Waldbrand im Gironde treibt 63.000 in die Flucht
Was am Mittwoch nahe der Ortschaft Saumos als Routinearbeit begann, hat binnen Tagen 10.000 Hektar Wald vernichtet und 63.000 Menschen zur Flucht von der Atlantikküste gezwungen. Präsident Emmanuel Macron rief die EU-Katastrophenhilfe auf, Löschflugzeuge aus Kroatien, Portugal, Tschechien und der Slowakei kämpfen nun in der Gironde gegen das Feuer. Frankreich hat in diesem Jahr bereits mehr Fläche verloren als im gesamten Vorjahr 2025. Es ist erst Juli.
Von Saumos zum Becken von Arcachon
Der Brand begann nahe der Ortschaft Saumos, ausgelöst durch ein Gerät zum Roden landwirtschaftlicher Flächen. Die Feuerwehr geht von einem unbeabsichtigten Vorfall aus. Was folgte, war die klassische Eskalationskette des Sommers 2026: ausgetrockneter Kiefernwald, Hitzeböen, keine Nachtabkühlung. Die Forste rund um Arcachon sind zu einem erheblichen Teil Nutzpflanzungen aus dem 19. Jahrhundert, die zur Befestigung der Dünen an der Atlantikküste angelegt wurden. Sie stehen dicht, wachsen schnell und brennen leicht.
Rund 700 Feuerwehrkräfte kämpfen an der Brandfront, unterstützt von vier Löschflugzeugen und 150 Fahrzeugen. Macron aktivierte den Europäischen Zivilschutzmechanismus, der nach den Verheerungen von 2022 mit mehr Löschkapazitäten ausgebaut worden war. Kroatien schickte zwei Canadair-Maschinen, Portugal zwei Air-Tractor-Flugzeuge, Tschechien und die Slowakei je einen schweren Black-Hawk-Hubschrauber. Die Koordination läuft über das Krisenreaktionszentrum der EU-Kommission in Brüssel. Insgesamt stellt die EU in diesem Jahr 22 Löschflugzeuge, fünf Hubschrauber und 777 vorpositionierte Feuerwehrkräfte bereit, das größte Aufgebot in der Geschichte des Mechanismus.
Spanien: Notstand nahe Madrid
Die spanische Regierung rief am Freitag den Notstand für die Regionen Madrid und Ávila aus. Ein Waldbrand nahe Aldea del Fresno, einer Gemeinde 60 Kilometer westlich der Hauptstadt, zwang 3.500 Bewohner zur Evakuierung. Das Instrument des Notstands nationaler Tragweite gibt der Zentralregierung weitreichende Koordinationsbefugnisse und erlaubt den beschleunigten Einsatz von Bundesmitteln. Es ist die erste Notstandserklärung dieser Art in der Geschichte Spaniens.
Für das gesamte Jahr 2026 verzeichnet Spanien nach Daten des Europäischen Waldbrandinformationssystems EFFIS bereits mehr als 115.000 Hektar verbrannte Fläche. Das ist mehr als doppelt so viel wie im selben Zeitraum 2025. Allein ein einziger Brand der vergangenen Woche hatte rund 32.000 Hektar verwüstet. Spanien stellte bereits vor Wochen einen offiziellen EU-Hilfsantrag, der nun mit den aktuellen Bränden erneut an Dringlichkeit gewonnen hat.
Ein Rekord der falschen Art
Frankreich hat nach EFFIS-Daten in diesem Jahr bislang mehr als 42.000 Hektar verloren. Diese Zahl übertrifft die Gesamtbrandfläche des Jahres 2025 und liegt deutlich über der Fläche, die Frankreich zum gleichen Zeitpunkt 2022 verzeichnete. Das bisherige schlimmste Jahr für Frankreich insgesamt war 2022, als 66.300 Hektar verbrannten: Allein zwei Großbrände in der Gironde vernichteten rund 32.000 Hektar und trieben 50.000 Menschen in die Evakuierung. Die aktuellen Brände des Jahres 2026 haben diesen Maßstab bereits in der Mitte des Sommers überschritten.
