AfD auf Rekordhoch trotz extremistischer Einstufung
Politik

AfD auf Rekordhoch trotz extremistischer Einstufung

Eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei liegt bei 28 Prozent, Rekord über alle Institute hinweg. Forscher erklären, warum die Radikalisierung der AfD die Wählerbasis verbreitert, statt sie zu schrumpfen.

18. Mai 2026, 7:00 Uhr 787 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Als Jordan Bardella, Vorsitzender des Rassemblement National, die AfD Mitte Mai 2026 in einem FAZ-Interview als mit seinen Grundsätzen unvereinbar bezeichnete, beschrieb er eine Partei, die gleichzeitig in deutschen Wahlumfragen auf ihrem historischen Höchststand liegt. INSA misst 28 Prozent, Forsa und Infratest dimap je 27, erstmals führend in allen großen Sonntagsfragen. Das fast ein Jahr, nachdem der Bundesverfassungsschutz die AfD als gesichert rechtsextremistisch eingestuft hat. Das Paradox ist real: Je extremer die Partei wird, desto breiter wird die Wählerbasis.

Von zehn auf achtundzwanzig Prozent in vier Jahren

Bei der Bundestagswahl 2021 erhielt die AfD 10,4 Prozent der Zweitstimmen. Laut einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung vom August 2025 stieg dieser Anteil bei der Bundestagswahl 2025 auf 20,8 Prozent, eine Verdopplung innerhalb einer Wahlperiode. In den aktuellen Umfragen des Frühjahrs 2026 setzte sich der Anstieg fort, auf 27 bis 28 Prozent bundesweit. Infratest dimap bezeichnete das ARD-Deutschlandtrend-Ergebnis für die AfD als das beste, das Institut je gemessen hat.

In dieselbe Zeitspanne fällt die schärfste staatliche Einschätzung, die eine zugelassene Partei in der Bundesrepublik erhalten kann. Am 2. Mai 2025 stufte das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD als gesichert rechtsextremistisch ein. Die Behörde begründete das mit einem ethnisch-abstammungsmäßigen Volksverständnis, das mit der Menschenwürdegarantie und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar sei: Deutsche mit Migrationshintergrund aus bestimmten Herkunftsländern gelten in dieser Lesart nicht als gleichberechtigte Angehörige des deutschen Volkes. Im Februar 2026 stufte das Niedersächsische Landesamt für Verfassungsschutz den dortigen AfD-Landesverband ebenfalls als gesichert rechtsextremistisch ein. Es war die erste westdeutsche Landesverbandseinstufung dieser Art. Die AfD klagte; das Verwaltungsgericht Hannover setzte die Hochstufung im März 2026 vorläufig aus und behandelt den Landesverband bis zum rechtskräftigen Urteil wieder als Verdachtsfall. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Die Bundeseinstufung ist rechtlich bestandskräftig. Sie ermöglicht dem Verfassungsschutz den Einsatz von V-Personen und Telekommunikationsüberwachung und in einigen Bundesländern die intensivierte Überprüfung von AfD-Mitgliedern im öffentlichen Dienst. Ein Parteiverbot folgt daraus nicht automatisch. Das würde ein separates Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht erfordern, für das derzeit kein Antrag vorliegt.

Krisenwähler, keine Ideologiewähler

Dr. Andreas Hövermann vom WSI hat in seiner Studie untersucht, woher die neuen AfD-Wähler kommen. Sein zentrales Ergebnis: Nicht ideologische Überzeugung, sondern Krisenverunsicherung treibt die Wählermigration. Von jenen, die 2021 neu zur AfD stießen, kamen 22 Prozent von der FDP, 21 Prozent von der CDU, 18 Prozent von der SPD und 15 Prozent aus der Gruppe der Nichtwähler.

Was diese Gruppen einte, waren materielle Belastungserfahrungen: die Coronapandemie und die Unzufriedenheit mit staatlichen Maßnahmen, die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sowie die Inflationswelle der Jahre 2022 und 2023. Hinzu kommen Transformationsängste, also die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz durch Digitalisierung und Dekarbonisierung. Hövermann beschreibt die AfD als Partei, die Sorgen artikuliert, die andere Parteien zu ignorieren scheinen.

