Atommüll: Was der Ausstieg wirklich kostet
Investigativ

Atommüll: Was der Ausstieg wirklich kostet

Jens Spahn kalkuliert zehn Milliarden Euro für einen Atomkraft-Neustart. Dabei ignoriert die Debatte, dass für Asse II, Gorleben und Schacht Konrad bereits mehr als 17 Milliarden Euro fehlen und die Rückstellungen der Energieversorger um mindestens 9,2 Milliarden zu niedrig sind. Im September 2025 meldete der erste Atomkraftwerksbetreiber Insolvenz.

8. Juni 2026, 6:45 Uhr 1580 Wörter · 8 Min. Lesezeit

Jens Spahn hatte im Frühjahr 2026 eine schlichte Rechnung parat: Neun bis zehn Milliarden Euro würde es kosten, die stillgelegten deutschen Kernkraftwerke zu reaktivieren, sagte der CDU-Fraktionschef im Bundestag. Die Rechnung klang kompakt. Sie ließ eine andere Zahl aus: Allein für die drei größten Altlastenprojekte der deutschen Atomgeschichte fehlen mehr als 17 Milliarden Euro Finanzierung. Für den Atommüll, der bereits existiert, klafft eine Deckungslücke von mindestens 9,2 Milliarden Euro zwischen Rückstellungen und tatsächlichen Kosten. Und im September 2025 zeigte sich, dass das kein theoretisches Problem ist: Ein Atomkraftwerksbetreiber meldete Insolvenz, ohne die Mittel für den Rückbau vollständig gedeckt zu haben.

Die Atomdebatte, die seit Frühjahr 2026 wieder aufgeflammt ist, dreht sich um die Frage, ob Deutschland in die Kernkraft zurückkehren soll. Was dabei fehlt, ist die Bilanz dessen, was die erste Runde hinterlassen hat.

Drei Gruben, drei Desaster

Die Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel gilt als Symbol für alles, was bei der deutschen Endlagerplanung schiefgelaufen ist. Zwischen 1967 und 1978 wurden rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen in das ehemalige Salzbergwerk eingelagert, weil ein Bundesgutachten den Standort für tauglich erklärt hatte. Das Gutachten war falsch. Seit den 1980er Jahren dringt Grundwasser ein, die Stützpfeiler sind einsturzgefährdet, eine Rückholung des Materials wird immer aufwendiger. Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) schätzt die Kosten bis zum geplanten Beginn der Rückholung im Jahr 2033 auf 4,7 Milliarden Euro. Darin enthalten: Offenhaltung, Vorbereitungen, Notfallplanung. Nicht enthalten: die Rückholung selbst und die anschließende Zwischenlagerung der 126.000 Fässer.

Das Endlagerprojekt Gorleben ist das teuerste gescheiterte Vorhaben in der Geschichte der deutschen Energiepolitik. Über 3,5 Milliarden Euro flossen in Untersuchung und Erkundung des niedersächsischen Salzstocks, verteilt auf vier Jahrzehnte. 2013 wurde die Erkundung eingestellt, 2020 Gorleben aus der Liste geeigneter Endlagerstandorte gestrichen. Die Stilllegung der Anlage kostet nach BGE-Angaben weitere 2,1 Milliarden Euro, wie die Stuttgarter Zeitung im Januar 2024 berichtete. Ergebnis: mehr als fünf Milliarden Euro für ein Bergwerk, das nie einen einzigen Behälter mit Atommüll aufgenommen hat.

Schacht Konrad in Salzgitter war als pragmatische Lösung gedacht. Das ehemalige Eisenerzbergwerk sollte für schwach- und mittelradioaktive Abfälle umgebaut werden, Betriebsstart 2013, veranschlagte Kosten 1,6 Milliarden Euro. Heute ist die Fertigstellung auf "Anfang der 2030er Jahre" verschoben. Die Kosten belaufen sich nach Bundesregierungsangaben auf 6,7 Milliarden Euro, mehr als viermal so viel wie geplant. In einer Pressemitteilung vom November 2023 bestätigte die BGE, dass Inflation und Lieferprobleme das Projekt immer weiter verteuert hätten. Für den laufenden Betrieb des fertigen Endlagers werden laut BGE weitere 165 Millionen Euro pro Jahr anfallen.

