KI entschlüsselt Keilschrift in Minuten statt Tagen
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KI entschlüsselt Keilschrift in Minuten statt Tagen

Forscher der Universität Würzburg und der Technischen Universität Dortmund haben ein KI-Modell namens Palaeographicum entwickelt, das einzelne Varianten hethitischer Keilschrift-Zeichen automatisch erkennt. Was bislang drei Tage dauerte, schafft das System in fünf Minuten.

19. Mai 2026, 10:39 Uhr 783 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Das hethitische Schriftsystem umfasst mindestens 375 Keilschrift-Zeichen, manche davon in Dutzenden regionaler und historischer Varianten. Wer erkennen wollte, welche Tontafeln aus der hethitischen Hauptstadt Hattusha von derselben Schreiberhand stammen, brauchte bislang tage- bis wochenlange Handarbeit. Ein KI-Modell namens Palaeographicum, entwickelt von Forschern der Universität Würzburg, der Technischen Universität Dortmund und der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz, hat diesen Vergleich auf fünf Minuten verkürzt.

Ein Schriftsystem für eine verschwundene Welt

Die Hethiter herrschten vor rund 3.500 Jahren über weite Teile Anatoliens und des Vorderen Orients, mit Hattusha als Hauptstadt im Zentrum der heutigen Türkei. In dieser Stadt wurden im frühen 20. Jahrhundert Zehntausende Tontafeln ausgegraben, beschrieben in Keilschrift. Die Texte umfassen Staatsverträge, Rechtsdokumente, Briefe, Mythen und liturgische Texte. Der älteste bekannte Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte, der Vertrag von Kadesch zwischen Hethitern und Ägypten aus dem Jahr 1259 v. Chr., ist in dieser Schrift überliefert.

Keilschrift ist keine Buchstabenschrift, sondern ein Silbenschriftsystem kombiniert mit Logogrammen für ganze Wörter. Das hethitische Schriftsystem enthält laut der Pressemitteilung der Universität Würzburg mindestens 375 verschiedene Zeichen. Erschwerend kommt hinzu, dass jedes dieser Zeichen in einer Reihe lokaler und zeitlicher Varianten vorliegt: Zeichen, die in einer Stadt oder einem Jahrhundert anders geformt sind als in einer anderen. Um einen Text zu transkribieren oder einer Schreiberhand zuzuordnen, muss ein Forscher Hunderte von Zeichenformen sicher erkennen und voneinander unterscheiden können.

Von drei Tagen auf fünf Minuten

Genau hier setzt Palaeographicum an. Das Modell analysiert digitalisierte Tontafeln und erkennt automatisch, welche Zeichenformen auf einer Tafel vorkommen und wie sie mit Formen auf anderen Tafeln übereinstimmen oder abweichen. Was ein Wissenschaftler in drei Tagen manuell verglich, schafft das Modell in fünf Minuten. Diese Effizienzsteigerung kommunizierte die Universität Würzburg in ihrer Pressemitteilung; die Frankfurter Rundschau bezeichnete das Ergebnis als Revolution in der Altorientalistik.

Das Modell wurde von Christopher Rest und Eugen Rusakov an der Technischen Universität Dortmund entwickelt, in enger Kooperation mit dem Hethitologen Daniel Schwemer von der Universität Würzburg und Turna Somel von der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz. Schwemer leitet das Würzburger Keilschrift-Forschungsprojekt, das Tausende Tafeln aus dem Bogazköy-Archiv digitalisiert und wissenschaftlich erschließt. Ohne diesen Fundus an validierten Zeichenbeschreibungen wäre das Training des KI-Modells nicht möglich gewesen.

Die Leistung des Modells hat Grenzen. Palaeographicum erkennt Muster und berechnet Ähnlichkeiten, aber es interpretiert keine Texte. Welches Wort auf einer Tafel steht, was es bedeutet oder ob ein Dokument echt ist, beantwortet das Modell nicht. Es ist ein Werkzeug für Paläografie, nicht für Philologie. Schwemer bezeichnete die KI nicht als Ersatz für spezialisierte Wissenschaftler, sondern als ein neues Instrument in ihrer Hand.

KI als Paläografin: Wer hat was geschrieben?

Die vielleicht überraschendste Fähigkeit von Palaeographicum ist die Schreiberidentifikation. Wie ein Graphologe bei modernen Handschriften verschiedene Personen anhand ihres Schriftbilds erkennen kann, identifiziert das KI-Modell Tafeln, die von derselben Hand stammen könnten. Zeichen unterschiedlicher Schreiber weisen subtile Unterschiede auf: in der Neigung des Keils, im Abstand zwischen Elementen, in der Drucktiefe des Stichels.

Diese Zuordnung hat erhebliche Konsequenzen für die Forschung. Wenn ein Schreiber als Person identifizierbar wird, öffnen sich neue Fragen: Arbeitete er in einem Tempel oder einem Palast? Schrieb er für einen bestimmten Herrscher? Welche Texte stammen aus derselben Schreiberwerkstatt, welche aus einer Provinz? Das Modell macht solche Fragen beantwortbar, die bisher mangels systematischer Vergleichsbasis offenbleiben mussten. In der Archäologie ist das vergleichbar mit dem Einsatz von DNA-Analyse in der Forensik: ein Werkzeug, das alte Fragen erstmals zugänglich macht.

Sumerisch, Akkadisch und Elamisch: Die nächsten Kandidaten

Keilschrift wurde nicht nur für das Hethitische verwendet. Dieselbe Schrift liegt auch Sumerisch, Akkadisch, Elamisch und Urartäisch zugrunde, allesamt altorientalische Sprachen mit teils noch größeren Archivbeständen als das Hethitische. Die Forscher aus Würzburg und Dortmund sehen Palaeographicum als übertragbares Werkzeug. Eine Anpassung auf weitere Sprachen würde jedoch jeweils eigene Trainingsdaten erfordern: digitalisierte Tafeln in ausreichender Zahl und wissenschaftlich validierte Zeichenbeschreibungen. Für Akkadisch, das mit Abstand am häufigsten belegte Keilschriftsystem, wären diese Voraussetzungen am ehesten erfüllbar.

Was für die Keilschrift gilt, könnte langfristig auch für andere Schriftsysteme relevant werden. Phönizische Inschriften, mykenische Schrifttafeln oder altägyptische Hieratikschriften sind nach ähnlichen Prinzipien organisiert: ein festes Zeichenrepertoire mit individuellen Handschriftenvarianten. Die Grundidee hinter Palaeographicum, Schriftzeichen als visuell-statistisches Muster zu behandeln und maschinell vergleichbar zu machen, ist nicht auf Keilschrift beschränkt. Wie schnell die Methode auf andere Archivbestände ausgeweitet wird, hängt vor allem davon ab, wie schnell die nötigen Digitalisierungsprojekte abgeschlossen werden.

Quellen (5)

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