Wolfgang Schröder und Bernhard Weßels von der Otto-Brenner-Stiftung haben untersucht, wie die AfD während der Coronapandemie strukturell verändert wurde: Rechtsextreme, bewegungsnahe Netzwerke übernahmen strategische Führungsrollen, während gemäßigte Kräfte verdrängt wurden. Schröder und Weßels nennen das Ergebnis ein Etablierungsparadox. Die schärferen Einstufungen durch den Verfassungsschutz liefern der AfD ein Opfernarrativ, das ihre Kernklientel bindet und ihre Außendarstellung als Systemgegner bestätigt. Konkret formulierte AfD-Bundesvorsitzender Tino Chrupalla im November 2025 beim Gründungskongress der Jungen Alternative, eine millionenfache Abschiebung sei unumstritten. Solche Aussagen kosten die Partei in Umfragen erkennbar keine Punkte.

Unter 25 Jahren: Dreimal mehr als noch 2021

Der auffälligste Einzelbefund ist das Ergebnis unter jungen Wählern. Bei der Bundestagswahl 2021 wählten 7 Prozent der unter 25-Jährigen die AfD. Bei der Wahl 2025 waren es 21 Prozent, ein Anstieg auf das Dreifache in vier Jahren und damit ein Gleichstand mit dem Gesamtergebnis der Partei.

Der Soziologe Daniel Mullis, der diese Altersgruppe untersucht hat, betont den Unterschied zu älteren Protestwahlmustern: Junge Wähler nehmen die AfD nicht als kurzfristiges Vehikel der Unzufriedenheit wahr, das sie bei nächster Gelegenheit wieder fallen lassen, sondern als sachpolitische Option. Sie wählen sie nicht trotz ihrer Positionen, sondern wegen ihr. Dieses Muster ist schwerer umzukehren. Wenn eine Partei in einer Generation als normal gilt und nicht als Tabu, verändert das die gesellschaftliche Grundlage, auf der die Debatte über das demokratisch Sagbare geführt wird.

Bardella grenzt ab, aus taktischen Gründen

Die Distanzierung Bardellas von der AfD folgt keinen demokratischen Grundsätzen, sondern strategischem Kalkül. Das RN hatte die Kooperation mit der AfD bereits 2024 nach der Krah-Affäre beendet, als der damalige AfD-Europakandidat Maximilian Krah die Verbrechen der SS öffentlich relativiert hatte. Was Bardella im Mai 2026 in einem FAZ-Interview formulierte, war klar: Viele Positionen der AfD seien mit seinen Grundsätzen unvereinbar. Zugleich lobte Bardella Friedrich Merz ausdrücklich für seine Migrationspolitik, was den taktischen Charakter der Abgrenzung unterstreicht. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Regierungsfähigkeit.

Für die AfD ändert diese Distanz nichts. Ihr gesamtes politisches Modell beruht darauf, von allen anderen abgelehnt zu werden. Jede Distanzierung, ob vom RN, von der CDU oder vom Verfassungsschutz, verstärkt die Erzählung, dass das Establishment die AfD bekämpft, weil sie die einzige Partei sei, die wirklich Wandel anstrebe.

Was ein September-Rekord in Sachsen-Anhalt bedeuten würde

Am 6. September 2026 wählt Sachsen-Anhalt. Die AfD liegt dort stabil bei 39 bis 41 Prozent. Wenn genügend kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnte die AfD rechnerisch eine Alleinregierung stellen. Das wäre ein Einschnitt ohne historisches Vorbild: Erstmals würde eine Partei, die der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft, eine Staatsregierung stellen, mit Zugang zu Polizei, Staatsanwaltschaft und Bildungssystem eines Flächenlandes.

Das strukturelle Problem bleibt ungelöst, unabhängig vom Wahlergebnis. Der Verfassungsschutz überwacht die Partei, aber Überwachung verändert keine Wählerpräferenzen. Die WSI-Daten zeigen: Wähler kommen zur AfD, weil sie Krisen als persönliche Bedrohung erleben und keine der etablierten Parteien als angemessene Antwort wahrnehmen. Solange sich daran nichts ändert, wächst die Partei weiter, ungeachtet der Einstufung, ungeachtet der Distanzierungen aus Paris und ungeachtet der Brandmauern.

Quellen (8)

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