Abgeschoben, dann begraben: Hotel in La Guaira stürzte ein
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Abgeschoben, dann begraben: Hotel in La Guaira stürzte ein

Über 100 US-Deportierte sind nach dem Erdbeben vom 24. Juni in Venezuela vermisst oder tot. Das Hotel in La Guaira, in dem 146 Abgeschobene auf ihre Weiterreise warteten, kollabierte wenige Stunden nach ihrer Ankunft.

3. Juli 2026, 10:43 Uhr 849 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Um 10:22 Uhr Ortszeit landete am 24. Juni ein Abschiebeflug aus Texas in Caracas. An Bord waren 146 Venezolaner, darunter 19 Frauen und sieben Kinder. Venezolanische Behörden brachten sie in das Hotel Santuario La Llanada in La Guaira, einem Küstenort nördlich der Hauptstadt. Um 18:04 Uhr, weniger als acht Stunden nach der Landung, trafen zwei Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 ein. Das Hotel kollabierte. Familien, die am Nachmittag noch Lebenszeichen ihrer Angehörigen hatten, suchen jetzt Überreste in Leichenschauhäusern.

Stunden vor dem Beben: Der Abschiebeflug aus Texas

Die Abschiebung war Teil eines laufenden Programms zwischen Washington und Caracas, das unter der Biden-Regierung begann und unter Trump fortgeführt wurde. Nach der Ankunft am Simón Bolívar International Airport sollten die 146 Abgeschobenen im Hotel Santuario, einem früheren Schulgebäude, das während der COVID-Pandemie als Quarantänezentrum genutzt worden war, Identifizierungsverfahren durchlaufen, medizinische Untersuchungen absolvieren und Impfdokumentationen einreichen, bevor sie in ihre Heimatregionen weitergeleitet wurden. Die Prozedur war routinemäßig.

La Guaira ist die historische Hafenstadt, über die Caracas seit der Kolonialzeit mit der Außenwelt verbunden ist. Der Küstenstreifen liegt auf einer Scherzone zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte, einer der seismisch aktivsten Regionen Venezuelas. Im Jahr 1999 kostete eine Kombination aus Erdrutschen und Überschwemmungen in derselben Region mehr als 10.000 Menschen das Leben. Warum ausgerechnet ein Gebäude in dieser tektonisch exponierten Zone als Empfangszentrum für US-Deportierte genutzt wurde, haben weder die US-Behörden noch Caracas öffentlich erklärt.

Was von den 146 Passagieren übrig bleibt

Wie viele der 146 Deportierten überlebt haben, ist bis heute nicht verlässlich dokumentiert. La Guaira gehörte zu den am härtesten getroffenen Gebieten des Bebens: Im gesamten Erdbebengebiet sind bis Anfang Juli mindestens 2.595 Menschen ums Leben gekommen, rund 50.000 gelten als vermisst. Die venezolanische Rückführungsbehörde zeigte einer betroffenen Familie, die gegenüber NPR sprach, eine Liste mit 32 Überlebenden des Fluges. Das würde bedeuten, dass mehr als 100 Menschen tot oder vermisst sind. Eine separate Suchinitiative von Bürgern, die Krankenhausdaten, Unterkünfte und Familienmeldungen zusammenführt, zählte Stand dieser Woche mindestens 25 bestätigte Tote unter den Deportierten, 21 Vermisste und neun Überlebende. Diese Zahlen erfassen die Situation aller 146 Passagiere nicht vollständig, weil viele Familien schlicht keine Informationen erhalten haben.

Einzelne Schicksale machen das Ausmaß greifbar. Anderson, 21 Jahre alt, hatte in den Monaten vor seiner Abschiebung Asyl in den USA beantragt; sein Antrag wurde abgewiesen. Jetzt liegt er mit amputierten Beinen auf einer Intensivstation. Richard Pereira starb beim Einsturz des Hotels. Mehrere Familien berichteten NBC News, die venezolanische Rückführungsbehörde habe sie aufgefordert, Überreste in der städtischen Leichenhalle abzuholen.