Die Europäische Umweltagentur EEA hat in ihrem aktuellen Bericht festgehalten, dass der Klimawandel nicht nur Hitzewellen häufiger macht, sondern das Waldbrandfenster strukturell verlängert. Der Boden trocknet früher aus, Vegetation verliert früher die Restfeuchtigkeit, Herbstregen setzt später ein. Was jahrzehntelang eine Hochsaison von August bis September war, beginnt in Südwesteuropa regelmäßig bereits im Mai oder Juni. Für Feuerwehren und Zivilschutzbehörden bedeutet das: gleiche Ressourcen für ein um Wochen längeres Risikofenster.
Keine Entspannung vor August
Météo-France hat für Freitag, den 24. Juli, für 27 Départements im Süden und Westen Frankreichs die zweithöchste Warnstufe Orange ausgegeben. Die Temperaturen könnten 40 Grad Celsius überschreiten. Für die 700 Feuerwehrkräfte an der Brandfront im Gironde bedeutet das: kein Regen, keine Abkühlung, keine Erholung. Der nationale Wetterdienst erwartet kein schnelles Ende der Gefahrenlage. Die eigentliche Hochsaison beginnt erst in drei Wochen.
Der ADAC rät Reisenden, die Atlantikküste bei Bordeaux ansteuern, täglich die Reisewarnungen zu prüfen und keine offenen Feuer in der Natur zu entzünden. Zehn Gemeinden rund um das Becken von Arcachon sind weiterhin gesperrt. Wann sie freigegeben werden, hängt davon ab, ob die Feuerwehr die Brandfront in den nächsten 48 Stunden unter Kontrolle bringen kann. Mit den EU-Kräften aus vier Ländern ist zumindest die Lücke in der Luftkapazität geschlossen. Was das Feuer macht, entscheidet das Wetter.
Aktualisierungen
Update 25. Juli, 09:11 Uhr: Während die Löscharbeiten im Gironde weiterlaufen, weiteten sich die Brände auf eine zweite Frontlinie nördlich von Paris aus. Im Wald von Fontainebleau, rund 60 Kilometer südöstlich der Hauptstadt, brach ein Großbrand aus, der rund 2.000 Hektar zerstörte und mehr als 1.000 Anwohner und Touristen zur Evakuierung zwang. Zum ersten Mal in der Geschichte der französischen Luftrettung nahmen Löschflugzeuge östlich von Paris Wasser aus der Seine, weil der Fontainebleau-Wald kein nahegelegenes Stehgewässer für die Befüllung bietet. Innenminister Laurent Nuñez nannte die Konzentration mehrerer Zündpunkte in einem Umkreis von einem Kilometer auffällig und schloss Brandstiftung nicht aus. EFFIS-Daten zufolge hat Frankreich 2026 inzwischen mehr als 50.000 Hektar verloren, womit das laufende Jahr das zweitschwerste in der Brandstatistik der vergangenen zwei Jahrzehnte ist.
Update 25. Juli, 11:07 Uhr: Der Waldbrand nahe Cap Ferret im Gironde hat sich auf 19.000 Hektar ausgedehnt, fast das Doppelte der gestrigen Fläche. Ein Windwechsel trieb die Flammen am Samstag in Richtung der Bordeaux-Metropolregion. Die Préfecture ordnete vorsorgliche Evakuierungen für Gemeinden am Stadtrand von Bordeaux an. In der gesamten Region Nouvelle-Aquitaine wurden inzwischen 141.000 Menschen evakuiert: 110.000 im Département Gironde, 31.000 im benachbarten Landes, darunter 44.000 Bewohner und Touristen von der Halbinsel Cap Ferret, die per Schiff und Bus abtransportiert wurden. Innenminister Laurent Nuñez erklärte, Frankreich habe Brände dieser Größenordnung noch nie erlebt. Die Zahl der eingesetzten Soldaten wurde von 500 auf 1.000 verdoppelt.
Update 26. Juli, 01:04 Uhr: Im Département Gironde ist die Zahl der Evakuierten am Abend auf 167.000 Menschen gestiegen. Zusammen mit 31.000 Evakuierten aus dem Département Landes und rund 60.000 Menschen, die in Spanien ihre Häuser verlassen mussten, sind in beiden Ländern insgesamt 257.000 Menschen auf der Flucht vor den Flammen. Die Brandgefahr hat sich in Spanien auf die Region Valencia ausgedehnt: Nahe der Stadtgemeinde Manises am westlichen Stadtrand der Großstadt kam mindestens eine Person ums Leben. Innenminister Laurent Nuñez sagte am Abend, der Kampf gegen die Brände im Südwesten Frankreichs werde „lang und sehr schwierig“.
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