Ukraine trifft 20 Schiffe: Operation MoLoChKa im Schwarzen Meer
Am ukrainischen Staatsfeiertag, dem 15. Juli, weiteten sechs koordinierte Einheiten der Unmanned Systems Forces ihre maritime Drohnenkampagne auf das Schwarze Meer aus. In einer einzigen Nacht trafen ukrainische Drohnen 20 russische Schiffe, 17 davon Öltanker, zwei Gastanker, einen Schlepper. Parallel schlugen Spezialkräfte das Kühlsystem des Balaklawa-Wärmekraftwerks auf der Krim, das nach ukrainischen Angaben nahezu die Hälfte der Stromversorgung der Halbinsel sicherstellt. Was wie Einzelaktionen klingt, ist Teil einer zehn Tage alten Operation mit einer Bilanz, die in ihrer Dimension bislang kaum öffentlich eingeordnet wurde.
Zehn Tage, 136 Schiffe
Seit dem 6. Juli haben ukrainische Drohnenverbände 136 Schiffe der russischen Schattenflotte in Asowschem Meer und Schwarzem Meer getroffen. Kommandeur Robert Brovdi, der unter dem Kampfnamen Madyar bekannte Befehlshaber der Unmanned Systems Forces, bestätigte den Übergang in die Schwarzmeerphase und benannte sie bewusst terminiert auf den 15. Juli, den Tag der ukrainischen Staatlichkeit. Der Name der Operation lautet MoLoChKa, ukrainisch für Milch.
Die Schattenflotte umfasst mehrere Hundert überwiegend überalterte Tanker, die Russland seit Beginn westlicher Sanktionen nutzt, um Öl zu Preisen oberhalb der G7-Preisgrenze zu exportieren. Mindestens 30 bis 35 Prozent der russischen Staatseinnahmen stammen nach Angaben des Internationalen Währungsfonds aus Öl- und Gasexporten. Wer diese Tanker trifft, greift die Finanzierungsbasis des Krieges direkt an. Im Asowschen Meer, das mit seiner geringeren Tiefe als einfacherer Operationsraum gilt, hatte die Ukraine die Schattenflotte seit Anfang Juli unter massiven Druck gesetzt. Das Schwarze Meer galt wegen seiner Ausdehnung und stärkeren russischen Marineabsicherung als schwieriger. Brovdis Einheiten zeigten am 15. Juli, dass auch dort keine sichere Zone besteht.
Die Angriffsnacht koordinierten sechs Verbände: das 9. Bataillon Kairos des 414. Verbands Magyar's Birds sowie die 1. Selbstständige Mitte, das 20. Brigade K-2, die 412. Brigade Nemesis, die 427. Brigade Rarog und das 413. Regiment Raid.
Balaklawa und die nicht ersetzbare Anlage
Parallel zu den Schiffsangriffen beschädigten Spezialkräfte das Kühlsystem einer Siemens-Turbine im Balaklawa-Wärmekraftwerk bei Sewastopol. Der Angriff ist aus zwei Gründen strategisch. Erstens versorgt das Kraftwerk nach ukrainischen Militärangaben fast die Hälfte der Halbinsel mit Strom. Zweitens sind die Turbinen mit Siemens-Technik ausgestattet, die Russland aufgrund westlicher Sanktionen weder ersetzen noch legal warten lassen darf.
Der Hintergrund reicht bis 2017 zurück. Siemens hatte Turbinen für russische Projekte außerhalb der Krim geliefert; sie wurden in der Folge entgegen Siemens' eigenem Willen auf die Halbinsel verbracht, wie Euromaidan Press auf Basis ukrainischer Ermittlungen berichtete. Siemens klagte damals erfolglos vor russischen Gerichten. Seit 2022 sind Lieferung und Wartung von Sanktionen erfasst. Ein beschädigtes Kühlsystem bedeutet in der Praxis: Die Turbinen müssen gedrosselt oder abgeschaltet werden, bis eine Lösung gefunden ist. Eine legale Lösung gibt es für Russland nicht.