Die Finanzierungslücke und die erste Insolvenz

Die drei Projekte bilden zusammen nur den sichtbaren Teil der Altlasten. Darunter liegt eine strukturelle Lücke: die zwischen dem, was Energieversorger für den Rückbau ihrer Kraftwerke zurückgestellt haben und dem, was der tatsächliche Rückbau kosten wird. Eine Studie von Arthur D. Little im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums bezifferte die realen Gesamtkosten auf 47,5 Milliarden Euro. Die akkumulierten Rückstellungen der Betreiber lagen bei 38,3 Milliarden Euro. Die Differenz: mindestens 9,2 Milliarden Euro.

Diese Differenz hat eine weitere Eigenschaft, die in der politischen Debatte kaum thematisiert wird: Die Rückstellungen müssen nicht insolvenzfest angelegt werden. Geht ein Energieversorger bankrott, bevor der Rückbau abgeschlossen ist, haftet der Staat. Das ist seit September 2025 kein theoretisches Szenario mehr.

Das Amtsgericht Dortmund eröffnete im September 2025 das vorläufige Insolvenzverfahren über die Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG), Betreiberin des Thorium-Hochtemperaturreaktors THTR-300 in Hamm-Uentrop. Nach Schätzungen der NRW-Landesregierung von 2021 betragen die Rückbaukosten 750 Millionen Euro, inflationsbereinigt möglicherweise bis zu einer Milliarde. Ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom Juni 2025 stellte klar, dass NRW über seine bisherigen Verpflichtungen hinaus nicht zahlen muss. Den faktischen Rückbau finanziert damit der Bund. Steuerzahler zahlen für den Rückbau eines Kraftwerks, dessen Gewinne die Betreibergesellschaft und ihre Anteilseigner vereinnahmt hatten.

Der KENFO-Fonds ist die zweite Unsicherheit. 2017 mit 24 Milliarden Euro ausgestattet, soll er die Zwischen- und Endlagerung finanzieren. Das Modell setzt eine langfristige Inflation unter 1,6 Prozent und eine Jahresrendite von über drei Prozent voraus. Im Jahr 2022 lag die Inflation in Deutschland bei knapp acht Prozent. Kommt das Endlager erst 2068 in Betrieb, muss der Fonds achtzig statt sechzig Jahre rentieren. Die Berliner Zeitung berichtete, dass KENFO interne Zielvorgaben bereits verfehlt habe. Reicht das Kapital nicht, haftet die Allgemeinheit.

Hinzu kommen Steuerausfälle: Die Rückstellungsbildung ermöglichte den Energieversorgern über Jahrzehnte unversteuerte Rücklagen. Das Bundesfinanzministerium bezifferte die dadurch entstandenen Steuerausfälle auf 8,2 Milliarden Euro. Gleichzeitig, so Berechnungen auf Basis von Greenpeace- und IWR-Daten, erwirtschafteten die Versorger aus der Anlage ihrer Rückstellungen Erträge von rund 68 Milliarden Euro, fast doppelt so viel wie die gesamten Rückbauverpflichtungen. Die Gewinne wurden privatisiert. Das Risiko nicht.

Finnland lagert schon. Deutschland sucht noch.

Im April 2026 nahm das finnische Endlager Onkalo auf der Insel Olkiluoto den Betrieb auf. Es ist das erste Tiefenlager für hochradioaktiven Atommüll weltweit. Der Betreiber Posiva hatte bis zur Betriebsaufnahme rund eine Milliarde Euro investiert. Die Standortentscheidung fiel im Jahr 2001, der Bau dauerte Jahrzehnte. Das Konzept, Kupferbehälter in Granit in 400 bis 500 Metern Tiefe, ist seit vierzig Jahren stabil. Euronews berichtete im April 2026 über den Beginn des Einlagerungsbetriebs.

Deutschland hat keinen vergleichbaren Entschluss getroffen. Noch ist unklar, in welchem Gestein der hochradioaktive Müll aus deutschen Kernkraftwerken lagern soll. Die BGE hat angekündigt, bis Ende 2027 einen Bericht über mögliche Standortregionen vorzulegen. Derzeit ist noch etwa ein Viertel des deutschen Staatsgebiets im Verfahren. Bis zu einer tatsächlichen Einlagerung dürften nach übereinstimmenden Expertenschätzungen noch 40 bis 50 Jahre vergehen.

