Rekordgewinne auf Kosten der Versicherten
Die Allianz meldete 2025 einen operativen Rekordgewinn von 17,4 Milliarden Euro. Hannover Rück steigerte seinen Überschuss um 13 Prozent auf 2,64 Milliarden Euro. Munich Re, der weltgrößte Rückversicherer, verdiente 6,1 Milliarden Euro. Die gesamte deutsche Versicherungswirtschaft verbuchte 254 Milliarden Euro Beitragseinnahmen, 6,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig zahlen deutsche Autofahrer für ihre Kfz-Versicherung seit 2022 rund 40 Prozent mehr als zuvor. Wer seit Jahren treu beim selben Versicherer geblieben ist, zahlt für identisches Risiko oft doppelt so viel wie ein Neukunde. Das ist kein Marktversagen, sondern das Ergebnis eines Systems, das strukturell gegen die Interessen der Versicherten arbeitet.
Rekordprämien, Rekordgewinne
Die Versicherungswirtschaft hat für die gestiegenen Prämien eine fertige Erklärung: Ersatzteilkosten seien in den vergangenen zehn Jahren um 80 Prozent gestiegen, Werkstattlöhne seit 2017 um 50 Prozent, beides deutlich mehr als der allgemeine Verbraucherpreisindex mit plus 24 Prozent im selben Zeitraum. Das stimmt. Aber es erklärt nur einen Teil der Gleichung.
Denn gleichzeitig erzielen die großen Versicherer historisch hohe Gewinne. Die Allianz erhöhte ihre Dividende für 2025 auf 17,10 Euro pro Aktie, elf Prozent mehr als im Vorjahr. Talanx, die Muttergesellschaft von HDI, meldete für 2024 Prämieneinnahmen von 48,2 Milliarden Euro, ein Wachstum von 11,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bestätigte für 2025 ein Branchenwachstum von 6,6 Prozent auf 254 Milliarden Euro an Beitragseinnahmen.
Ein konkretes Zahlenbeispiel zeigt die Schieflage: Die Kfz-Schadenquote lag 2023 laut Statista-Daten bei 99,5 Prozent. Das bedeutet: Die Schadenauszahlungen entsprachen nahezu exakt den Prämieneinnahmen in diesem Segment. Der Kfz-Bereich macht für sich genommen kaum Gewinn. Trotzdem stiegen die Prämien. Der Grund liegt in der Querfinanzierung: Versicherer reinvestieren die Prämieneinnahmen am Kapitalmarkt und erzielen daraus erhebliche Erträge. Prämienerhöhungen maximieren diesen Kapitalpool, unabhängig davon, ob die Schadenquote es rechtfertigt.
Bei der gesetzlichen Krankenversicherung verlief die Entwicklung parallel. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag stieg 2026 von 2,5 auf 2,9 Prozent des Bruttoeinkommens. Laut Kassenverband erhöhten 47 von mehr als 90 gesetzlichen Krankenkassen zum Jahreswechsel ihren Zusatzbeitrag. Wer bei einer dieser Kassen versichert ist, hat zwar ein gesetzliches Sonderkündigungsrecht, aber der bürokratische Aufwand eines Kassenwechsels und die Unklarheit über Leistungsunterschiede halten die meisten Versicherten davon ab, es zu nutzen.
Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) gaben deutsche Privathaushalte 2022 im Schnitt 1.596 Euro pro Jahr für Versicherungen aus. Der Anteil am verfügbaren Haushaltseinkommen wuchs seit 2009 von 2,9 auf 3,4 Prozent in 2019, eine Entwicklung, die sich seitdem fortgesetzt hat. Die Kfz-Versicherung allein macht 29 Prozent der gesamten Versicherungsausgaben eines Durchschnittshaushalts aus, also rund 468 Euro pro Jahr im Stand 2022, bevor die Preissprünge ab 2023 einsetzten.
Das Bestandskundenparadox
Das strukturell relevanteste Problem ist nicht der Preisanstieg als solcher, sondern seine Verteilung. Versicherer differenzieren systematisch nach Kundenloyalität: Neukunden erhalten deutlich günstigere Konditionen als Bestandskunden. Wer seinen Vertrag nie neu verhandelt oder kündigt, zahlt für das identische Risiko oft 50 bis 100 Prozent mehr als jemand, der gerade gewechselt hat.
