Polens Patriot-Streit: Europa hat zu wenig Raketen
Dreißig bis 35 Abfangraketen lieferten Deutschland und seine europäischen Partner im Frühjahr 2026 gemeinsam an die Ukraine. Die Ukraine verbraucht in einem normalen Kriegsmonat rund 60. Das reicht für kaum mehr als zwei Wochen Luftschutz. Dieser Mangel steht hinter dem innenpolitischen Streit, der gerade in Polen ausgebrochen ist: Hat die Regierung von Premierminister Donald Tusk die Ukraine in der US-Lieferkette vorgezogen und damit Polens eigene Luftverteidigung geschwächt?
Was im Frühjahr in Warschau entschieden wurde
Nach Berichten polnischer Medien und des einflussreichen Militärblogs von Paweł Sokała übergab die Tusk-Regierung im Frühjahr 2026 einen Posten PAC-3-Interceptors an die Ukraine, ohne das Parlament oder Präsident Karol Nawrocki zu informieren. Die nationalkonservative PiS und ihr Fraktionschef Mariusz Błaszczak, früherer Verteidigungsminister, kritisierten das scharf. Auf der Plattform X schrieb Błaszczak: "Diese Raketen sind ein Schlüsselelement der Verteidigung des polnischen Luftraums gegen ballistische Raketen."
Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz ließ offen, ob Polen Raketen aus eigenen Beständen abgegeben oder der Ukraine einen früheren Platz in der US-Lieferkette eingeräumt hatte. Ein Berater von Präsident Nawrocki schilderte die Situation konkret: "Wir waren weiter vorne in der Warteschlange, die Ukrainer waren dahinter, die Regierung ließ sie vor, also müssen die Polen jetzt länger warten." Kosiniak-Kamysz kündigte an, er werde gemeinsam mit Tusk alle polnische Militärhilfe an die Ukraine seit 2022 öffentlich machen. Die PiS wirft der Regierung vor, diese Transparenz erst unter politischem Druck anzubieten.
Die Lücke: 60 gegen 30
Der Streit in Warschau offenbart ein Problem, das weit über Polen hinausgeht. Die Ukraine verbraucht nach Schätzungen westlicher Militärexperten in einem Kriegsmonat rund 60 PAC-3-Interceptors. Die gesamte europäische Lieferung im Frühjahr umfasste 30 bis 35 Raketen. Im März versuchte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gemeinsam mit anderen europäischen Ländern, etwas mehr als 30 der begehrten Abfangraketen zu beschaffen. Der ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow bedankte sich beim Ramstein-Treffen im April namentlich bei Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Polen.
Warum ist es so wenig? Der US-Hersteller Lockheed Martin meldete für 2024 eine Rekordproduktion von über 500 PAC-3-Interceptors, gab aber gleichzeitig an, das angestrebte Ziel von 650 Stück pro Jahr erst 2027 erreichen zu können. Gleichzeitig haben Dutzende Staaten Patriot-Bestellungen laufen: Taiwan, Japan, Polen, Rumänien und andere. Der Mangel betrifft nicht nur die Ukraine. Infolge des Iran-Konflikts in der Straße von Hormus im Frühjahr 2026 wurden nach Berichten des Fachdiensts Handelsblatt auch für andere Abnehmer vorgesehene Kontingente umgeleitet. Die Schweiz berichtete, geplante Lieferungen für ihre Luftverteidigung seien verschoben worden und das Land suche nach Alternativen.
Für die Ukraine sind PAC-3-Interceptors besonders kritisch, weil sie zu den wenigen Systemen gehören, die russische ballistische Raketen abfangen können. In der Nacht auf den 6. Juli schoss Russland 29 ballistische Raketen auf Kiew, ohne dass eine einzige abgefangen wurde. Selenskyj nannte erschöpfte Abfangraketen als Hauptursache.
Am 8. Juli entscheidet Trump über die Produktionslizenz
Seit dem 1. Juli 2026 verhandelt Deutschland nach Berichten des Fachdienstes Army Recognition mit Washington über eine Lizenz zur Produktion von PAC-3 MSE-Interceptors auf deutschem Boden. Das würde Deutschland zur ersten europäischen Nation machen, die diese Abfangraketen selbst herstellt. Für die Ukraine wäre das relevant, weil eine europäische Produktion die Abhängigkeit von US-Kapazitäten verringern würde.
Genau das ist auch Selenskyjs Kernforderung beim NATO-Gipfel in Ankara: nicht nur mehr Raketen, sondern das Recht, sie in der Ukraine selbst zu produzieren. Im bilateral geplanten Gespräch mit Trump am Mittwoch, dem 8. Juli, um 14:30 Uhr Ortszeit steht diese Frage an zentraler Stelle.
Polens Streit zeigt, dass die bisherige Praxis des Teilens knapper Bestände auf Dauer die innenpolitischen Kosten in den Partnerstaaten erhöht. Jede Weiterleitung an die Ukraine kostet eine Regierung politisches Kapital im eigenen Land, besonders wenn die Entscheidung ohne parlamentarische Einbindung fällt. Eine europäische oder ukrainische Eigenproduktion wäre eine strukturelle Antwort auf dieses Problem. Ob Trump das zulässt, hängt auch davon ab, ob er Selenskyj in Ankara als Partner oder als Bittsteller begegnen will.
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