Amurleopard: Von 25 auf 130 in zwei Jahrzehnten
Weniger als 30 Amurleoparden lebten Ende der 1990er Jahre noch auf der Erde. Die Population war so klein, dass Wildbiologen offen über unvermeidliche Inzuchtschäden schrieben und manche die Art als nicht mehr rettbar betrachteten. Eine neue Kamerafallenstudie der Wildlife Conservation Society (WCS) zeigt: Die Dichte der Großkatze im russischen Kerngebiet hat sich seit 2015 um 183 Prozent erhöht, von 0,65 auf 1,86 Individuen pro 100 Quadratkilometer.
Ende der 1990er Jahre: 25 bis 35 Tiere weltweit
Der Amurleopard (Panthera pardus orientalis) bewohnt die gemäßigten Laubwälder im russischen Primorski Krai, dem äußersten Südosten Sibiriens nahe der Grenze zu China und Nordkorea. In den 1990er Jahren war sein Verbreitungsgebiet auf einen schmalen Streifen von rund 5.000 Quadratkilometern zusammengeschmolzen. Der World Wildlife Fund (WWF) schätzte die Weltpopulation Mitte der Dekade auf 25 bis 35 Individuen, womit der Amurleopard zur seltensten Großkatze der Erde wurde.

Die Hauptursachen waren Wilderei und der Einbruch der Beutetierpopulationen: Sikahirsche und Rehe wurden massiv bejagt, was dem Leoparden die Nahrungsgrundlage entzog. Hinzu kamen Waldbrände, die oft zur Gewinnung landwirtschaftlicher Flächen gelegt wurden. Die Internationale Naturschutzunion IUCN stufte den Amurleoparden als „kritisch gefährdet“ ein, die höchste Bedrohungsstufe, bevor eine Art offiziell als ausgestorben gilt.
2012: Ein Nationalpark mit strategischem Zuschnitt
Den institutionellen Wendepunkt markierte Russland 2012 mit der Gründung des Land of the Leopard National Park in Primorski Krai. Das Schutzgebiet wurde nach WCS-Angaben gezielt so zugeschnitten, dass es rund 72 Prozent des verbliebenen geeigneten Leopardenhabitats in Russland erfasst. Gleichzeitig wurden Wildschutzpatrouillen stark ausgebaut, die Strafverfolgung bei Wilderei verschärft und das Anlegen von Waldbränden konsequenter verfolgt.
Die Wirkung zeigte sich zunächst bei den Beutetieren. Sikahirsche haben sich in der Schutzzone auf Rekordniveaus erholt, was die WCS-Forscher als entscheidenden Treiber hinter der Leopardenerholung einschätzen. Mit mehr Beute überleben mehr Jungtiere den ersten Winter und adulte Tiere müssen nicht in menschliche Siedlungsnähe abwandern, wo das Todesrisiko durch Fallen und Fahrzeuge deutlich höher ist. Das ist die Mechanik hinter fast jedem erfolgreichen Artenschutzprojekt: nicht die Raubtiere direkt schützen, sondern die Bedingungen schaffen, unter denen sie selbst gedeihen.
2024: 28 individuelle Tiere auf 770 Quadratkilometern
Für die aktuelle Studie stellten WCS-Forscher 130 Kameras in einem 770 Quadratkilometer großen Teilgebiet des Nationalparks auf. In 16 Tagen entstanden rund 9.000 Tieraufnahmen, davon fast 1.000 mit Amurleoparden. Anhand der einzigartigen Fellmuster konnten die Wissenschaftler 28 individuelle Tiere identifizieren, gegenüber 16 beim ersten vergleichbaren Survey im Jahr 2015. Die daraus berechnete Dichte von 1,86 Leoparden pro 100 Quadratkilometer ist nach WCS-Angaben die höchste je für diese Art gemessene.
Auf das gesamte russische Verbreitungsgebiet hochgerechnet schätzen WCS und der Nationalpark die Gesamtpopulation auf rund 130 Individuen. Der IUCN-Status lautet weiterhin „kritisch gefährdet“, was bei dieser Größenordnung sachlich korrekt bleibt: Krankheiten, Lebensraumverlust oder ein politischer Kurswechsel können eine Population von 130 Tieren schnell wieder gefährden. Erstmals diskutieren Forscher nun eine neue Folge des Erfolgs: Die steigende Leopardendichte erhöht die Begegnungsrate mit dem Amurtiger, der denselben Lebensraum nutzt. Beide Arten hatten jahrzehntelang kaum Kontakt, weil die Leopardenpopulation zu klein war. Das ändert sich gerade.
Im Vergleich: Was andere Tier-Comebacks gezeigt haben
Der Iberische Luchs (Lynx pardinus) war 2002 mit unter 100 Individuen noch stärker gefährdet als der Amurleopard damals. Spanische und portugiesische Behörden investierten in gezielte Nachzucht und Wiederansiedlung; bis 2024 wuchs die Population auf über 2.000 Tiere, woraufhin die IUCN den Status 2024 von „kritisch gefährdet” auf „verletzlich” änderte. Beides zeigt dasselbe Grundmuster: Wenn Wilderei wirksam unterbunden wird und Beutetiere zurückkehren, erholen sich Großkatzen schneller als die meisten Prognosen erwarten.
In derselben Region erholte sich der Amurtiger von rund 400 Tieren in den frühen 1990er Jahren. Eine russische Staatszählung 2022 ermittelte rund 750 Tiere im Russischen Fernen Osten, laut dem WCS-Russland-Tigerbericht 2024. Im chinesischen Nationalpark Tiger und Leopard nahe der russischen Grenze kamen im Dezember 2024 erstmals seit Jahrzehnten wieder Amurtiger in Kamerafallenaufnahmen vor, ein Zeichen für die grenzübergreifende Erholung beider Arten.
Wenn das Tempo bleibt: 200 Tiere bis Mitte der 2030er
Wenn die Gesamtpopulation im bisherigen Tempo wächst, wäre die Marke von 200 Individuen bis Mitte der 2030er Jahre rechnerisch möglich. Für eine langfristig lebensfähige Population gilt bei Großkatzen eine Mindestgröße von etwa 400 Individuen als grober Richtwert, unterhalb derer demografische Zufallsereignisse und Inzucht dauerhaft gefährlich werden.
Die WCS arbeitet deshalb gemeinsam mit chinesischen Behörden an Korridorprojekten, die gelegentlichen Genfluss zwischen der russischen und der chinesischen Teilpopulation ermöglichen sollen. Eine genaue Bestandszahl für die chinesische Seite liegt bisher nicht vor. Das übergeordnete Ziel: weit genug von 25 Individuen entfernt, dass kein einzelnes Unglück die Art wieder an den Abgrund bringen kann.
Kommentare