Operation Falcon: Zwei Jahre ohne Nashornwilderei
Im Kaziranga-Nationalpark in Assams Nordosten, Heimat von über 70 Prozent aller Indischen Panzernashörner der Welt, wurde 2025 kein einziges Tier gewildert. Zuletzt gelang das 2022, zum ersten Mal seit 1977. Operation Falcon, die koordinierte Anti-Wilderei-Kampagne der Assamer Forstbehörde, hat die Wilderei seit 2016 um 86 Prozent reduziert, sechs Syndikate zerschlagen und 42 Verdächtige verhaftet.
2016: Die Wende beginnt
Noch 2015 galt Kaziranga als einer der gefährlichsten Schauplätze für Nashornwilderei in Asien. Die Tiere wurden für ihre Hörner getötet, die auf asiatischen Schwarzmärkten als vermeintliches Heilmittel gehandelt wurden und bis zu 65.000 Dollar pro Kilogramm kosteten. In manchen Jahren verlor der Park mehr als 20 Nashörner. Die Reaktion der Assamer Behörden war konsequent: Ab 2016 arbeiteten Forstbehörde, Polizei und Geheimdienste unter einer gemeinsamen Kommandostruktur.

Operation Falcon setzte auf drei Säulen. Erstens Prävention: 253 Anti-Wilderei-Camps wurden im Park und in der Pufferzone errichtet, ausgestattet mit Drohnen und Wärmebildkameras für Nachtpatrouillen. Zweitens Strafverfolgung: Wilderei-Syndikate wurden als kriminelle Netzwerke behandelt, nicht als Einzeltäter. Ermittler verfolgten Geldflüsse und Verbindungen bis in Nachbarstaaten. Drittens Gemeinschaftseinbindung: Anwohner rund um den Park wurden als Informationsquellen gewonnen, mit konkreten Meldeprämienprogrammen.
2022 und 2025: Nullstand zweimal erreicht
2022 meldete Assam das erste Jahr ohne Nashornwilderei seit 1977. 2025 wurde dieser Stand erneut erreicht. Im Rahmen von Operation Falcon wurden seither 42 Verdächtige verhaftet, sechs Wilderei-Banden zerschlagen und neun Wilderei-Versuche im Keim erstickt. Die Gesamtzahl der Panzernashörner in Kaziranga liegt laut dem letzten offiziellen Census von 2022 bei 2.613 Tieren. Die globale Population des Indischen Panzernashorns hat laut der Weltnaturschutzunion IUCN rund 4.075 Individuen erreicht, mehr als je zuvor seit Beginn systematischer Zählungen.
Van Durgas: Weibliche Waldwächterinnen seit 2023
Seit August 2023 patrouillieren 108 weibliche Waldwächterinnen in Kaziranga, bekannt als Van Durgas, nach der hinduistischen Waldgöttin Durga. Die erste Gruppe durchlief intensives Training in Kampftechniken, Waffenhandhabung und Geländenavigation. Ihr Einsatz in einer Umgebung, die zuvor nahezu ausschließlich von männlichen Forstbeamten dominiert war, war eine bewusste strategische Entscheidung: Frauen haben besseren Zugang zu weiblichen Informantinnen in Grenzdörfern und werden von Wilderern nach Einschätzung der Parkleitung weniger als Bedrohung wahrgenommen. Seit ihrem Einsatz haben Van Durgas an mehreren erfolgreichen Festnahmeoperationen mitgewirkt.
Im Vergleich: Was andere Schutzprogramme zeigen
Der iberische Luchs gilt als das erfolgreichste Artenschutzprojekt der jüngeren europäischen Geschichte. 2002 zählte die Wildpopulation in Spanien und Portugal weniger als 100 Tiere, die Ausrottung schien unmittelbar bevorstehend. Durch gezielte Nachzucht in Zoos, systematische Wiederansiedlung und den Schutz von Lebensraum stieg die Population bis 2024 auf über 2.000 Tiere. Das strukturelle Prinzip ähnelt dem in Kaziranga: konsequente Maßnahmen über mehr als ein Jahrzehnt, bevor die Population eigenständige Stabilität erreichte.

Der Kontrast zu Südafrika zeigt, wie schnell Fortschritte kippen können. Dort leben rund 16.000 Breitmaulnashörner, die größte Nashornpopulation weltweit. Trotz staatlicher Schutzprogramme und hoher Ausgaben für Anti-Wilderei-Einheiten wurden 2024 über 400 Tiere gewildert. Der Unterschied zu Assam liegt weniger an der Intensität der Maßnahmen als an den strukturellen Rahmenbedingungen: In Südafrika operieren besser ausgestattete internationale Netzwerke, die geografische Ausdehnung der Schutzgebiete macht lückenlose Überwachung schwieriger und die Hornpreise blieben hoch.
Die historische Perspektive auf Panzernashörner selbst ist bemerkenswert: Ende des 19. Jahrhunderts galt die Art als nahezu ausgerottet, mit wenigen Hundert Tieren in Assam. Erste staatliche Schutzmaßnahmen begannen 1905 unter britischer Kolonialverwaltung in Kaziranga. Die heutige Population von über 4.000 Tieren ist das Ergebnis von mehr als 120 Jahren Schutzpolitik mit wechselnder Intensität. Der aktuelle Nullstand bei der Wilderei ist kein Endpunkt, sondern ein Höchststand auf einem langen Weg.
Was den Erfolg noch gefährdet
Wilderei ist nicht das einzige Risiko. Kaziranga liegt im Überschwemmungsgebiet des Brahmaputra, der in der Monsunsaison regelmäßig große Teile des Parks flutet. Bei der Überschwemmung 2022 kamen laut Nationalparkverwaltung 108 Tiere ums Leben, darunter Nashörner, Elefanten und Hirsche. Der Klimawandel verstärkt Intensität und Häufigkeit solcher Ereignisse im Brahmaputratal: Studien des Indian Institute of Technology Guwahati zeigen, dass Extremhochwasser in Assam seit 1950 häufiger werden.
Politische Kontinuität ist eine weitere Variable. Die Schutzmaßnahmen sind eng mit dem Mandat der aktuellen Assamer Regierung unter Ministerpräsident Himanta Biswa Sarma verknüpft. Internationale Naturschutzexperten weisen zudem darauf hin, dass die Hornpreise auf Schwarzmärkten in Vietnam und China nach wie vor hoch sind. Der wirtschaftliche Anreiz zur Wilderei ist damit nicht verschwunden, sondern vorübergehend durch Risiko und Strafverfolgungsdruck überlagert.
Schließlich bleibt die Frage der Populationsgröße: 2.613 Tiere in einem einzelnen Park gelten unter Naturschutzökologen noch nicht als langfristig sichere Population. Genetische Verarmung durch Inzucht ist ein Risiko, das mit wachsender räumlicher Isolation zunimmt. Assam hat mit den Nationalparks Orang und Pobitora kleinere Satellitenpopulationen aufgebaut, aber die Hauptlast trägt weiterhin Kaziranga.
Kommentare