Das US-Außenministerium wies Kritik zurück. Washington habe nach regulärem Verfahren gehandelt; über mögliche rechtliche Konsequenzen oder Entschädigungen machte die Regierung keine Angaben. PBS News beschrieb die venezolanische Regierungsreaktion auf das Erdbeben als "vollständig wirkungslos".

300.000 Venezolaner: Das politische Paradox

Die 146 Menschen auf dem Abschiebeflug vom 24. Juni stehen für eine weit größere politische Frage. Der Oberste Gerichtshof der USA hat in einem Eilbeschluss den Weg freigemacht, den sogenannten Temporary Protected Status (TPS) für über 300.000 venezolanische Migranten zu beenden. Das Verfahren, bekannt als Noem v. National TPS Alliance, liegt noch im vollen Hauptverfahren vor dem Neunten Bundesberufungsgericht. Mit diesem Eilbeschluss darf die Trump-Regierung die Schutzregelungen während des laufenden Verfahrens schrittweise auslaufen lassen. Arbeitsgenehmigungen, die vor dem 5. Februar 2025 ausgestellt wurden, behalten ihre Gültigkeit bis zum 2. Oktober 2026. Danach drohen Abschiebungen.

Gleichzeitig hat die Trump-Regierung mehr als 300 Millionen Dollar an Erdbebenhilfe für Venezuela bereitgestellt: ein Katastropheneinsatzteam mit 250 Fachleuten, 900 Militärangehörige sowie 50 Millionen Dollar über gemeinnützige Organisationen wie World Vision und Catholic Relief Services und 100 Millionen Dollar für den UN-Koordinierungsfonds. "Nach dem Abbau der Auslandshilfe geht Trump bei Venezuela aufs Ganze", schrieb die Washington Post. Nothilfe und Abschiebepolitik bewegen sich parallel in entgegengesetzte Richtungen.

Die National TPS Alliance und der American Immigration Council fordern eine sofortige Aussetzung aller Abschiebungen nach Venezuela. "Diese Menschen sollen in ein Land abgeschoben werden, das gerade unter Trümmern liegt", sagte eine Sprecherin der National TPS Alliance in einem Interview mit dem Bostoner Radiosender WBUR. Konkrete Zusagen machte die Regierung in Washington nicht.

Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation PAHO startete am 1. Juli einen Notaufruf über 24 Millionen Dollar, um die Gesundheitsversorgung für 700.000 Menschen in den betroffenen Gemeinden für die kommenden sechs Monate zu sichern. Die WHO lieferte bereits über sechs Tonnen Notfallmaterial; weitere 28 Tonnen sind unterwegs. Der UNDP schätzt den Gesamtschaden auf 6,7 Milliarden US-Dollar, rund sechs Prozent des venezolanischen Bruttoinlandsprodukts.

Oktober 2026: Das Datum, das 300.000 fürchten

TPS-Arbeitsgenehmigungen für venezolanische Migranten laufen am 2. Oktober 2026 aus. Das Hauptverfahren in Noem v. National TPS Alliance läuft vor dem Neunten Bundesberufungsgericht weiter; ein Urteil, das den Eilbeschluss des Obersten Gerichtshofs kippt, gilt als unwahrscheinlich. Im Kongress liegt ein Antrag auf temporären Abschiebungsstopp für Venezuela vor, dem es an Mehrheiten fehlt.

Für die 146, die am 24. Juni in Caracas landeten, sind diese Debatten ohne Belang. Die venezolanische Rückführungsbehörde hat trotz Medienanfragen keine vollständige Liste der Überlebenden veröffentlicht. Die Suchplattform "Desaparecidos Terremoto Venezuela" verzeichnet für La Guaira weiterhin Tausende offene Suchmeldungen. Familien suchen.

Quellen (13)

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