11 Tote in Ukraine: Putin weist Friedensgeste zurück
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11 Tote in Ukraine: Putin weist Friedensgeste zurück

Mindestens elf Menschen starben am Sonntag bei russischen Angriffen in Dnipro, Saporischschja und der Region Charkiw. Gleichzeitig lehnte Putin im Staatsfernsehen einen ukrainischen Vorschlag für gegenseitige Strikepause ab und interpretierte ihn öffentlich als Schwächezeichen.

29. Juni 2026, 20:41 Uhr 820 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Am 30. Juni läuft Donald Trumps Frist für einen Frieden in der Ukraine ab. Am Vortag lieferte Russland die Antwort: Raketen auf Dnipro, Drohnen auf Saporischschja, elf Tote. Und ein Präsident, der im Staatsfernsehen einen ukrainischen Friedensvorschlag nicht nur ablehnte, sondern ihn öffentlich als Schwächezeichen auswertete.

Das Angebot, das Putin öffentlich verwarf

Im Interview mit dem russischen Staatsfernsehen enthüllte Putin am Sonntag, dass die Ukraine vorgeschlagen hatte, beide Seiten sollten wechselseitig auf Langstreckenbeschuss im jeweils anderen Hinterland verzichten. Selenskyj hatte in den Wochen zuvor ukrainische Langstreckenschläge tatsächlich zeitweise gedrosselt und dabei von einem Spiegelprinzip gesprochen: Wenn Russland keine Massenangriffe führe, reagiere die Ukraine entsprechend zurückhaltend.

Putin nannte als Begründung für seine Ablehnung, russische Gegenschläge seien laut Al Jazeera "viel stärker, wirkungsvoller und ehrlich gesagt zerstörerischer" als ukrainische. Das Angebot belege, dass Kyjiws Kräfte entlang der 1.250 Kilometer langen Front unter Druck stünden. "Die Rettung des Kiewer Regimes ist nicht Teil unserer Pläne", sagte Putin.

Die ukrainische Seite hat den Vorschlag weder bestätigt noch dementiert. Indem Putin ihn im Staatsfernsehen öffentlich machte, entzog er ihm die diplomatische Verwertbarkeit: Was als stilles Zugeständnis hätte wirken können, wurde von Moskau als Eingeständnis von Schwäche interpretiert und dann veröffentlicht. Der Kyiv Post zufolge soll Ukraine vor der Ablehnung keine direkte Antwort aus Moskau erhalten haben.

Raketen auf Dnipro, Drohnen in Saporischschja

Während Putin die Ablehnung formulierte, liefen russische Angriffe auf mehrere ukrainische Städte. In Dnipro, einer Industriestadt rund 100 Kilometer von der Frontlinie entfernt, zerstörte eine russische Rakete ein Infrastrukturobjekt und tötete fünf Menschen, 29 wurden verletzt. In Saporischschja traf eine russische Drohne einen Kleinbus mit Passagieren und tötete drei Menschen; sechs weitere wurden verletzt, darunter ein Kind. In Smijiw in der Region Charkiw tötete eine Rakete einen Menschen und verletzte acht weitere, darunter zwei Kinder. Die Gesamtzahl der Toten lag nach Angaben von Selenskyj und mehreren Regionalverwaltungen bei mindestens elf, die Verletztenzahl bei über 40.

Selenskyj verurteilte die Angriffe auf der Plattform X als "entsetzlich" und erneuerte seine Forderung an Europa, eigene antiballistische Verteidigungssysteme zu entwickeln. Die Angriffe fielen in eine besonders schwierige Versorgungslage: In acht ukrainischen Regionen fiel der Strom aus. Die zweite Hitzewelle des Jahres hielt die Temperaturen über 38 Grad, der Strombedarf für Klimaanlagen war entsprechend hoch. Hunderttausende Haushalte saßen ohne Strom in der Hitze.

Maximale Kriegsziele, minimale Kompromissbereitschaft

Putin bekräftigte im selben Interview die unveränderten russischen Kriegsziele: die "vollständige Befreiung" der vier annektierten Regionen Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Russland kontrolliert keine dieser Regionen vollständig. Er erklärte zudem, Moskau sei bereit, Gespräche mit den USA über die Ukraine fortzusetzen. Dass damit kein Entgegenkommen gemeint ist, zeigten die gleichzeitige Ablehnung jeder Einschränkung militärischer Operationen und die Angriffe des selben Tages.

Die Zahlen sprechen gegen Russlands Siegesanspruch. Das Foreign Policy Research Institute (FPRI) stellte in einer Analyse von Ende Juni fest, dass russische Kräfte im Schnitt nur 15 bis 70 Meter pro Tag vorrücken. Seit 2024 wurden lediglich 1,5 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets eingenommen. Ukrainische Drohnenangriffe haben laut FPRI die russische Raffineriekapazität um rund 17 Prozent reduziert, mit zeitweisen Ausfällen von bis zu 40 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft dokumentierte im Juni, dass Russlands flüssige Reserven im Staatsfonds von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf 1,8 Prozent im April 2026 gefallen sind. Das geplante Haushaltsdefizit für das Gesamtjahr 2026 war bereits nach dem ersten Quartal überschritten.

Das International Centre for Defence and Security (ICDS) in Tallinn analysierte im Juni, dass kremlinnahe Kommentatoren erstmals seit vier Kriegsjahren damit aufgehört haben, die Vernichtung des ukrainischen Staates als Standardszenario anzusehen. Das ist kein Friedenssignal, aber es beschreibt eine Verschiebung in der russischen Wahrnehmung: Maximalziele werden zunehmend unglaubwürdig.

Selenskyjs Appell und Europas Rüstungsaufgabe

Nach den Angriffen richtete Selenskyj einen konkreten Aufruf an die europäischen Partner. Er forderte, Europa müsse eigene antiballistische Verteidigungssysteme entwickeln, die ballistische Raketen abfangen können. Bisherige Systeme wie Patriot sind dafür nur bedingt ausgelegt. Russland setzt verstärkt ballistische Raketen ein, um die vorhandene ukrainische Flugabwehr zu überwältigen. Selenskyj nannte das eine systematische Strategie: weniger Drohnen, mehr Raketen, um Abwehrsysteme zu erschöpfen.

Am 30. Juni läuft die Frist ab, die Trump im Februar gesetzt hatte. Amerikanische Offizielle haben laut NPR und Al Jazeera nie konkretisiert, welche Konsequenzen ein Fristablauf hätte. Selenskyj setzt indes auf europäische Eigenständigkeit: Deutschland, Frankreich und Großbritannien verhandeln im E3-Format parallel zu Washington. Die EU hat zuletzt erhebliche Mittel für gemeinsame Rüstungsprojekte freigegeben, darunter für Luftabwehrsysteme.

Das Stoppangebot, das Putin im Staatsfernsehen öffentlich ausschlachtete, zeigt ein Muster: Selenskyj versucht seit Wochen, diplomatische Gesten mit militärischem Druck zu kombinieren. Selenskyjs Druckkampagne gegen russische Energieinfrastruktur ist der militärische Arm dieser Strategie. Das öffentlich gemachte Stoppangebot war der diplomatische Arm. Putin hat den diplomatischen Arm gekappt, den militärischen bestätigt er täglich mit weiteren Angriffen. Welche Konsequenzen das nach dem Ablauf der amerikanischen Frist hat, ist die offene Frage des Julis.

Quellen (11)

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