Berlin wählt: Linke kämpft erstmals ums Rote Rathaus
In Thüringen führte Die Linke unter Bodo Ramelow bereits die Landesregierung. Doch die Hauptstadt wäre eine andere Dimension. Für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September führt die Partei mit Elif Eralp eine Spitzenkandidatin ins Rennen, die das Rote Rathaus anstrebt. Möglich ist das, weil CDU und SPD zusammen auf 35 Prozent geschrumpft sind, während SPD, Grüne und Linke gemeinsam auf rund 48 Prozent kämen.
Vom Absturz zur Spitzenkandidatin
Vor einem Jahr noch stand Die Linke bundesweit an der Existenzgrenze. In Berlin lief es anders: Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 wurde Die Linke in Berlin mit 19,9 Prozent stärkste Kraft, ein Sprung von über 13 Prozentpunkten gegenüber früheren Landesumfragen, die Partei bei 6 Prozent sahen. Elif Eralp, 44, Anwältin und seit 2021 Mitglied des Abgeordnetenhauses, zieht als Spitzenkandidatin in die Wahl. Ihre Kernaussage: "Ich will Berlin bezahlbar machen. Kai Wegner macht das Gegenteil."
Eralp ist keine unbekannte Stimme. Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende hat sie sich auf Migrationsrecht und Antidiskriminierung spezialisiert. Dass sie nun für das Rote Rathaus kandidiert, ist für Die Linke ein Novum: Die Partei strebt erstmals in ihrer Geschichte die Führung einer Berliner Landesregierung an. Partei-Kovorsitzende Kerstin Wolter formulierte das intern offen: "Wir sind bereit für eine Bürgermeisterin. Was glaubt ihr, was dann los ist in Deutschland?"
Wohnungsfrage dominiert den Wahlkampf
Das Leitthema der Wahl ist Wohnen. Berlin hat rund 390.000 Wohnungen in städtischem Besitz, verwaltet von landeseigenen Gesellschaften wie Degewo, Gewobag oder Howoge. Auch diese haben unter der CDU-SPD-Regierung von Bürgermeister Kai Wegner die Mieten erhöht, ein Umstand, den Eralp regelmäßig angreift: Selbst die öffentlichen Wohnungsgesellschaften, die sozialen Wohnraum sichern sollten, treiben die Kosten nach oben.
Die Linke fordert einen Mietendeckel, ein Mieteramt auf Landesebene und einen Stopp weiterer Privatisierungen. Beim letzten Berliner Volksbegehren zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen 2021 stimmten 56 Prozent der Berliner dafür, wobei Rechtsfragen die Umsetzung bis heute blockieren. Eralp will das als Hebel nutzen: Die Partei, die dieses Versprechen einlöst, habe eine Mehrheit, argumentiert sie intern.
Wegners CDU noch vorn, aber ohne Mehrheit
Kai Wegner liegt in aktuellen Umfragen bei 20,3 Prozent und damit vor allen anderen Einzelparteien. Die AfD kommt auf 17,4 Prozent, die Linke auf 16,8 Prozent, die Grünen auf 16,6 Prozent, die SPD auf 15,2 Prozent. Das politische Angebot in Berlin ist außergewöhnlich fragmentiert, vier Parteien liegen innerhalb von rund zwei Prozentpunkten.
Für Wegners CDU ist das strukturell problematisch: Sie ist stärkste Partei, kann aber die laufende Koalition mit der SPD nicht fortsetzen; zusammen kommen beide auf 35,5 Prozent. Eine Koalition unter Einschluss der AfD schließt die CDU aus. FDP und BSW dümpeln in Umfragen unter der Fünf-Prozent-Hürde. Wegner wäre faktisch auf ein Bündnis mit Grünen oder Linken angewiesen, beide Parteien signalisieren keine Bereitschaft.
Hinzu kommt parteiinterner Druck. Wegner hat seit seinem Amtsantritt 2023 auf Berlins Sicherheitspolitik und Ordnung gesetzt, ohne dass die Koalition bei Wohnen oder Infrastruktur durchgreifende Verbesserungen vorweisen konnte. Bei den Grünen und der Linken gilt das als Steilvorlage.
Was ein R2G-Bündnis bedeuten würde
SPD, Grüne und Linke kämen nach aktuellen Umfragen auf rund 48,6 Prozent, eine klare Mehrheit. Die Frage wäre dann: Wer stellt die Bürgermeisterin? SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach, 46, ehemaliger Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, liegt bei 15,2 Prozent und damit unter der Linken. Wenn Die Linke in einem R2G-Bündnis die stärkste der drei Parteien wäre, hätte Eralp die klarsten Ansprüche auf die Rathausspitze.
Das wäre ein Novum mit Signalwirkung. In Thüringen hat Die Linke unter Bodo Ramelow bereits regiert. Doch Berlin, die Hauptstadt, wäre ein anderes Gewicht. Für eine Bundespartei, die bis 2024 um ihr Überleben kämpfte, wäre das eine dramatische Wendung.
Doch R2G ist nicht automatisch stabil: Schon 2021 scheiterte das Bündnis an internen Streitigkeiten über Haushalt und Wohnungspolitik. Der damalige Senat unter Franziska Giffey regierte mit wachsender Zerrissenheit, bis die Wahlwiederholung 2023 die Koalition beendete. Eralp müsste beweisen, dass Die Linke gelernt hat, Regierungsverantwortung zu tragen.
Vier Monate bis zum 20. September
CDU und Linke haben bereits einen direkten Schlagabtausch begonnen. Wegner warf der Linken Antisemitismus vor; Eralp antwortete, die CDU zeige "Wahlkampfangst" und habe "Recht, die Hauptstadt zu fürchten". Beide Seiten wissen, dass die Kampagne persönlich werden wird.
Entscheidend ist auch, was aus den Grünen wird. Sie liegen bei 16,6 Prozent, ohne einen Spitzenkandidaten mit ähnlichem Profil wie Eralp oder Wegner. Bleiben sie stabil, ist R2G rechnerisch sicher; fallen sie unter zehn Prozent, wird es eng. Für die AfD gilt das Umgekehrte: Je stärker sie abschneidet, desto schwieriger wird es, ohne sie eine Mehrheit zu bilden und desto mehr steigt der Druck auf alle demokratischen Parteien, sich zu einigen.
Die Berliner Wahl am 20. September ist die einzige Landtagswahl 2026 in einem deutschen Stadtstaat. Ob Eralp ins Rote Rathaus einzieht, hängt an Prozentpunkten und an der Frage, ob das Bundestagswahl-Momentum der Linken auch in der Berliner Landespolitik trägt.
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