Alzheimerforschung: KI erkennt Demenz im EEG mit 97 Prozent Genauigkeit
KI-Systeme können Demenzerkrankungen in Hirnstrommessungen mit einer Genauigkeit von über 97 Prozent erkennen. Diese Zahl steht im Zentrum einer Förderoffensive der Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI), die 2026 insgesamt 18 neue Projekte mit 2,45 Millionen Euro unterstützt. Es ist die größte Förderrunde in der Geschichte der Organisation. Das Ziel ist ein grundlegender Richtungswechsel: nicht Alzheimer behandeln, wenn es bereits da ist, sondern die Erkrankung erkennen und aufhalten, bevor die ersten Symptome auftreten.
Ein Paradigmenwechsel in der Demenzmedizin
Bisher richtet sich die Alzheimerforschung weitgehend auf die Behandlung einer Krankheit, die zum Zeitpunkt der Diagnose bereits weit fortgeschritten ist. Neuronale Verbindungen sind dann vielfach irreversibel geschädigt. Der Ansatz der AFI-Projekte kehrt diese Logik um: KI-Algorithmen sollen Alzheimer im Frühstadium aus Elektrönzephalogrammen (EEG) herauslesen, Jahre bevor klinische Symptome sichtbar werden.
Der entscheidende Vorteil liegt im Aufwand. Konventionelle Frühdiagnostik erfordert Liquorentnahme per Lumbalpunktion oder teure PET-Scans mit radioaktiven Tracern. Ein EEG ist nicht-invasiv, deutlich günstiger und in jedem Krankenhaus verfügbar. Wenn KI die Interpretation von EEG-Signalen auf ein klinisch verwertbares Niveau hebt, könnte Alzheimerscreening zu einer Routineuntersuchung werden, wie heute das Blutbild beim Hausarzt.
18 Projekte an elf deutschen Standorten
Die 18 geförderten Projekte verteilen sich auf Universitäten und Forschungsinstitutionen in Berlin, Bonn, Düsseldorf, Freiburg, Hamburg, Heidelberg, Köln, Magdeburg, Mainz, München und Rostock. Die AFI legt besonderen Wert auf interdisziplinäre Ansätze: Neurowissenschaft, Informatik und Medizin arbeiten in den Projekten verzahnt. Neben EEG-basierter Frühdiagnostik gehören neue Ansätze zu Ursachenforschung und Therapie zum Förderspektrum.
Die 2,45 Millionen Euro klingen nach wenig für ein Forschungsfeld mit Millionen Betroffenen. Zum Vergleich: In Deutschland leben derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden auf über 70 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Selbst wenn die AFI-Mittel nur Anstoßförderung für größere öffentliche und private Folgeprogramme sind, kann der Multiplikatoreffekt erheblich sein.
KI in der Medizin: Genauigkeit allein reicht nicht
Eine Erkennungsrate von 97 Prozent klingt beeindruckend. Für den klinischen Einsatz ist jedoch entscheidend, welche Arten von Fehlern das System macht. Ein falsch-negativer Befund verpasst eine Erkrankung; ein falsch-positiver Befund belastet gesunde Menschen mit einer schwerwiegenden Diagnose. Die Forschungsprojekte müssen daher nicht nur Genauigkeit, sondern auch Spezifität und Sensitivität unter realen Bedingungen validieren, an diversen Patientenpopulationen in groß angelegten Studien.
Erste Ergebnisse in den nächsten Monaten
Erste Ergebnisse der neuen Förderprojekte werden laut AFI in den kommenden Monaten erwartet. Die vollständige klinische Validierung und eine mögliche Zulassung als Diagnosemethode dürften mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Entscheidend ist, ob die gefundene 97-Prozent-Genauigkeit in unabhängigen Studien reproduzierbar ist. Das Bundesgesundheitsministerium hat KI-gestützte Diagnostik in seinem Digitalgesundheitsprogramm als Priorität benannt, ohne bisher konkrete Zulassungspfade für EEG-basierte KI-Diagnostik zu definieren. Am 15. April präsentiert die AFI die neuen Förderprojekte auf einem Fachsymposium in Berlin.