Berlins neuer Lehrplan streicht Antike und Mittelalter
Das Modul "Die Grundlegung der modernen Welt in Antike und Mittelalter" ist das einzige verbindliche Angebot zur vormodernen Geschichte im Berliner Gymnasiallehrplan. Mit dem neuen Rahmenlehrplan, der zur Einführungsphase des Schuljahres 2026/27 in Kraft tritt, entfällt es ohne Ersatz. An seiner Erarbeitung waren außer zwei Fachdidaktikern keine Historiker der Berliner oder Brandenburger Universitäten beteiligt, wie der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands in seiner Stellungnahme kritisiert.
Was der neue Lehrplan konkret ändert
Das Modul "Die Grundlegung der modernen Welt in Antike und Mittelalter" fällt im neuen Berliner Rahmenlehrplan für Geschichte in der gymnasialen Oberstufe ersatzlos weg. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) dokumentierte dies in einer formellen Stellungnahme: Das Modul soll gestrichen werden, ohne dass ein gleichwertiges Ersatzangebot vorgesehen ist. Der neue Lehrplan tritt zur Einführungsphase des Schuljahres 2026/27 in Kraft.
Die Reform ist eingebettet in eine strukturelle Veränderung, die Berlin 2022 einleitete: die sogenannte Kontingentlösung für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Sie schafft ein gemeinsames Stundenbudget für Geschichte, Politik, Geographie und Ethik, um Politische Bildung als eigenständiges Schulfach in den Klassen sieben bis zehn zu etablieren. Besonders an Gesamtschulen, wo Geschichte ohnehin oft nicht als eigenständiges Fach unterrichtet wird, hat das die Zahl der Geschichtsstunden weiter gedrückt. An Gymnasien existiert eigenständiger Geschichtsunterricht zwar weiter, die verfügbare Zeit reicht aber nach Ansicht der Lehrkräfte nicht für die Stofffülle.
Was Historiker konkret bemängeln
Der VHD kritisiert nicht nur das Ergebnis, sondern das Verfahren: Bei der Erarbeitung des Rahmenlehrplans seien jenseits von zwei Fachdidaktikern keine Vertreter des Fachs Geschichte aus Berliner oder Brandenburger Universitäten beteiligt gewesen. Das Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin schloss sich der Kritik ausdrücklich an. Historiker der Humboldt-Universität warnten, das Fach Geschichte verliere mit dem Wegfall der vormodernen Pflichtinhalte grundlegende historische Orientierungsanker.
Der VHD benennt das Grundproblem: Wer historische Entwicklungen nur aus der Perspektive der Neuzeit betrachte, verliere den Blick für die langfristigen Strukturen, aus denen moderne Demokratien, Rechtssysteme und Wirtschaftsformen erst entstanden. Republikanisches Denken, Kirchenrecht, städtische Selbstverwaltung, die Herausbildung von Ständen und Verfassungsideen: All das ist ohne Mittelalter nicht verständlich zu machen. Wer Schülerinnen und Schüler ohne diesen Hintergrund entlässt, so die VHD-Stellungnahme, leiste einer gesellschaftlichen Geschichtsvergessenheit Vorschub, die sich schleichend vollziehe.
DDR-Geschichte gerettet, Antike nicht
Im Januar 2026 hatte Berlins Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) einen ähnlichen Schritt versucht: Ein Referentenentwurf sah vor, die Geschichte der SED-Diktatur, der deutschen Teilung und der Friedlichen Revolution aus dem Pflichtbereich zu entlassen. Nur der Nationalsozialismus und die Weimarer Republik sollten weiter verbindlich unterrichtet werden; DDR-Geschichte hätte Kurswahlcharakter bekommen.
Der Widerstand war unverzüglich: Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Verband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer protestierten öffentlich. Nach wenigen Wochen ruderte Günther-Wünsch zurück. Nationalsozialismus und DDR-Geschichte bleiben für die ersten zwei Semester der Oberstufe verpflichtend.
Das Modul zur vormodernen Geschichte löste weniger politische Schutzreflexe aus. Antike und Mittelalter gelten offenbar als verzichtbar, wenn es um Stundenkontingente geht. Eine Bundesstiftung zur Aufarbeitung der Spätantike existiert nicht.
Die Lage in den Schulen
Die Kürzungen der Oberstufe treffen auf ein Fundament, das Lehrkräfte schon länger für brüchig halten. Geschichtslehrerin Lea Honoré beschrieb im Berliner Kurier, wie an Berliner Schulen zentrale Epochen wie Weimarer Republik, Nachkriegszeit, Kalter Krieg und DDR-Geschichte routinemäßig in wenigen Unterrichtsstunden abgehandelt werden. Der Stoff sei schlicht zu viel für die verfügbare Zeit. Das Thema Nationalsozialismus werde vielerorts auf Kosten aller anderen Perioden übergewichtet.
Eine Umfrage des Berliner Geschichtslehrerverbands aus dem Jahr 2022 ergab, dass 87 Prozent der befragten Mitglieder das Fach Geschichte durch die Kontingentlösung als bedroht ansahen; 61 Prozent beschrieben die Umsetzung als sehr konfliktreichen Prozess. Der Bundesverband der Geschichtslehrerinnen und -lehrer fordert, dass im neuen Rahmenlehrplan mindestens vier Semester Geschichte für alle Schülerinnen und Schüler Pflicht werden.
September als Stichtag, Senat schweigt
Der neue Rahmenlehrplan tritt zur Einführungsphase des Schuljahres 2026/27 in Kraft, also im September. Bis dahin hat die Berliner Senatsverwaltung für Bildung formell die Möglichkeit, Änderungen vorzunehmen. Ob die Historikerproteste politischen Druck erzeugen, der dem DDR-Rückzieher vom Januar vergleichbar ist, bleibt offen. Beim DDR-Modul gab es einen unmittelbar politisch aufgeladenen Referenzrahmen und eine Bundesstiftung, die als Gegenüber fungierte. Dem Antikemodul fehlt beides.
VHD und beteiligte Fachbereiche haben ihre Forderungen der Senatsverwaltung übermittelt. Eine öffentliche Rückmeldung steht aus. Bildungssenatorin Günther-Wünsch hat sich zum Antikemodul bisher nicht geäußert.
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