Vor 1,79 Millionen Jahren: Homo erectus brachte Feuer in Höhle
Wenn verbrannte Knochen mit blauem Licht bestrahlt werden, leuchten sie rot. Diese physikalische Eigenschaft haben Forscher genutzt, um Feuerbelege aus einer Tiefe zu sichern, die kein natürlicher Brand je erreicht hätte: 30 Meter tief in der Wonderwerk Cave in Südafrika. Das Ergebnis ist der älteste gesicherte Nachweis menschlicher Feuernutzung: 1,79 Millionen Jahre. Fast eine Million Jahre früher als bisher bekannt.
Was die Forscher 30 Meter tief im Kalkstein fanden
Wonderwerk Cave liegt im Northern Cape, dem Kalahari-Halbwüstengebiet Südafrikas. Der Name ist Afrikaans und bedeutet Wunderhöhle. Die Höhle ist seit Jahrzehnten ein zentraler Fundort der Paläoanthropologie: 2012 hatte ein Team um Archäologe Michael Chazan von der Universität Toronto und Paläontologin Liora Kolska Horwitz von der Hebräischen Universität Jerusalem bereits Feuerbelege aus der Schicht Stratum 10 publiziert, datiert auf rund eine Million Jahre. Das war damals eine Sensation.

Die neue Studie, erschienen im Juni 2026 in der Fachzeitschrift PLOS One, untersucht die tiefer liegende Schicht Stratum 11. Dort fand das Team Knochen von Kleintieren, die ursprünglich als Gewölle von Schleiereulen in die Höhle gelangt waren. Mehrere dieser Knochen tragen Spuren starker Erhitzung. Das für sich genommen wäre kein Beweis: Knochen können sich durch andere Prozesse verfärben. Entscheidend ist der Ort: Die Fundstelle liegt 30 Meter tief im Inneren der Höhle, weit außerhalb der Reichweite natürlicher Wald- oder Buschbrände. Guanorückstände, die auf spontane Entzündung hindeuten könnten, fehlen in der Schicht vollständig.
Außerdem verteilten sich die angebrannten Knochen nicht gleichmäßig, sondern in Clustern auf bestimmte Stellen der Ausgrabungsfläche, was auf wiederholte, lokale Brandstellen hindeutet. Rudimentäre Faustkeile der Acheuléen-Kultur fanden sich in denselben Schichten, die mit Homo erectus assoziiert sind.
Die Technik, die den Unterschied macht
Der methodische Kern des Durchbruchs ist eine neu entwickelte Lumineszenzmethode. Wenn Knochen starker Hitze ausgesetzt waren, verändert sich ihre Kristallstruktur dauerhaft. Werden sie anschließend mit blauem Licht bestrahlt, emittieren sie rotes Licht. Nicht erhitzte Knochen tun das nicht. Das Team belichtete insgesamt 39 weißlich-graue Knochen aus Stratum 10. Alle 32 Knochen aus Stratum 11 und 21 der 39 aus Stratum 10 zeigten diese charakteristische Reaktion.
Ergänzend setzten die Forscher FTIR-Spektroskopie ein, Fourier-Transformations-Infrarotspektroskopie, um chemische Veränderungen nachzuweisen, die nur durch intensive Hitzeeinwirkung entstehen. Alle 32 Knochen aus Stratum 11 testeten positiv. Beide Methoden sind nicht-destruktiv: Die seltenen Fossilien bleiben für künftige Analysen vollständig erhalten. Das ist bei paläoanthropologischen Funden besonders wichtig, da jede Entnahme von Material das Exemplar unwiderruflich verändert.
Das Forschungsteam ist international: Institutionen aus Spanien, Argentinien, Kanada, den USA, Südafrika, Portugal und Israel waren beteiligt. Das spanische Instituto de Óptica Daza de Valdés in Madrid steuerte die Lumineszenzanalytik bei. Die Kooperation über zwei Jahrzehnte hinweg macht die Studie zu einem ungewöhnlich langfristigen Forschungsprojekt.

Im Vergleich: Die Zeitlinie der Feuernutzung
Vor der neuen Studie galt Stratum 10 derselben Höhle mit rund einer Million Jahren als ältester gesicherter Nachweis für Feuernutzung. Der Fund aus Stratum 11 schiebt diese Grenze um fast 800.000 Jahre zurück.
Ein wichtiger Vergleichspunkt liegt außerhalb Afrikas: In Gesher Benot Ya'aqov, einer acheuléischen Fundstätte am Jordanfluss in Israel, entdeckten Forscher verbrannte Samen und Holz aus rund 780.000 Jahren. Die 2004 in Science veröffentlichte Studie gilt als ältester Nachweis kontrollierten Feuereinsatzes außerhalb Afrikas. Der neue Wonderwerk-Cave-Fund aus 2026 ist mehr als doppelt so alt.
Eine Zahl verdeutlicht das Ausmaß: Homo sapiens, also unsere eigene Spezies, ist nach heutigem Forschungsstand rund 300.000 Jahre alt. Die Homo-erectus-Feuernutzung in der Wonderwerk Cave begann demnach 1,49 Millionen Jahre vor dem Erscheinen des ersten Homo sapiens. Feuer war für menschliche Vorfahren also keine neue Entdeckung, als unsere Spezies die Bühne betrat: Es war eine fast eineinhalb Millionen Jahre alte Praxis.
Transport, kein Feuermachen: Was der Fund über Homo erectus sagt
Mitforscherin Yolanda Fernández-Jalvo bremst zu weitgehende Schlüsse: Das Feuer sei nur opportunistisch dorthin gebracht worden, noch nicht domestiziert. Das bedeutet: Homo erectus konnte Feuer wahrscheinlich noch nicht selbst erzeugen. Er nahm es aus natürlich entstehenden Waldbränden, trug es in die Höhle und unterhielt es so lange, bis es erlosch.
Das ist trotzdem eine kognitive Leistung, die zuvor nicht so früh belegt war: das Erkennen des Nutzens einer natürlichen Erscheinung, der Transport über eine Distanz, das aktive Unterhalten über einen unbekannten Zeitraum. Wozu das Feuer diente, bleibt offen. Wärme und Schutz vor Raubtieren sind die naheliegendsten Erklärungen. Kochen schließen die Forscher für diese frühe Phase aus.
Michael Chazan, der mehr als zwei Jahrzehnte an der Wonderwerk Cave gearbeitet hat, sieht in der neuen Methode vor allem ein Werkzeug für die Zukunft des Fachs: Die Lumineszenztechnik lässt sich zerstörungsfrei auf hunderte Fossilien anderer paläoanthropologischer Fundstätten anwenden. Schichten die bisher als feuerlos galten, könnten bei Neuuntersuchung überraschen. Der Rekord von 1,79 Millionen Jahren ist womöglich nicht das letzte Wort.
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