Lula eröffnet neue Ölbohrungen im Amazonas
Am 27. Mai 2026 stand Luiz Inácio Lula da Silva in Manaus neben Petrobras-Chefin Magda Chambriard und verkündete 2,5 Milliarden Reais, umgerechnet rund 430 Millionen Dollar, für 22 neue Bohrlöcher im Ölfeld Urucú. Das Feld liegt tief im Inneren des Amazonas-Regenwaldes, im brasilianischen Bundesstaat Amazonas. Lula begründete die Entscheidung schlicht: „Wir lieben Brasilien, wir lieben Petrobras, wir wollen gut leben, gut arbeiten und gut lernen. Das ist nur mit Wirtschaftswachstum möglich.“ Die letzte Bohrung in Urucú liegt zehn Jahre zurück.
Das Ölfeld, von dem Manaus abhängt
Urucú ist kein gewöhnliches Ölfeld. Das von Petrobras 1986 entdeckte Vorkommen in der Gemeinde Coari gilt als Brasiliens bedeutendste Lagerstätte für Öl und Erdgas an Land. Der Bundesstaat Amazonas konzentriert laut Petrobras 80 Prozent der brasilianischen Onshore-Gasreserven. Täglich werden in Urucú 13,5 Millionen Kubikmeter Erdgas gefördert. Das ist nach Unternehmensangaben ausreichend, um 65 Prozent des Strombedarfs von Manaus, einer Stadt mit 2,2 Millionen Einwohnern, zu decken. Ohne Urucú kämen Teile der größten Stadt im brasilianischen Amazonas in ernsthafte Versorgungsschwierigkeiten.
Seit 2009 verbindet eine 663 Kilometer lange Pipeline das Feld mit Manaus. Urucú produziert täglich rund 105.000 Barrel Öläquivalent, was es zum größten Onshore-Ölzentrum Brasiliens macht. Die Produktion war zuletzt rückläufig, weil bestehende Bohrungen nachlassen. Mit den 22 neuen Bohrlöchern erwartet Petrobras eine Steigerung der Fördermenge um täglich rund 4.400 Barrel Öläquivalent.
Lulas Kalkül: Öl finanziert die Energiewende
Lula hat für seine Position eine klare innenpolitische Logik. Der Norden Brasiliens, in dem Urucú liegt, gehört zu den wirtschaftlich schwächsten Regionen des Landes. Der Amazonas-Bundesstaat ist auf die Einnahmen aus dem Ölfeld angewiesen. Petrobras selbst begründet die Investition mit der Versorgungssicherheit für die Region: Ohne neue Bohrungen würde die Produktion in Urucú bis Mitte des Jahrzehnts spürbar sinken.
Die Regierung argumentiert zudem, dass Einnahmen aus der Ölförderung die Finanzierung der brasilianischen Energiewende ermöglichen. Brasilien erzeugt den Großteil seines Stroms aus erneuerbaren Quellen, vor allem aus Wasserkraft. Der Ausbau von Windkraft und Solarenergie, der in den nächsten Jahren geplant ist, kostet Milliarden. Lulas Position: Fossile Einnahmen heute sichern die Investitionen in erneuerbare Energien morgen.
Kritik: Widerspruch zwischen Rede und Handeln
Umweltorganisationen und Indigenenverbände sehen das anders. Achtzig zivilgesellschaftliche und Umweltorganisationen hatten vor dem COP30-Gipfel in Belém gegen neue Öllizenzierungen im Amazonas protestiert und konkrete Folgeabschätzungen gefordert. Suely Araújo, frühere Präsidentin der brasilianischen Umweltbehörde Ibama und Koordinatorin des NGO-Netzwerks Observatório do Clima, sagte im Vorfeld des Gipfels, die Regierung sabotiere damit ihre eigene Klimaführerschaft.
Indigene Gemeinschaften in der Region Coari verweisen auf die Risiken für traditionelle Fischgründe und auf mangelnde Konsultation. Das Observatório do Clima kritisiert, dass die Lizenzierung ohne vollständige Folgenabschätzung für lokale Gemeinschaften erfolgte. Amazon Watch hatte bereits frühere Pipelineprojekte in der Region als Bedrohung für intakten Regenwald und indigenes Territorium eingestuft.
Lula ist in dieser Debatte kein neutraler Akteur. Er hat die brasilianische Umweltbehörde Ibama, die in der Vergangenheit einzelnen Ölprojekten die Genehmigung verweigerte, öffentlich als „eine Regierungsbehörde, die gegen die Regierung zu arbeiten scheint“ bezeichnet. Das schuf innerhalb seiner eigenen Regierung einen strukturellen Interessenkonflikt zwischen dem Ministerium für Umwelt und dem Ministerium für Minen und Energie.
Sechs Monate nach Belém
COP30 in Belém, November 2025: Brasilien präsentierte sich als Gastgeber und Verfechter von mehr Klimaambition. Lula warb für ein Ende der Entwaldung und für einen internationalen Klimafonds zugunsten des Globalen Südens. Der Gipfel verlief nach Einschätzung von Klimabeobachtern ohne entscheidenden Durchbruch beim fossilen Ausstieg: Ölstaaten blockierten verbindliche Formulierungen zum Ende der Ölförderung.
Brasilien hält bis zum nächsten COP die Präsidentschaft der UN-Klimakonferenz. Lula hat angekündigt, zwei Fahrpläne entwickeln zu wollen: einen für den Ausstieg aus fossilen Energieträgern und einen zur Beendigung der Entwaldung. Beide sollen im Lauf von 2026 auf internationaler Ebene eingebracht werden. Die Entscheidung für Urucú kompliziert diese Agenda. Eine Regierung, die Klimaführerschaft beansprucht und gleichzeitig neue Ölbohrungen im weltgrößten Regenwald eröffnet, muss erklären, wie beides zusammengeht.
Eine Erklärung, die aus Belém mitgenommen werden konnte, war diese: Fossile Förderung in Ländern wie Brasilien ist nach internationalem Klimarecht nicht verboten und durch nationale Entwicklungsinteressen legitimiert. Was bleibt, ist der politische Widerspruch. Lula als Gastgeber des Klimagipfels mit dem Slogan „People, Planet, Prosperity“ und Lula in Manaus, der die ersten neuen Ölbohrungen im Amazonas seit zehn Jahren eröffnet, das ist derselbe Mann.
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