Die Zahlen sind eindeutig: Nur 14 Prozent der deutschen Versicherungsnehmer wechseln ihren Anbieter jährlich. 21 Prozent haben nach eigenen Angaben noch nie gewechselt. Das Verbraucherportal Finanztip hat dokumentiert, dass ein Wechsel bei der Kfz-Versicherung Ersparnisse von bis zu 850 Euro pro Jahr ermöglichen kann. Aber nur eine Minderheit nutzt diese Möglichkeit.
Dieses Verhalten ist nicht irrational. Vergleichsportale setzen Verständnis für Tarifstrukturen voraus, die bewusst komplex gehalten werden. Die Beitragsersparnis eines Wechsels ist für jemanden, der noch nie verglichen hat, schwer abzuschätzen. Und das Produkt Versicherung ist psychologisch besonders: Man zahlt jahrelang, hofft aber, es nie zu brauchen. Diese kognitive Distanz zur Versicherungsrealität macht Bestandskunden zu einer verlässlichen Ertragsquelle.
Die algorithmische Tarifierung fügt dieser Dynamik eine neue Dimension hinzu. Versicherer setzen zunehmend Scoring-Modelle ein, die Prämien nach Hunderten von Parametern berechnen: Postleitzahl, Fahrzeugalter, Beruf, Zahlungsverhalten, digitales Verhalten. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) wies in einem Papier vom März 2025 ausdrücklich auf das Risiko algorithmischer Diskriminierung hin, also systematischer Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen über Proxy-Merkmale, die formal nicht diskriminierend sind. Die Verbraucherzentralen fordern seit Jahren verbindliche Transparenzvorgaben für diese Systeme. Durchgesetzt wurden sie bislang nicht.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) kritisiert, dass der Markt strukturell intransparent sei und Verbraucher ohne aktives Zutun systematisch benachteiligt würden. Auch Gerhard Schick, Gründer der NGO Finanzwende und früherer Bundestagsabgeordneter, hat wiederholt auf den strukturellen Interessenkonflikt hingewiesen: Versicherungsvermittler erhalten ihre Provision vom Versicherer, nicht vom Kunden. Das führt dazu, dass nicht das passende, sondern das provisionsträchtigste Produkt empfohlen wird.
97 Regelungsvorgaben: Wie der GDV Reformen verhindert
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vertritt rund 460 Mitgliedsunternehmen. Laut dem deutschen Lobbyregister meldete er 2024 insgesamt 97 konkrete Regelungsvorgaben, also direkte Einflussnahmen auf laufende oder geplante Gesetzgebung. Die Mehrzahl davon richtete sich gegen Regulierungsverschärfungen. Auf der GDV-Agenda standen Einwände gegen einen Provisionsdeckel für Vermittler, gegen Transparenzvorgaben für algorithmische Tarifierung und gegen eine Stärkung der BaFin-Kompetenzen im Einzelfallverbraucherschutz.
Finanzwende hat in einer umfassenden Lobbyismus-Studie den Ressourcenunterschied zwischen Verbraucherschutzorganisationen und Finanz- und Versicherungslobby dokumentiert. Das Ergebnis: Verbraucherschützer verfügen über einen Bruchteil der Mittel, die Branche für politische Einflussnahme aufwendet. Der Befund zeigt sich in der Gesetzgebung. Ein verbindlicher Provisionsdeckel für Versicherungsvermittler, wie ihn die Niederlande seit 2013 und Großbritannien seit 2013 kennen, scheiterte in Deutschland zuletzt erneut. In beiden Ländern führte der Deckel zu einer deutlich verbesserten Beratungsqualität und niedrigeren Kosten für Verbraucher.
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) überwacht die Branche auf Kapitaladäquanz und Compliance. Für Verbraucherschutz im Einzelfall ist sie strukturell unzureichend aufgestellt: Individuelle Beschwerdeverfahren dauern drei bis sechs Monate, Prämienobergrenzen kann sie nicht anordnen. „Kollektiver Verbraucherschutz”, also Eingreifen, wenn ein Markt systematisch gegen Kundeninteressen funktioniert, ist formal möglich, wird aber kaum genutzt. Die BaFin selbst gibt auf ihrer Webseite an, Beschwerden nur zu prüfen, nicht zu entscheiden, ob eine Prämienerhöhung im Einzelfall gerechtfertigt ist.
