Kabinett in Kyjiw erstmals getroffen: 675 Drohnen
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Kabinett in Kyjiw erstmals getroffen: 675 Drohnen

In der Nacht zum 21. Mai feuerte Russland 675 Drohnen und 56 Marschflugkörper auf die Ukraine. Das Kabinett der Minister in Kyjiw wurde erstmals seit Kriegsbeginn getroffen. Einen Tag zuvor hatte die Ukraine ein russisches Drohnenausbildungslager zerstört und dabei nach eigenen Angaben 65 Pilotanwärter getötet.

22. Mai 2026, 2:42 Uhr 674 Wörter · 4 Min. Lesezeit

96,6 Prozent der angreifenden Drohnen fing die ukrainische Luftabwehr in der Nacht zum 21. Mai ab. Und trotzdem brannte das Kabinettsbüro der ukrainischen Regierung in Kyjiw. Dieses Verhältnis beschreibt Russlands Strategie präziser als jede Schlachtfeldkarte: Wer genug Drohnen schickt, überfordert irgendwann die Abwehr. Besonders auffällig an diesem Angriff mit 675 Drohnen und 56 Raketen, einem der größten seit Kriegsbeginn, war der Zeitpunkt: Er kam exakt 24 Stunden nachdem die Ukraine Russlands Drohnenausbildungslager in Snizhne zerstört hatte. Vier Menschen starben, 44 wurden verletzt.

20. Mai: Ukraine trifft Russlands Drohnenschmiede

In der Nacht zum 20. Mai griffen elf ukrainische Angriffsdrohnen mit 100-Kilogramm-Sprengköpfen ein russisches Drohnenausbildungszentrum in Snizhne an, einer Stadt im besetzten östlichen Donbas. Das Kommando der ukrainischen Drohnentruppen bezeichnete die Operation als "Schnee für Akhmat". Nach Angaben des ukrainischen Militärs wurden dabei 65 russische Soldaten getötet, darunter der Kommandant des Zentrums mit dem Decknamen "Buryi". CNN wies darauf hin, dass diese Zahlen nicht unabhängig verifiziert werden können, Russland hat den Angriff bislang nicht kommentiert.

Das Trainingslager bestand laut ukrainischen Angaben aus einem zweigeschossigen Hauptkomplex auf 2.484 Quadratmetern, der sowohl als Ausbildungsstätte für Drohnenpiloten als auch als Montageanlage für unbemannte Flugobjekte genutzt wurde. Das Ziel ist strategisch gewählt: Russlands massive Drohnenoffensive braucht ausgebildetes Personal. Wer die Ausbildungspipeline trifft, trifft Russlands Kapazität für künftige Angriffe. Die ukrainischen Drohnentruppen existieren als eigenständiger Truppenteil erst seit 2024 und haben sich seitdem auf die Bekämpfung russischer Infrastruktur und Ausrüstung hinter der Front spezialisiert.

21. Mai: Russlands Gegenschlag trifft Ministeriumsgebäude

In der Nacht darauf antwortete Russland mit einem Großangriff. Getroffen wurden Kyjiw sowie die Oblaste Odessa, Dnipropetrowsk und Tschernihiw. In Kyjiw gerieten fünf Wohngebäude unter Beschuss. Das Bürogebäude des Kabinetts der ukrainischen Minister wurde beschädigt: Zum ersten Mal seit dem russischen Einmarsch 2022 traf ein direkter Treffer dieses Regierungsgebäude im Zentrum Kyjiws. Auch Kryvyi Rih, die Heimatstadt von Präsident Wolodymyr Selenskyj und die Industriestadt Dnipro wurden angegriffen. Berichte meldeten Treffer auf Züge in Kamjanske und industrielle Anlagen in der Oblast Dnipropetrowsk.

Vier Menschen starben, 44 wurden verletzt. Mindestens ein Kind war unter den Todesopfern in Kyjiw. Für einen Angriff dieser Größenordnung sind die Opferzahlen vergleichsweise niedrig, was auf die Leistung der ukrainischen Luftabwehr zurückzuführen ist. Patriot-Systeme schützen gegen ballistische Raketen und Marschflugkörper in höheren Flugbahnen, IRIS-T und NASAMS schließen die Lücken bei mittleren und niedrigen Flugbahnen. Die Ukraine verfügt nach eigenen Angaben über acht Patriot-Systeme von fünf Geberländern.

Kyjiws Abwehr stoppt 652 von 675 Drohnen

Zum Vergleich: Am 13. und 14. Mai hatte Russland 1.567 Drohnen und 56 Raketen in 30 Stunden eingesetzt, den bisher größten Angriff des Krieges. Beim Angriff vom 21. Mai war die Treffzahl gemessen am Volumen ähnlich gering: Russland setzt auf Masse, weil eine gesättigte Abwehr unvermeidlich einzelne Objekte durchlässt.

Dieses Muster ist kein Zufall. Russland kombiniert billige Shahed-Drohnen iranischer Bauart mit teureren Marschflugkörpern, um Abwehrraketen zu verbrauchen. Jede Patriot-Abfangrakete kostet mehrere Millionen Euro, eine Shahed-Drohne kostet Russland nach westlichen Schätzungen etwa 20.000 bis 50.000 Dollar. Bei diesem Preisverhältnis rechnet sich die Strategie für Russland, auch wenn die Abwehr hocheffizient ist. Die Ukraine hat Deutschland um die Entwicklung einer Patriot-Alternative gebeten, weil US-Lieferungen von Abfangraketen eingeschränkt wurden.

Mehr als die Hälfte der Energiekapazität verloren

Hinter den Schlagzeilen der Einzelangriffe steht eine Infrastrukturkrise. Die Ukraine hat nach Angaben von Euractiv mehr als die Hälfte ihrer Energieerzeugungskapazität verloren. Bei extremer Kälte sind bis zu 80 Prozent der Bevölkerung von Notabschaltungen betroffen. Das Stromnetz gilt trotz EU-Unterstützung als gefährdet. Jeder weitere Großangriff erhöht den Druck auf ein System, das sich in den Angriffsintervallen kaum erholt.

Russland setzt diese Strategie seit dem Herbst 2022 ein: Statt Geländegewinne allein zu verfolgen, soll die ukrainische Bevölkerung durch die Zerstörung der Infrastruktur mürbe gemacht werden. Die internationale Gemeinschaft koordiniert Generatoren, Netzelemente und technische Hilfe, doch der Wiederaufbau läuft gegen einen Angreifer, der gezielt und dauerhaft nachschlägt. Die nächste kritische Phase beginnt im Herbst, wenn sinkende Temperaturen die Nachfrage nach Heizenergie erhöhen und gleichzeitig russische Angriffe erfahrungsgemäß intensiviert werden.

Quellen (8)

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