CDU im Osten auf 12 Prozent: Merz warnt vor der AfD
Bei zwölf Prozent in Umfragen lässt sich ein Landesparteitag kaum als Kraftdemonstration inszenieren. Kanzler Friedrich Merz kam am Samstag nach Linstow, um den Delegierten der CDU Mecklenburg-Vorpommern die Lage klarzumachen: Drei Monate vor der Landtagswahl am 20. September steht die AfD in MV bei 37 Prozent, die CDU bei zwölf. In Sachsen-Anhalt, wo bereits am 6. September gewählt wird, liegt die AfD sogar bei 41 Prozent. In beiden Bundesländern entscheidet sich im Herbst, ob die AfD zur dauerhaft stärksten politischen Kraft im Osten wird.
Eine Partei im Tief
Die CDU in Mecklenburg-Vorpommern regiert seit 2021 nicht mehr. Das Bundesland wird von einer SPD-Regierung unter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig geführt. Bei der Landtagswahl 2021 kam die CDU auf 13,3 Prozent. Seitdem hat sich die Lage verschlechtert: In den aktuellen Umfragen liegt die Partei bei zwölf bis dreizehn Prozent. Die AfD hat die CDU als zweitstärkste Kraft längst abgelöst und führt nun deutlich vor der SPD, die auf 23 Prozent kommt.
Daniel Peters, Landes- und Fraktionsvorsitzender der CDU MV, wurde beim Parteitag in Linstow mit 97 Prozent der Delegiertenstimmen als Landesvorsitzender bestätigt. Das hohe Ergebnis wirkt wie eine Geste der Geschlossenheit unter Druck. Peters wählte in seiner Rede einen auffallend beschwichtigenden Ton: "Die Nervosität des Augenblicks ist kein Maßstab der Ewigkeit." Demokratieresilienz entstehe nicht durch "immer höhere Schutzmauern", sondern durch das Vertrauen der Bürger. Was das konkret bedeuten soll für eine Partei, die seit Jahren Umfragetief auf Umfragetief registriert, blieb offen.
Merz und das Adenauer-Argument
Merz hielt in Linstow eine Rede, die über MV-Parteitaktik hinausging. Er bezog sich auf den Grünen-Politiker Joschka Fischer, der den deutschen Nationalismus in seiner schlimmsten Form als die Zeit beschrieben hatte, die Deutschland mit Konrad Adenauer hinter sich gelassen habe. Merz übernahm das Argument und wandte es gegen die AfD: "Diese AfD will Deutschland vor die Adenauerzeit zurückbringen." Und: "Wir haben den Nationalismus mit Konrad Adenauer hinter uns gelassen und wollen nie wieder dahin zurück, weshalb wir unser Land nicht den Extremisten überlassen."
Die Schärfe der Formulierung ist bemerkenswert. Merz, der im Umgang mit der AfD lange auf Abgrenzung ohne historische Einordnung setzte, stellt die Partei nun explizit in die Linie des deutschen Nationalismus. Das ist ein Kalkulationswechsel: Klare Konfrontation statt schleichender Distanzierung. Die Frage ist, ob das bei Wählern verfängt, die der AfD trotzdem ihre Stimme geben, weil die AfD konkrete wirtschaftliche und Migrationssignale setzt, die CDU aber nicht.
Zwei Herbstwahlen als Stresstest
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt, am 20. September Mecklenburg-Vorpommern. In Sachsen-Anhalt steht Sven Schulze, seit Januar 2026 Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat, vor einem dramatischen Szenario: Bei der Wahl 2021 holte die CDU dort noch 37,1 Prozent und wurde stärkste Partei. Heute liegt die AfD bei 41 Prozent, die CDU deutlich darunter. Ein Ergebnis, bei dem die AfD stärkste Partei wird und die CDU unter ihr eigenes Ergebnis von 2021 fällt, wäre eine historische Zäsur im Osten.
Merz warnte ausdrücklich vor AfD-Erfolgen bei beiden September-Wahlen. Eine Partei mit 41 Prozent, die nirgends koalitionsfähig ist und trotzdem stärkste Kraft wird, schafft für alle anderen Parteien ein Rechenrätsel: Wer bildet mit wem eine Mehrheit, ohne die AfD? In MV käme bei den aktuellen Umfragewerten rechnerisch eine Koalition aus SPD, CDU, Linker oder BSW in Frage, je nach tatsächlichem Ergebnis. In SA wäre die Situation noch komplizierter.
Bis zur Wahl am 20. September
Die taz beschrieb die Situation in Linstow treffend: Merz ist dort "noch willkommen", weil er der Partei Rückhalt geben soll, den sie sich selbst nicht mehr geben kann. Der Bundesvorsitzende signalisiert: Wir geben euch nicht auf. Was daraus folgt, bleibt Aufgabe der Landesverbände.
Die CDU MV hat bis September drei Monate Zeit, um Wähler zurückzugewinnen, die seit 2021 zur AfD abgewandert sind. Die Argumentation, die Merz in Linstow gewählt hat, ist historisch und moralisch aufgeladen. Ob sie politisch trägt bei Wählern, die AfD wählen, weil ihnen Wirtschaft, Rente oder innere Sicherheit wichtiger sind als historische Linien, ist die entscheidende, bis jetzt unbeantwortete Frage.
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