Danzig-Gipfel: Zehn Milliarden für die Ukraine
Zwei Tage, mehr als 160 Vereinbarungen, über zehn Milliarden Euro in Finanzzusagen: Die Ukraine Recovery Conference 2026 in Danzig endete am Donnerstag mit einem Ergebnis, das Polens Premierminister Donald Tusk als historisch bezeichnete. Der Gipfel war der bisher größte seiner Art. Gleichzeitig warnte der Norwegische Flüchtlingsrat, dass neun Millionen Vertriebene von den Programmen übersehen werden könnten.
Vier Jahre Krieg: Der Wiederaufbaubedarf
Die Grundlage der Danziger Gespräche lieferten die Kriegsschadenberechnungen der Weltbank. Direkte Kriegsschäden in der Ukraine belaufen sich auf über 195 Milliarden Dollar, der Gesamtbedarf für Wiederaufbau und wirtschaftliche Erholung liegt bei geschätzten 588 Milliarden Dollar über zehn Jahre. Diese Zahlen machen deutlich, dass die Danziger Zusagen einen ersten Schritt darstellen, nicht einen Abschluss.
Im Mittelpunkt standen diesmal drei Sektoren: Energie, kritische Infrastruktur und Logistik. Zum ersten Mal stand auf einer Wiederaufbaukonferenz dieser Art auch die Sicherheitsinfrastruktur der Ukraine explizit auf der Tagesordnung. Polnischer Ko-Gastgeber Donald Tusk und die Ukraine, vertreten durch Premierministerin Julija Swyrydenko, hatten das Programm gemeinsam festgelegt. Wolodymyr Selenskyj nahm an der Konferenz nicht teil, nachdem er seine Teilnahme wegen eines anhaltenden Ordensstreits mit Polen kurzfristig abgesagt hatte.
Was in Danzig vereinbart wurde
Der größte Einzelposten war die erste Auszahlung aus dem im Vorjahr beschlossenen EU-Kredit über 90 Milliarden Euro. Die Europäische Union überwies eine Tranche von 3,2 Milliarden Euro, die nach Angaben der Kommission drei Zwecken dienen soll: der Stärkung der Verteidigungsfähigkeiten, der makroökonomischen Stabilisierung und der Vorbereitung auf die Heizperiode 2026/27.
Darüber hinaus unterzeichnete die Europäische Kommission Vereinbarungen im Wert von mehr als 1,1 Milliarden Euro im Rahmen des Ukraine Investment Framework. Parallel dazu wurde der European Flagship Fund for Ukraine's Reconstruction offiziell ins Leben gerufen, ein neues Vehikel, das private Investitionen in den Wiederaufbau bündeln soll.
Die Weltbank schloss in Danzig einen Vertrag über 3,39 Milliarden Dollar im Rahmen ihrer First Growth and Jobs Development Policy Operation ab. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) unterzeichnete Vereinbarungen über mehr als 500 Millionen Euro für Investitionen in die kritische Infrastruktur und den Energiesektor der Ukraine. In der Gesamtschau kamen mindestens zehn Milliarden Euro in verbindlichen Zusagen zusammen, verteilt auf mehr als 160 bilaterale und multilaterale Verträge.
Deutschland und die Forderung nach Verhandlungen
Bundeskanzler Friedrich Merz reiste nach Danzig und bekräftigte Deutschlands Unterstützung für die Ukraine als unveränderliche Verpflichtung. Gleichzeitig rief er zu sofortigen Verhandlungen auf, um den Krieg zu beenden und betonte, Russland werde den Krieg nicht gewinnen. Die Kombination aus militärischer Rückendeckung und diplomatischer Forderung nach Gesprächsbereitschaft entspricht Merz' bisheriger Linie: Unterstützung ja, aber nicht als Selbstzweck.
Ursula von der Leyen nahm ebenfalls an der Konferenz teil und stellte das EU-Paket vor. Die politische Botschaft war eindeutig: Europa richtet sich auf eine langfristige Bindung an den Wiederaufbau ein. Tusk sprach von 200 Verträgen allein auf polnischer Seite und bewertete die Danziger Konferenz als Signal, dass der Wiederaufbau konkret und nicht nur symbolisch beginne.
Neun Millionen Vertriebene: Wer die Hilfe nicht erreicht
Der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) veröffentlichte zur Konferenz eine Warnung, die in den offiziellen Abschlusserklärungen nicht auftauchte. Über neun Millionen Menschen sind nach Berechnungen des NRC noch immer vertrieben: innerhalb der Ukraine oder ins Ausland geflohen. Viele von denen, die zurückgekehrt sind, fanden Wohnungen und Infrastruktur in einem Zustand vor, der eine dauerhafte Rückkehr schwierig macht.
Das Problem ist strukturell: Die Danziger Vereinbarungen sind mehrheitlich auf staatliche Institutionen und große Infrastrukturprojekte ausgerichtet. Wohnungsbau für Binnenvertriebene, kommunale Dienstleistungen in zurückeroberten Gebieten und die Grundversorgung in Städten nahe der Frontlinie sind in den meisten Programmen unterrepräsentiert. Der NRC forderte die Geberstaaten auf, gezielt Programme für Vertriebene und Rückkehrer zu finanzieren, die in bestehenden Wiederaufbauplänen unterrepräsentiert sind.
Bis Oktober: Das Geld für die Heizperiode
Von den 3,2 Milliarden Euro aus der ersten EU-Tranche ist ein Teil explizit für die Vorbereitung der Heizperiode 2026/27 vorgesehen. Die ukrainische Energieinfrastruktur hat durch russische Angriffe massive Schäden erlitten: Kraftwerke wurden zerstört, Wärmeverbundnetze unterbrochen, Umspannwerke beschädigt. Der vergangene Winter war für weite Teile des Landes, besonders im Osten und Norden, eine extreme Belastung.
Die Heizperiode beginnt in der Ukraine typischerweise im Oktober. Das bedeutet, dass die ersten ausgezahlten Gelder in weniger als vier Monaten in konkrete Reparaturen und Ersatzkäufe münden müssen, wenn sie wirkungsvoll sein sollen. Das ist der Zeitrahmen, an dem sich die Danziger Konferenz messen lassen wird: nicht an Versprechungen, sondern an Wärmekraftwerken, die im Oktober laufen.
Aktualisierungen
Update 25. Juni, 18:00 Uhr: Zum Abschluss der Konferenz bestätigte Premierministerin Swyrydenko, dass insgesamt 170 Verträge unterzeichnet wurden, zehn mehr als die ursprüngliche Zielmarke. Die EU-Kommission konkretisierte die Mittelverwendung des 90-Milliarden-Euro-Darlehens: 60 Milliarden davon sind für Verteidigungsausgaben vorgesehen, 30 Milliarden für Budgethilfe und wirtschaftliche Stabilisierung. Die erste Tranche von 3,2 Milliarden Euro wurde bereits am Konferenztag offiziell ausgezahlt.
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