Stagnation (2023: minus 0,9 Prozent, 2024: minus 0,5 Prozent) kaum wirtschaftliche Reserven aufgebaut. Im ersten Quartal 2026 gab es ein kleines Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, das erste Aufatmen seit Jahren. Der Iran-Krieg hat diese Erholung abgebrochen. Der Energiepreisschock durch die Blockade der Hormusstraße trifft ein Land, das bereits am Limit operierte.

Drei Millionen Arbeitslose: eine politische Schwelle

Die IW-Prognose erwartet, dass die Arbeitslosigkeit 2026 auf über 3 Millionen steigt, die Quote auf 6,4 Prozent. Gleichzeitig sinkt die Erwerbstätigkeit um 190.000 Personen. Drei Millionen Arbeitslose ist in Deutschland eine politisch aufgeladene Zahl: Als Gerhard Schröder 2005 die Bundestagswahl verlor, lag die Arbeitslosenquote über 11 Prozent. Mit 6,4 Prozent ist das kein Notstand, aber die Richtung ist eindeutig. Nach Jahren des Beschäftigungsrekords dreht der Trend.

Für Arbeitnehmer treffen drei Entwicklungen gleichzeitig zusammen: Mehr Arbeitslose bedeuten Konkurrenz auf dem Stellenmarkt, sinkende Beschäftigung bedeutet weniger Verhandlungsmacht bei Lohnrunden und eine Inflationsrate von 3 Prozent frisst Kaufkraft. Wer seinen Job behält, verliert real Einkommen. Wer ihn verliert, findet einen Markt vor, der schrumpft.

Auch die Investitionsseite ist schwach. Das IW hat seine Prognose für Anlageinvestitionen von 2,2 auf 1,2 Prozent gesenkt. Der private Konsum stagniert, obwohl das IW im Dezember noch ein Plus von einem Prozent erwartet hatte. Was die Nachfrage stabilisiert, sind laut IW vor allem die öffentlichen Ausgaben, darunter die gestiegenen Rüstungsaufwendungen. Das ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ein schlechter Tausch: Verteidigungsausgaben erhöhen nicht die Produktivität der Exportwirtschaft.

Konjunktur trifft Struktur

Grömling betont ausdrücklich, dass die Prognose "mit hoher Unsicherheit behaftet" ist und die tatsächlichen Auswirkungen von der Dauer des Iran-Krieges abhingen. Das ist korrekt und es gibt eine optimistische Lesart dieser Situation: Der Krieg endet, die Hormusstraße öffnet, Energiepreise sinken, die Wirtschaft erholt sich. Diese Version ist möglich.

Sie verschleiert jedoch, dass der Exportrückgang nicht erst 2026 begann. Deutschlands Verlust an Weltmarktanteilen ist eine Entwicklung, die seit 2023 anhält. Der Iran-Krieg hat sie verschärft, nicht erzeugt. Zu den strukturellen Ursachen zählen Ökonomen seit Jahren: hohe Energiekosten auch ohne Kriegspreis, eine Steuerbelastung für Unternehmen die im OECD-Vergleich zu den höchsten gehört, Bürokratie die Investitionsentscheidungen verlangsamt und eine Infrastruktur, die jahrzehntelang unterfinanziert war.

Nach einem möglichen Kriegsende werden Energiepreise nicht sofort auf Vorkriegsniveau sinken. Und Kunden, die in den letzten Monaten zu anderen Anbietern gewechselt haben, kommen nicht automatisch zurück. Einmal verlorene Lieferbeziehungen im Industriebereich sind schwer zu reaktivieren, weil Abnehmer ihre Lieferketten nach einer Umstellung ungern erneut ändern.

Was fehlt in der politischen Debatte über diese Zahlen: Die Frage, welche Steuereinnahmen durch entgangenes Wachstum verloren gehen. Bei 0,4 Prozent statt 0,9 Prozent Wachstum fehlen dem Fiskus Milliarden, die in Haushaltsdebatten dann als Sparnotwendigkeit auftauchen. Gleichzeitig diskutiert die Koalition Schuldenbremse und Ausgabenkürzungen, ohne die Einnahmeseite strukturell zu stärken. Das IW nennt keine politischen Empfehlungen, die Datenlage jedoch legt nahe, dass ein Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent auf Dauer keine stabilen Staatsfinanzen ermöglicht.

Wenn Hormus öffnet: Wie schnell reicht das durch

Das Szenario, auf das Ökonomen und Unternehmen hoffen: Ein Iran-Deal beendet die Blockade der Hormusstraße, Ölpreise fallen, Energiekosten sinken und der private Konsum springt an. Wie schnell das passieren würde, hängt von der Stärke des Preisrückgangs und dem Zeitpunkt im Jahr ab. Optimistische Schätzungen gehen von einem spürbaren Effekt auf Verbraucherpreise innerhalb von sechs bis zwölf Wochen nach Hormus-Öffnung aus.

Für die Exportwirtschaft gilt ein längerer Horizont. Aufträge, die ausgeblieben sind, laufen nicht sofort wieder an. Investitionsentscheidungen, die Unternehmen im ersten Halbjahr 2026 zurückgestellt haben, werden erst in der zweiten Jahreshälfte oder 2027 wirksam. Das IW-Szenario mit 0,4 Prozent Wachstum setzt voraus, dass der Konflikt mindestens bis zum Herbst andauert. Ein früheres Kriegsende könnte die Prognose nach oben verschieben. Die Q2-Daten, die im Juli und August veröffentlicht werden, sind der erste konkrete Indikator, ob der Trend gebrochen ist.

Update 23. Mai, 07:06 Uhr: Die DIHK hat Mitte Mai ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 0,3 Prozent abgesenkt, damit noch unter der IW-Schätzung von 0,4 Prozent. Zu Jahresbeginn hatte die DIHK noch mit einem Prozent Wachstum gerechnet. Die Umfrage, an der 23.416 Betriebe zwischen dem 23. März und dem 8. Mai 2026 teilnahmen, zeichnet ein düsteres Bild: 26 Prozent der Unternehmen bezeichnen die aktuelle Wirtschaftslage als schlecht, so viele wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Coronapandemie. Nur 13 Prozent erwarten bessere Geschäfte in den nächsten zwölf Monaten. Als größtes Risiko nennen 70 Prozent der Befragten die Energiekosten und Rohstoffpreise, verschärft durch die weiterhin blockierte Hormusstraße. Die DIHK-Ökonomen warnen, strukturelle Dauerbelastungen wie hohe Personalkosten, ausufernde Bürokratie und marode Infrastruktur würden eine konjunkturelle Erholung auch nach einem möglichen Ende des Irankonflikts verzögern.

Quellen (11)

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