Fünftes Schuljahr im Krieg: 250.000 Kinder weniger
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Fünftes Schuljahr im Krieg: 250.000 Kinder weniger

Am 1. September beginnt für 3,5 Millionen Kinder in der Ukraine das fünfte Schuljahr unter Kriegsbedingungen. 250.000 weniger als im Vorjahr. Die Kindernothilfe warnt: Jedes Schuljahr ohne regulären Alltag hinterlässt bleibende Spuren.

Quellen (8)
  1. Kindernothilfe Pressemitteilung 20.08.2026presseportal.de
  2. Kindernothilfe Presseportalpresseportal.de
  3. UNICEF – Kinder vertriebenunicef.org
  4. UNICEF – Bildungsbarrierenunicef.org
  5. UNICEF Humanitarian Action 2026unicef.org
  6. UNICEF – Schulen beschädigtunicef.org
  7. Deutschlandfunkdeutschlandfunk.de
  8. Sonnenseitesonnenseite.com
23. August 2026, 10:20 Uhr720 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Kinder, die 2022 in der ersten Klasse eingeschult wurden, beginnen jetzt das fünfte Schuljahr. Sie waren sechs Jahre alt, als Russland die Ukraine angriff. Heute sind sie zehn. Sie kennen fast kein Schuljahr ohne Luftalarm, ohne abgebrochenen Unterricht, ohne die Frage, ob ihr Schulgebäude noch steht. Dass trotzdem 3,5 Millionen Kinder im Schuljahr 2025/26 in der Ukraine lernen, hält die Kindernothilfe für ein Zeichen der Resilienz. Dass es 250.000 weniger sind als im Vorjahr, für ein Zeichen des Verlusts.

Was 4,5 Jahre Krieg aus der Bildung gemacht haben

Seit dem russischen Überfall im Februar 2022 wurden mehr als 1.700 Schulen und Bildungseinrichtungen in der Ukraine beschädigt oder zerstört. Mehr als ein Drittel der ukrainischen Kinder kann nicht ganztägig in Präsenz zur Schule gehen. Für viele ist das Klassenzimmer zur Ausnahme geworden, nicht zur Regel.

Die Zahlen des aktuellen Schuljahrs machen die Erosion sichtbar: 3,5 Millionen Kinder lernen in der Ukraine, rund 250.000 weniger als im Schuljahr 2024/25. 2,3 Millionen Kinder lernten zuletzt in Präsenzform. Gleichzeitig leben mehr als 2,5 Millionen ukrainische Kinder und Jugendliche auf der Flucht: rund 791.000 sind innerhalb der Ukraine vertrieben, fast 1,8 Millionen haben Zuflucht im Ausland gesucht, wie UNICEF im Februar 2026 mitteilte. Das entspricht mehr als einem Drittel aller ukrainischen Kinder.

Frontregionen: Präsenzunterricht für 34 Prozent

Der Unterschied zwischen den Regionen ist gravierend. Weit von der Front entfernt funktioniert Schulbetrieb zumindest in Teilen. In den Frontregionen können jedoch nur rund 34 Prozent der Kinder in Präsenz am Unterricht teilnehmen. Der Rest lernt online oder gar nicht.

Online-Unterricht hat sich in der Ukraine zur wichtigsten Ausweichoption entwickelt. Doch er trägt eine tückische Abhängigkeit: die Stromversorgung. Wenn russische Angriffe auf ukrainische Energieinfrastruktur das Netz destabilisieren, fällt auch der Online-Unterricht aus. Für Kinder in Frontregionen ist das kein abstraktes Risiko, sondern Alltag, besonders in den Wintermonaten, wenn Beschuss und Kälte zusammenfallen. Rund eine Million Kinder ist nach UNICEF-Angaben auf Online-Lernen als einzige Bildungsform angewiesen.

Dass Schulen als Schutzräume ausgebaut werden, ist inzwischen Teil der ukrainischen Strategie: 90 Prozent der ukrainischen Schulen verfügen über irgendeine Form von Schutzraum. Ob dieser bei einem direkten Treffer schützt, ist eine andere Frage.

Schule als Rahmen, nicht nur als Unterricht

„Der Krieg leert nicht nur Klassenzimmer. Er nimmt Kindern Bildung, soziale Beziehungen und Zukunftschancen“, sagte Carsten Montag, Vorstand der Kindernothilfe, am 20. August. Die Formulierung trifft einen Kern, den Statistiken schlecht erfassen: Schule ist für Kinder kein reiner Lernort, sondern sozialer Rahmen, Alltagsstruktur, Schutzraum. Viereinhalb Jahre Unterbrechung dieser Struktur, für manche Kinder bereits die Hälfte ihres bewussten Lebens, hinterlassen Spuren, die nicht mit dem Ende des Krieges automatisch verschwinden.

UNICEF schätzt, dass im Jahr 2026 rund 387,9 Millionen US-Dollar für die Bildungs- und Schutzarbeit in der Ukraine benötigt werden: 350 Millionen für die Arbeit im Land, der Rest für die Flüchtlingsarbeit in Nachbarstaaten. Die Kindernothilfe selbst arbeitet mit sechs ukrainischen Partnerorganisationen zusammen und unterstützt fast 10.000 Kinder mit Bildungsangeboten, psychosozialer und medizinischer Hilfe.

Schulbeginn in einem Krieg ohne absehbares Ende

Die Frage, die am 1. September 2026 im Hintergrund steht: Wann kehren die ausgefallenen Schuljahre je zurück. Kinder, die 2022 in der ersten Klasse eingeschult wurden, beginnen jetzt das fünfte Jahr. Sie kennen fast kein Schuljahr ohne Luftalarm, ohne Unterbrechungen, ohne die Möglichkeit, sich auf einen normalen nächsten Tag verlassen zu können.

Der Deutschlandfunk berichtet, die Kindernothilfe sehe in dem Schulstart zugleich ein Zeichen der Resilienz: Dass Familien und Kinder trotz aller Widrigkeiten versuchen, Bildungsroutinen aufrechtzuerhalten. In Schutzräumen, in U-Bahn-Stationen, in mobilen Lernzentren in den Regionen Charkiw und Sumy. Der Krieg hat die Schule verlagert, nicht aufgehoben.

Was das langfristig bedeutet, lässt sich nur in groben Zügen abschätzen: Eine Generation, die unter Kriegsbedingungen aufwächst, wird besondere Unterstützung brauchen, unabhängig davon, wann der Krieg endet. Der 1. September 2026 ist kein Schulbeginn wie andere. Es ist der fünfte in einer Reihe.

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