Revumenib: Erster Menin-Inhibitor für NPM1-Leukämie
Wer an einer bestimmten Form von akuter myeloischer Leukämie erkrankt und einen Rückfall erlebt, stand bislang vor einer kargen Optionsliste. Für Patienten mit NPM1-Mutation, der häufigsten genetischen Veränderung bei dieser Erkrankung, hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA im Oktober 2025 erstmals eine zielgerichtete Therapie zugelassen: Revumenib, entwickelt von Syndax Pharmaceuticals. Das Wirkprinzip ist neu und die ersten Daten zu Kombinationstherapien deuten auf mehr hin als die zugelassene Monotherapie zeigt.
Was AML ist und warum NPM1 die häufigste Mutation ist
Akute myeloische Leukämie (AML) ist eine aggressive Blutkrebserkrankung, bei der unreife Vorläuferzellen unkontrolliert wachsen und gesunde Blutzellen verdrängen. In Deutschland erkranken jährlich rund 4.000 Menschen, überwiegend über 60 Jahre. Die mittlere Überlebenszeit nach einem Rückfall liegt für viele Patienten unter einem Jahr.

NPM1-Mutationen, die das Protein Nucleophosmin betreffen, kommen bei bis zu 30 Prozent aller AML-Patienten vor und gelten als häufigste einzelne Genmutation bei der Erkrankung. Das Protein Menin spielt in diesen Fällen eine Schlüsselrolle: Es aktiviert sogenannte HOX-Gene und hält Leukämiezellen in einem unreifen, teilungsaktiven Zustand. Revumenib blockiert diese Wechselwirkung und soll Krebszellen zur Ausreifung oder zum programmierten Zelltod zwingen.
Die FDA genehmigte am 24. Oktober 2025 Revumenib (Handelsname Revuforj) für Erwachsene und Kinder ab einem Jahr mit rezidivierter oder refraktärer NPM1-mutierter AML. Es war bereits die zweite Zulassung des Wirkstoffs: Im November 2024 hatte die Behörde Revumenib für Leukämiepatienten mit KMT2A-Umlagerungen freigegeben. Mit beiden Zulassungen zusammen sind laut Syndax Pharmaceuticals potenziell bis zu 40 Prozent aller AML-Patienten abgedeckt.
Was die Studiendaten zeigen und wo ihre Grenzen liegen
Grundlage der neuen Zulassung ist die AUGMENT-101-Studie (Phase 1/2), in der 65 vorbehandelte Patienten mit NPM1-mutierter AML Revumenib erhielten. Laut OncLive und Syndax Pharmaceuticals erreichten 23,1 Prozent eine vollständige Remission oder eine Remission mit partieller Blutbilderholung (CR/CRh). Die mediane Remissionsdauer betrug 4,5 Monate, der mediane Zeitraum bis zum Ansprechen 2,8 Monate.
Diese Zahlen klingen bescheiden, sind es im Kontext nicht: Für stark vorbehandelte Patienten nach einem Rückfall gibt es kaum zugelassene Alternativen. Wer in eine Remission kommt, hat durch eine anschließende Stammzelltransplantation eine reale Chance auf Langzeitüberleben. Die Europäische Gesellschaft für Hämatologie (EHA) hat allerdings darauf hingewiesen, dass AUGMENT-101 als einarmige Studie ohne Kontrollgruppe keinen direkten Vergleich mit Chemotherapie erlaubt. Phase-3-Daten zu Revumenib in randomisierten Studien stehen noch aus.
Vielversprechender sind frühe Daten zu Kombinationstherapien. In der SAVE-Studie kombinierten Forscher Revumenib mit Decitabin/Cedazuridin und Venetoclax. Zwischenauswertungen zeigten laut ASH-2025-Präsentation eine Ansprechrate von 100 Prozent in einer kleinen Kohorte mit NUP98-Umlagerungen. Randomisierte Daten aus größeren Studien fehlen noch, aber das Prinzip, Menin-Inhibition mit BCL-2-Hemmern wie Venetoclax zu verbinden, gilt in der Hämatoonkologie als konzeptuell plausibel.

Der Fortschritt bei Blutkrebs in historischer Perspektive
Menin-Inhibitoren fügen sich in eine Reihe genetisch gezielter Therapien ein, die Hämatoonkologie seit zwei Jahrzehnten transformieren.
Imatinib (Novartis), 2001 für chronische myeloische Leukämie (CML) zugelassen, gilt als Blaupause: Das Medikament blockiert das BCR-ABL1-Fusionsprotein und hob die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei CML von unter 30 auf über 90 Prozent. Für AML verlief die Entwicklung schwieriger, weil die Erkrankung genetisch heterogener ist. FLT3-Inhibitoren wie Midostaurin (Novartis, 2017) erfassten die FLT3-positive Subgruppe; IDH2- und IDH1-Inhibitoren folgten 2017 und 2018. Menin-Inhibitoren schließen nun eine weitere, zahlenmäßig bedeutsame Lücke.
Dr. Amir Fathi vom Massachusetts General Hospital, der an der Entwicklung von Revumenib beteiligt war, bezeichnete die Zulassung als bedeutenden Schritt für Patienten mit einer bislang schwer behandelbaren Erkrankung. Weitere Menin-Inhibitoren sind in klinischer Entwicklung: Ziftomenib von Kura Oncology, Bleximenib von Johnson & Johnson und Icovamenib. Das ASH-2025-Symposium widmete der Menin-Inhibition mehrere Sitzungen, was den wachsenden klinischen Stellenwert des Wirkprinzips zeigt.
Wann Revumenib auch in Europa verfügbar wird
In Deutschland ist Revumenib für betroffene Patienten derzeit im Rahmen klinischer Studien oder über individuellen Heilversuch zugänglich. Eine Zulassung durch die Europäische Arzneimittelagentur EMA ist noch nicht erteilt worden; entsprechende Antragsverfahren sind in Vorbereitung. Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) hat Revumenib in ihre Behandlungsempfehlungen noch nicht aufgenommen und wartet auf Daten aus randomisierten Phase-3-Studien.
Die laufenden Studien zu Kombinationstherapien, darunter die SAVE-Studie und weitere zur Erstlinientherapie, sollen in den Jahren 2026 und 2027 erste Ergebnisse liefern. Ob Revumenib als Einzelsubstanz oder in Kombination am meisten nützt und in welchem Behandlungsstadium, ist eine der zentralen offenen Fragen der AML-Forschung in den nächsten Jahren.
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