AfD Erfurt: Chrupalla verliert, Höcke gewinnt ohne Amt
Um kurz nach vier Uhr morgens rollten Busse mit AfD-Delegierten unter Polizeieskorte zur Erfurter Messe, während draußen Tausende auf Straßen, Feldern und Autobahnabfahrten warteten. Der 17. Bundesparteitag begann pünktlich. Die Abstimmungsergebnisse zeigten dann, wer die Partei wirklich führt: nicht Tino Chrupalla, dem dreizehn Prozentpunkte wegbrachen und nicht Björn Höcke, der gar nicht antrat.
Chrupalla bei 70 Prozent, Möller im Bundesvorstand
Chrupalla wurde mit 70,05 Prozent als Bundessprecher wiedergewählt. Beim Parteitag in Essen 2024 hatte er noch knapp 83 Prozent erhalten. Alice Weidel erzielte 81,31 Prozent, nach rund 80 Prozent 2024. Die Lücke zwischen den beiden Bundessprechern beträgt jetzt elf Prozentpunkte, noch 2024 lagen sie fast gleichauf.
Drei Stellvertreterposten wurden neu vergeben. Stefan Möller, Co-Parteichef des thüringischen Landesverbands und enger Vertrauter Björn Höckes, erhielt 76,54 Prozent. Sven Tritschler kam auf 50,7 Prozent, Katrin Ebner-Steiner auf 55,7 Prozent. Möller und Höcke werden vom Thüringer Verfassungsschutz beide als Rechtsextremisten eingestuft.
Höcke: stärker ohne offizielles Amt
Höcke erläuterte seine Strategie vor dem Parteitag selbst. „Wenn Stefan Möller im Bundesvorstand ist, dann habe ich jemanden, mit dem ich im engsten Austausch bin“, sagte er. „Ich bin angeschlossen, ohne selbst die Arbeit machen zu müssen.“ Der Satz beschreibt, wie der Thüringer Landesparteichef die Bundespartei beeinflusst, ohne eines ihrer Ämter zu bekleiden.
Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder nannte Höcke deshalb den „ungekrönten König der AfD“. Weidel und Chrupalla hätten „kein eigenes Profil, keine unabhängige Art“ und seien nicht imstande, die Partei regierungsfähig zu machen, sagte Schröder gegenüber ZDF Heute.
Das zeigte sich an der Debatte um die Unvereinbarkeitsliste. Die Liste regelt, wessen frühere Organisationsmitgliedschaft eine AfD-Mitgliedschaft ausschließt. Höcke beantragte eine Neudefinition: Künftig sollten nur noch Organisationen draufstehen, die sich ausdrücklich zu Gewalt bekennen. Das würde die bisherige Orientierung am Verfassungsschutz ersetzen, der unter anderem rechtsextremistische Organisationen erfasst. Schröder warnte, das neue Kriterium treffe „auf so gut wie keine Organisation zu“ und ignoriere Rassismus und Antisemitismus als Ausschlusskriterien. Laut Antrag sollten zudem nur die Grünen namentlich auf die Liste.
Weidel ließ die öffentliche Abstimmung nicht zu. In Vorgesprächen wurde der Antrag zurückgezogen. Die Antragsteller erhielten dafür die Zusage, die Liste innerhalb eines Jahres zu überarbeiten. Weidels Kalkül ist klar: Im September stehen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an. Ein öffentlicher Streit über die Aufnahme früherer Mitglieder extremistischer Organisationen wäre in diesem Wahlkampf schädlich.
Größter Polizeieinsatz in Thüringen seit der Wiedervereinigung
Außerhalb der Messe fand am Samstag der größte Polizeieinsatz in Thüringen seit der Wiedervereinigung statt. Die Polizei zählte rund 31.000 Demonstrantinnen und Demonstranten in Erfurt und der Umgebung, die Bündnisse „Zusammenstehen“ und „Widersetzen“ sprachen von rund 50.000. Rund 17.000 Menschen beteiligten sich nach Angaben der Bündnisse an Blockadeaktionen, was die Organisatoren als die größten Proteste gegen einen AfD-Parteitag bewerteten. Im Bündnis engagieren sich unter anderem DGB, IG BCE, GEW, die Grünen und die Linke.
Die A71 wurde an fünf Stellen besetzt, insgesamt gab es zwölf größere Blockaden in der Stadt und auf Zufahrtswegen. Tausende marschierten durch Felder und Feldwege, um Zugänge zur Messe abzuschneiden. Die Polizei setzte Wasserwerfer, Hubschrauber und Reiterstaffeln ein. Dennoch begann der Parteitag pünktlich. Die AfD-Führung hatte die Delegierten an Sammelpunkten außerhalb Erfurts zusammengezogen und sie vor vier Uhr morgens mit Bussen und Polizeieskorte zur Messe gebracht. Drei Mitarbeiter des Mediums Apollo News wurden nach eigenen Angaben bei den Protesten angegriffen. Festnahmen gab es keine, die Polizei sprach von einem überwiegend friedlichen Verlauf.
September als erste Bewährungsprobe des Regierungsanspruchs
Chrupalla setzte trotz seines geschwächten Ergebnisses auf Offensive. „Wir wollen regieren“, sagte er: zunächst auf Landesebene in den ostdeutschen Ländern, dann bundesweit. Weidel nannte 2026 das „Superwahljahr“ für die AfD.
Mit den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern steht im September der erste Test dieser Aussage an. Das Versprechen zur Überarbeitung der Unvereinbarkeitsliste verschiebt die Entscheidung genau in diese Zeit: nach den Wahlen, wenn der Druck aus dem Wahlkampf weg ist. Höcke hat das Versprechen. Und mit Möller sitzt sein engster Vertrauter im Bundesvorstand, der darauf achtet, dass es eingelöst wird. Der „ungekrönte König“ hat seine Position in Erfurt ausgebaut, ohne einen einzigen Stimmzettel abzugeben.
Aktualisierungen
Update 6. Juli, 11:00 Uhr: Der Parteitag endete am Sonntag. Alice Weidel distanzierte sich öffentlich vom Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, das eine Familie aus Mutter, Vater und Kindern als beste Voraussetzung für Kindesentwicklung beschreibt. „Die können reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes“, sagte sie: Weidel lebt mit einer Frau zusammen und zieht mit ihr zwei Kinder groß. „Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind gleichwertig zu behandeln“, fügte sie hinzu. In seiner Abschlussrede nannte Chrupalla 2029 als nächstes Ziel: Die AfD solle „auch auf Bundesebene“ regieren. Weidel bekräftigte: „Wir werden regieren.“
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