Frankreich zeigt, dass das Problem nicht auf Deutschland beschränkt ist. Das geplante Tiefenlager CIGÉO bei Bure in der Champagne wurde ursprünglich mit 25 Milliarden Euro kalkuliert. Die staatliche Nuklearagentur ANDRA gab im Mai 2025 die aktualisierte Kostenschätzung mit 37 Milliarden Euro an, ein Anstieg von 48 Prozent. Der Einlagerungsbetrieb ist für 2050 geplant. Die USA haben ihr geplantes Endlager Yucca Mountain nach Milliardeninvestitionen aufgegeben.

Ein weiteres, selten diskutiertes Problem: Die Zwischenlagerbehälter für hochradioaktive Brennelemente wurden in den 1990er und 2000er Jahren für eine Laufzeit von 40 Jahren genehmigt. Eine Verlängerung auf 80 oder 100 Jahre ist technisch und rechtlich nicht abschließend geklärt. Je länger die Endlagersuche dauert, desto länger stehen Brennelemente in Behältern, die nicht für diese Zeiträume ausgelegt wurden. Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) bezeichnet die Zwischenlagerung auf seiner Website ausdrücklich als keine Dauerlösung. Sie wird trotzdem eine.

Spahns Kalkül und die fehlende Bilanz

Im März 2026 debattierte der Bundestag gleich zweimal über einen möglichen Wiedereinstieg in die Kernkraft. CDU-Fraktionschef Jens Spahn sagte, die stillgelegten Reaktoren könnten für neun bis zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen. Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte kurz danach, das Thema sei "entschieden". Ursula von der Leyen hatte beim Kernenergiegipfel in Paris im März 2026 die Abkehr von der Kernkraft in Europa als "strategischen Fehler" bezeichnet.

In keiner dieser Debatten wurden die bestehenden Altlasten als Bilanzposten aufgeführt. Greenpeace hat berechnet, dass Atomstrom in Deutschland über die Jahrzehnte mit insgesamt 304 Milliarden Euro subventioniert wurde, darunter Haftungsbeschränkungen, Steuervorteile und staatliche Forschungsförderung. Die Subvention pro erzeugter Kilowattstunde lag laut Greenpeace-Analyse bei 4,3 Cent. Wer die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit der Kernkraft mit anderen Energieträgern vergleicht, müsste diese Kosten einrechnen.

LobbyControl kritisiert in seiner Analyse der Atomlobby, dass das Deutsche Atomforum und die Kerntechnische Gesellschaft die öffentliche Debatte beeinflussen, ohne die vollständigen Lebenszykluskosten transparent zu benennen. Eine verpflichtende Offenlegung der Lobbytätigkeit und ihrer Finanzierungsquellen existiert nicht. Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) fordert, dass jede seriöse Debatte über Kernkraft die vollständigen Kosten für Rückbau, Entsorgung und Endlagerung als Ausgangspunkt nehmen muss. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) betonte im Bundestag, Deutschland komme seit drei Jahren ohne Kernenergie aus und habe eine sichere Versorgung durch erneuerbare Energien. Die Frage der Altlastenfinanzierung blieb auch in seiner Stellungnahme unbeantwortet.

Ende 2027 wird sich zeigen, wo der Müll hinkommt

Ende 2027 will die BGE den Bericht über mögliche Standortregionen vorlegen. Dann folgen übertägige und untertägige Erkundungen, Genehmigungsverfahren und aller Voraussicht nach jahrelange Rechtsstreitigkeiten. Dass ein Endlager vor 2060 in Betrieb geht, gilt unter Fachleuten als ausgeschlossen.

Bis dahin stehen die Zwischenlagerbehälter. Die Kosten steigen. Die Lücke zwischen Rückstellungen und tatsächlichem Bedarf wächst. Und der Fall THTR Hamm hat im September 2025 gezeigt, was passiert, wenn ein Betreiber seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann: Der Steuerzahler übernimmt die Rechnung.

Die Frage, die in den Bundestagsdebatten des Frühjahrs 2026 ungestellt blieb: Wenn schon die Altlasten aus der ersten Runde Kernkraft in Deutschland diese Lücken hinterlassen, wie werden die Kosten einer zweiten Runde finanziert? Wer haftet, wenn die Rechnung wieder nicht aufgeht? Und warum wird diese Frage nicht gestellt?

Quellen (18)

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