Parallel hat die Europäische Union die Solvency-II-Eigenkapitalanforderungen für Versicherer reformiert. Die Reform, die seit 2025 schrittweise greift, setzt nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums und der BaFin erhebliche Kapitalbeträge frei, die zuvor als Puffer gebunden waren. Die Versicherungslobby hatte jahrelang für diese Lockerung lobbyiert mit dem Argument, strengere Kapitalvorgaben benachteiligten europäische Versicherer gegenüber amerikanischen und asiatischen Wettbewerbern. Kritiker, darunter Ökonominnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), warnen, dass niedrigere Kapitalanforderungen in Krisenzeiten systemische Risiken erhöhen und die freigesetzten Mittel in erster Linie Dividenden und Aktienrückkäufe finanzieren statt Versicherungsleistungen.
Wer die Zeche zahlt
Die Verteilungswirkung steigender Prämien ist ungleich. Laut einer Destatis-Analyse von 2019 gaben Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.300 Euro rund 360 Euro pro Jahr für Versicherungen aus. Haushalte mit einem Einkommen zwischen 2.600 und 3.600 Euro monatlich zahlten 1.320 Euro in absoluten Zahlen fast viermal so viel, aber einen deutlich kleineren Anteil ihres Budgets.
Für einkommensschwache Haushalte ist Versicherungsschutz ein erzwungener Budgetposten: Kfz-Haftpflicht ist gesetzlich vorgeschrieben. Krankenversicherung ebenfalls. Diese Haushalte haben gleichzeitig weniger Kapazität, von Wechselmöglichkeiten zu profitieren. Vergleichsportale setzen Internetzugang und digitale Kompetenz voraus. Die Zeit für aktives Vertragsmanagement ist ungleich verteilt. Das Ergebnis ist eine stille Umverteilung: Loyalitätskunden, überproportional ältere, geringerverdienende und informationsärmere Haushalte, finanzieren die Akquisitionsrabatte, mit denen Versicherer jüngere, mobilere Neukunden gewinnen.
Ein internationaler Vergleich zeigt, dass es anders gehen kann. In Großbritannien hat die Financial Conduct Authority (FCA) 2021 durchgesetzt, dass Versicherer bei Vertragsverlängerungen keine höheren Prämien verlangen dürfen als für Neukunden. In den Niederlanden führte der Provisionsdeckel dazu, dass unabhängige Beratung zugänglicher und billiger wurde. Deutschland hat für keinen dieser Ansätze eine politische Mehrheit gefunden.
In Skandinavien existieren zudem verbindliche Transparenzvorgaben, die verlangen, dass Versicherer ihre Tarifdifferenzierungen gegenüber der Aufsicht offenlegen. Das macht algorithmische Diskriminierung deutlich leichter nachzuweisen und zu ahnden. Die BaFin hat diese Kompetenz bisher nicht.
GDV-Prognose: Keine Entlastung vor 2028
Für 2026 erwartet der GDV ein weiteres Beitragswachstum von 4,7 Prozent über alle Sparten. Die Schaden- und Unfallversicherung soll um 5,2 Prozent wachsen. Am stärksten legt die private Krankenversicherung zu: plus 10,5 Prozent, fast dreimal so schnell wie die allgemeine Inflation. Nur die Lebensversicherung bleibt mit 1,1 Prozent vergleichsweise moderat.
Das bedeutet für die meisten Haushalte: Versicherungskosten werden 2026 erneut deutlich über der allgemeinen Preissteigerung zunehmen. Marktstrukturen, die das begünstigen, sind stabil. Die fünf größten Versicherungskonzerne kontrollieren nach Schätzungen des Analysedienstleisters DAS Investment rund 60 Prozent des deutschen Marktes: Allianz, Axa, Munich Re, Talanx und Debeka. Auf einem Markt mit dieser Konzentration und diesen Wechselhürden ist der Preisdruck durch Wettbewerb strukturell begrenzt.
Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung enthält keine konkreten Maßnahmen zur Regulierung von Versicherungsprämien oder zur Stärkung der BaFin-Kompetenzen im Verbraucherschutz. Provisionsdeckel und Transparenzvorgaben für algorithmische Tarifierungsmodelle stehen nicht auf der gesetzgeberischen Agenda. Und die GDV-Lobbykapazitäten deuten nicht darauf hin, dass sich daran kurzfristig etwas ändert.
Was für Versicherungsnehmer konkret bleibt: aktives Vertragsmanagement, jährlicher Vergleich, konsequenter Wechsel. Wer das nicht tut, zahlt de facto eine Loyalitätssteuer zugunsten von Versicherern, die gleichzeitig Rekordgewinne melden. Für die 21 Prozent der Versicherten, die noch nie gewechselt haben, ist das eine kostspielige Gewohnheit.
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