Sewastopol ordnete unmittelbar nach dem Angriff Stromrationierungen an: zwei Stunden Versorgung, dann sechs Stunden Abschaltung. Ob das Kühlsystem dauerhaft beschädigt oder reparierbar ist, ließ Moskau zunächst offen.
Krim im Würgegriff: Landroute, Tourismus, Strom
Die Balaklawa-Operation und die Schiffsangriffe sind Teil einer erkennbaren Gesamtstrategie. Russland hat seit der Annexion 2014 mehrere Versorgungsrouten für die Krim ausgebaut: die Kertsch-Brücke als Hauptachse, eine Landroute über die besetzten Gebiete und Eisenbahnverbindungen. Alle stehen seit Monaten unter Druck.
Der Lkw-Verkehr auf der Landroute R-280 ist im Juni 2026 um mehr als 70 Prozent gegenüber dem Vormonat eingebrochen, wie der Tagesspiegel auf Basis von Reuters-Daten berichtete. Ukrainische Drohnenangriffe auf Militärkonvois und Tanklastzüge haben den Güterverkehr auf dieser Strecke de facto halbiert. Gleichzeitig sind die Hotelreservierungen in Sewastopol für Juli und August im Vergleich zum Vorjahr um 43 Prozent zurückgegangen. Der russische Tourismus auf der Krim kollabiert, weil die Sicherheitslage Reisende abschreckt.
Am selben Tag, an dem die Schiffsangriffe öffentlich wurden, entließ Präsident Selenskyj Verteidigungsminister Mykhailo Fedorow nach sieben Monaten im Amt. Innenminister Ihor Klymenko wurde das Verteidigungsministerium angeboten; das Parlament soll am 16. Juli abstimmen. Fedorow, der unter anderem die Starlink-Absicherung für die Ukraine verantwortete, hatte zuletzt Konflikte mit Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj über die Umbaugeschwindigkeit des Ministeriums. Die Personalentscheidung und die eskalierende Drohnenstrategie signalisieren keine Strategiepause, sondern deren Beschleunigung.
Das Schwarze Meer ist erst der Anfang
Brovdi formulierte das Ziel der zweiten Phase der Operation MoLoChKa nicht als Endpunkt. Der Übergang ins Schwarze Meer ist eine Reichweitenprobe in einem Seegebiet, das Russland bislang als vergleichsweise sicher behandelt hat. Der 10-Tage-Zähler von 136 Schiffen wird sich fortsetzen.
Das ukrainische Drohnenprogramm erhält regelmäßig neue Kapazitäten. Deutschland und die Ukraine haben im Juli ein gemeinsames Produktionsabkommen unterzeichnet. Die Unmanned Systems Forces können inzwischen Ziele in mehr als 1.000 Kilometern Entfernung von der Front angreifen, wie der Treffer auf ein FSB-Grenzschutzboot im Kaspischen Meer im Mai 2026 gezeigt hatte. Ob Fedorows Nachfolger Klymenko die technologiefokussierte Linie seines Vorgängers fortsetzt, ist noch offen. Brovdi und seine Einheiten operieren ungeachtet davon weiter.
Aktualisierungen
Update 20. Juli, 21:00 Uhr: Operation MoLoChKa hat seit Beginn am 6. Juli mittlerweile 183 russische Schiffe getroffen, davon 119 im Asowschen Meer und 64 im Schwarzen Meer. In der Nacht auf den 20. Juli beschädigten ukrainische Drohnen sieben weitere Tanker der Schattenflotte sowie Energieanlagen auf der Krim. Parallel schlossen sich nach der Kabinettsumbildung die politischen Weichen: Die Werchowna Rada bestätigte Serhij Koretskyj am 16. Juli mit 289 Stimmen als neuen Ministerpräsidenten. Als amtierender Verteidigungsminister führt Generalmajor Jewhenij Chmara das Ressort interimistisch, bis er den Zivilstatus erworben hat.
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