Warnstreik im Handel: ver.di fordert 7 Prozent
Wirtschaft

Warnstreik im Handel: ver.di fordert 7 Prozent

Am Freitag traten mehr als 5.000 Einzelhandelsbeschäftigte an über 200 Standorten bundesweit in einen Warnstreik. ver.di fordert 7 Prozent mehr Lohn für 3,4 Millionen Beschäftigte. Die Arbeitgeber bieten sechs Monate Nullrunde und danach 2 Prozent.

15. Mai 2026, 23:01 Uhr 561 Wörter · 3 Min. Lesezeit

Sieben Prozent mehr Lohn oder die nächste Streikstufe: Mit dieser Forderung hat die Gewerkschaft ver.di am Freitag die Tarifrunde im deutschen Einzelhandel auf die Straße getragen. An mehr als 200 Standorten bundesweit legten über 5.000 Beschäftigte die Arbeit nieder, bei Rewe, Kaufland, IKEA, H&M und Douglas. Es ist der erste bundesweite Warnstreik im Handel seit Jahren. Am Ende dieser Tarifbewegung steht eine Entscheidung über die Löhne von 3,4 Millionen Beschäftigten.

Was ver.di verlangt

Der Einzelhandel ist eine Niedriglohnbranche mit hohem Frauenanteil. Kassiererinnen, Verkäufer und Lagerarbeiter verdienen in tarifgebundenen Betrieben je nach Entgeltgruppe zwischen 13 und 17 Euro brutto pro Stunde. ver.di fordert eine Erhöhung von 7 Prozent, mindestens aber 225 Euro monatlich. Die Mindesterhöhung in Euro ist besonders relevant für untere Einkommensgruppen: Bei einem Monatslohn von 2.000 Euro entsprechen 7 Prozent nur 140 Euro, die absolute Untergrenze von 225 Euro wird erst ab einem Grundlohn von rund 3.200 Euro durch die Prozentregel überschritten.

ver.di begründet die Forderung mit Kaufkraftverlusten der vergangenen Jahre. Zwar sind die Reallöhne in Deutschland 2025 insgesamt leicht gestiegen. Im Einzelhandel aber blieben die Tariflöhne nach Einschätzung der Gewerkschaft hinter der kumulierten Inflation von 2022 bis 2024 zurück. Das tatsächliche Kaufkraftdefizit sei nie vollständig ausgeglichen worden. ver.di nennt das Arbeitgeberangebot deshalb ein „vergiftetes Angebot”.

Was die Arbeitgeber anbieten

Der Handelsverband Deutschland (HDE) als Arbeitgeberverband hat bislang angeboten: sechs Monate Nullrunde, danach zum 1. November 2026 eine Lohnerhöhung von 2 Prozent, zum 1. August 2027 weitere 1,5 Prozent, bei einer Laufzeit von 24 Monaten. Über den gesamten Vertragszeitraum würden die Löhne damit um 3,5 Prozent steigen, verteilt auf zwei Jahre. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent jährlich entspräche das einer nominalen Lohnsteigerung ohne realen Kaufkraftgewinn.

Der HDE verweist auf den strukturellen Druck im Einzelhandel. Die realen Einzelhandelsumsätze gingen 2024 erneut zurück. Onlinehandel, gesunkene Konsumausgaben und gestiegene Energiekosten belasten die Margen. Personalkosten machen in vielen Filialbetrieben 60 bis 70 Prozent der Gesamtkosten aus. Jede dauerhafte Lohnerhöhung, die über die Produktivitätsentwicklung hinausgeht, treffe die Branche deshalb unmittelbar.

Was beide Seiten eint

Trotz der großen Differenz zwischen 7 Prozent und dem Arbeitgeberangebot gibt es einen Konsens: Beide Seiten wollen einen Abschluss vor dem Sommer. ver.di hat Mitte Juli 2026 als Zieldatum genannt. Auch der HDE will keine monatelange Eskalation, weil Streikphasen in der Urlaubsvorbereitung für den stationären Handel besonders teuer sind.

Beide wissen außerdem, dass die Tarifbindungsquote im Einzelhandel sinkt. Nur noch ein Teil der Betriebe ist an den Flächentarifvertrag gebunden. Große Ketten wie Rewe und Kaufland sind dabei, kleinere Händler und Teile des Non-Food-Handels sind es oft nicht mehr. Wenn ein Tarifabschluss zu niedrig ausfällt, verlieren die Flächentarifverträge weiter an Attraktivität. Das schwächt ver.dis strukturelle Position in künftigen Runden.

18. Mai und 11. Juni: Die entscheidenden Termine

Am 18. Mai 2026 finden zwei parallele Verhandlungsrunden statt: eine für den hessischen Einzelhandel, eine für den nordrhein-westfälischen Großhandel. Am 11. Juni tagt die dritte Bundesrunde. Wenn bis dahin kein Durchbruch gelingt, hat ver.di angekündigt, den Druck nach jeder erfolglosen Runde zu erhöhen. Weitere Streiks in der Urlaubsvorbereitung, besonders im Lebensmitteleinzelhandel, wären das nächste Mittel.

Für Verbraucher bedeutet die Tarifrunde kurzfristig keine spürbaren Preisänderungen. Große Ketten haben Lohnerhöhungen zuletzt über Effizienzsteigerungen aufgefangen, statt sie direkt weiterzugeben. Bei 7 Prozent Lohnerhöhung würde das deutlich schwerer. Ob die Preise steigen, hängt davon ab, welche Seite sich bei welchen Zahlen durchsetzt. Das Zieldatum für einen Abschluss ist Mitte Juli 2026, kurz vor den Sommerferien der meisten Bundesländer.

Quellen (5)

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