Russlands nächstes Ziel nach Kostjantyniwka: Slowjansk
Slowjansk und Kramatorsk sind die letzten Großstädte unter Kiewer Kontrolle im Donezk-Gebiet. Was nach dem Fall von Kostjantyniwka kommt, zeigt sich in den Frontberichten dieser Woche: Russische Kräfte greifen in Richtung Tikhoniwka im Kramatorsk-Sektor an, weniger als fünfzehn Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt und rücken auf das Heizkraftwerk Slawjanskaja nahe Nikolajewka vor. Die diplomatische Antwort aus Paris, 37 Nationen und eine Patriot-Produktionslizenz, wird nicht vor zwei Jahren militärisch wirken.
Die neue Angriffsachse nach Kostjantyniwka
Als Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am 3. Juli die vollständige russische Kontrolle über Kostjantyniwka meldete, fiel einer von drei Pfeilern des ukrainischen Verteidigungsgürtels im mittleren Donezk-Gebiet. Die Lücke hat strategische Konsequenzen: Slowjansk und Kramatorsk, rund 40 Kilometer nördlich, sind der letzte verbliebene Ballungsraum des Gebiets unter Kiewer Kontrolle. Vor dem Krieg lebten dort zusammen fast 250.000 Menschen; heute ist die Bevölkerung stark dezimiert, aber die städtische Infrastruktur, Energieversorgung und Logistikknoten sind weiter in Betrieb.
Das Institute for the Study of War (ISW) in Washington schrieb in seiner Lageeinschätzung vom 6. Juli, russische Kräfte positionierten sich entlang der Lyman-Achse für eine mehrdirektionale Offensive gegen Slowjansk und Kramatorsk. Am Nachmittag des 10. Juli trafen sieben russische Gleitbomben Wohngebäude, ein Geschäft und Privatwohnungen in Kramatorsk und töteten vier Menschen, darunter nach Behördenangaben zwei Geschwister im Alter von 14 und 18 Jahren. Neun weitere wurden verletzt, unter ihnen drei Mitarbeiter des Energiekonzerns DTEK. Im gleichen Zeitraum meldeten ukrainische Frontkommandeure russische Angriffe in Richtung Tikhoniwka und Vasyutynske im Kramatorsk-Sektor sowie Vorstöße auf Nikolajewka nahe Slowjansk, wo das Heizkraftwerk Slawjanskaja die Energie für den gesamten Ballungsraum liefert.
Halbierte Vorstoßrate, aber wachsender Artilleriedruck
Ukraines Generalstabschef Oleksandr Syrskyi legte am 10. Juli eine Halbjahresbilanz vor: Russlands Vorstoßrate habe sich gegenüber dem Vorjahr halbiert; die Zahl aktiver Angriffsrichtungen sei von dreizehn auf sechs bis sieben gesunken. Das ISW bestätigt diesen Trend. Russland konzentriere seine Kräfte auf weniger Schwerpunkte, dafür mit höherer Schlagdichte. In Richtung Slowjansk stiegen die täglichen Sturmversuche nach ukrainischen Meldungen auf zwanzig bis dreißig pro Tag.
Die ukrainische Seite ist nicht passiv. ZDF-Berichten zufolge fügte die ukrainische Armee russischen Angreifern im Juli erhebliche Verluste zu. Parallel setzt Kiew seine Drohnenstrategie gegen russische Öl- und Energieinfrastruktur fort: Ein Drittel der russischen Raffinerien stehe nach ukrainischen Angaben still; die Benzinproduktion liege rund 25 Prozent unter dem Vorkriegsniveau. Am 5. und 6. Juli flog Russland seinen vierten massiven Raketen- und Drohnenangriff seit Anfang Juni gegen die Ukraine; der Angriff galt vor allem Kiew und verursachte Dutzende zivile Opfer. Für Slowjansk und Kramatorsk ist die entscheidende Frage nicht die Verlustquote russischer Sturmbataillone, sondern die Tragfähigkeit der Luftabwehr gegen die Masse an Gleitbomben und Marschflugkörpern.
Paris: Was 37 Nationen am Bastille-Vorabend beschlossen
Im Hôtel des Invalides berieten am 13. Juli die Staats- und Regierungschefs der Coalition of the Willing. Mindestens 25 kamen persönlich nach Paris, darunter Selenskyj, NATO-Generalsekretär Mark Rutte und Bundeskanzler Friedrich Merz. Erstmals nahmen Moldau und Nordmazedonien an den Konsultationen teil, womit die Koalition auf 37 Mitglieder angewachsen ist. Macron legte das Treffen bewusst auf den Vorabend des Bastille-Tags.
Das inhaltliche Schwergewicht lag auf der Luftverteidigung. US-Präsident Donald Trump hatte beim NATO-Gipfel in Ankara am 8. Juli angekündigt, Washington werde der Ukraine eine Produktionslizenz für PAC-3-Patriot-Abfangjäger erteilen. Selenskyj bestätigte am 9. Juli eine politische Einigung. In Paris diskutierten die Verbündeten die Parameter des Plans: mögliche Fertigungsstandorte, Struktur des Lizenzabkommens, Zeitplan. Das Treffen baute auf den Beschlüssen des G7-Gipfels in Évian und des NATO-Gipfels in Ankara auf, wo 70 Milliarden Euro Militärhilfe für 2026 zugesagt worden waren.
Lizenz ohne Fließband: Frühestens in zwei Jahren wirksam
Was die Pariser Beschlüsse noch offen lassen: Die Produktionslizenz ist ein politischer Meilenstein, kein kurzfristiges Rüstungsprogramm. US News und die Washington Post analysierten am 10. Juli die realistischen Zeitachsen. Selbst mit politischer Einigung und Lizenz würde eine PAC-3-Produktion in Europa frühestens nach einigen Jahren anlaufen. Der wahrscheinlichste erste Standort ist Deutschland, wo bereits Fertigungskapazitäten für Komponenten bestehen; danach könnte die Produktion schrittweise auf ukrainisches Territorium verlagert werden. Rüstungsexperten gehen von einem Zeithorizont von mindestens zwei bis vier Jahren bis zu den ersten in Europa gefertigten Patriot-Abfangjägern aus.
Für Slowjansk und Kramatorsk heißt das: Die relevante Frage ist nicht, wann die Lizenz gilt, sondern wie viele bestehende Patriot-Batterien und Abfangjäger die Verbündeten in den nächsten Wochen und Monaten liefern. Selenskyj hat genau diese Forderung in Paris erneut gestellt. Ob und wie schnell Sofortlieferungen aus NATO-Beständen folgen, entscheidet über den Grad des Schutzes für die zwei Städte, auf die Russland seine Angriffsachse jetzt ausgerichtet hat.
Aktualisierungen
Update 23. Juli, 21:10 Uhr: Russische Gleitbomben trafen heute ein Wohnviertel in Slowjansk und verletzten mindestens 14 Menschen; sieben Wohnblocks wurden beschädigt. Militärgouverneur Wadym Filaschkin meldete den Angriff auf Telegram. Der Beschuss bestätigt die in diesem Artikel beschriebene Angriffslogik: Russische Kräfte setzen Gleitbomben ein, um die Verteidiger in der Festungsstadt zu zermürben, bevor ein koordinierter Bodensturm eingeleitet werden kann.
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