70 Millionen Dosen: Choleraimpfung kehrt zurück
Weltweit hing der orale Choleraimpfstoff an einem einzigen Hersteller. Als 2021 Ausbrüche in mehr als dreißig Ländern gleichzeitig die Reserven aufbrauchten, kollabierte das System: Im Oktober 2022 stoppte die WHO Präventionskampagnen vollständig, weil schlicht keine Dosen mehr vorhanden waren. Drei Jahre und intensive Vertragsverhandlungen später meldet die WHO das Ende dieses Engpasses. Am 4. Februar 2026 gab die Organisation bekannt, dass das jährliche Angebot an oralen Choleraimpfstoffen auf 70 Millionen Dosen verdoppelt worden ist und erste Kampagnen wieder anlaufen.
Oktober 2022: Die Versorgungslücke entsteht
Cholera grassierte ab 2021 in einer ungewöhnlich breiten globalen Welle. Haiti, Syrien, der Jemen, Bangladesch und mehr als dreißig weitere Länder meldeten gleichzeitig Ausbrüche, der verfügbare Impfstoffvorrat war schnell erschöpft. Im Oktober 2022 ordnete die WHO eine Notfallmaßnahme an: Die Standard-Zweidosisstrategie wurde ausgesetzt, weil schlicht nicht genügend Dosen vorhanden waren. Stattdessen wurden Einzeldosen eingesetzt, um mehr Menschen mit weniger Impfstoff zu erreichen. Präventionskampagnen, also Impfungen vor dem Ausbruch in Hochrisikogebieten, wurden vollständig eingestellt.

Das Problem war strukturell: Der orale Choleraimpfstoff wurde weltweit fast ausschließlich vom südkoreanischen Hersteller EuBiologics produziert. Als Shantha Biotechnics, eine Tochterfirma von Sanofi in Indien, 2023 ankündigte, die Produktion seines Shanchol-Impfstoffs einzustellen, verschlechterte sich die Perspektive weiter.
2023 bis 2025: Kapazitätsaufbau unter Hochdruck
Gavi, die internationale Impfstoffallianz und UNICEF handelten: Sie sicherten EuBiologics Mehrjahresverträge und finanzierten den Produktionsausbau. Gavi finanziert die Cholera-Impfstoffe im Rahmen seines globalen Immunisierungsprogramms, UNICEF beschafft und liefert. 2025 erhielt EuBiologics einen UNICEF-Auftrag über 72 Millionen Dosen für das laufende Jahr, was die Produktion erstmals über die kritische Schwelle brachte.
Die Schutzwirkung des Impfstoffs ist dabei besser als im öffentlichen Diskurs oft wahrgenommen. Eine 2024 in Healio veröffentlichte Studie zeigte, dass eine einzige Dosis für Erwachsene mindestens 36 Monate Schutz bietet, zwei Dosen schützen drei bis vier Jahre. Für Kinder zwischen einem und fünf Jahren ist die Schutzwirkung einer Einzeldosis kürzer, weshalb diese Altersgruppe besonderer Aufmerksamkeit bedarf.
Februar 2026: Impfkampagnen kehren zurück
Die erste Zuteilung von 20 Millionen Präventionsdosen verteilt sich laut WHO auf drei Länder: Bangladesch erhält 10,3 Millionen Dosen, die Demokratische Republik Kongo 6,1 Millionen und Mosambik 3,6 Millionen. Mosambik startete die erste Kampagne bereits im Februar 2026 während eines aktiven Choleraausbruchs, der durch Überschwemmungen verstärkt wurde. Zielgruppe sind Kinder ab einem Jahr und Erwachsene in Hochrisikogebieten.

Zum Ausmaß der Krankheitslast: 2025 registrierte die WHO 601.845 Cholerafälle und 7.671 Todesfälle in 33 Ländern. Im Jahr 2024 registrierte die WHO über 560.000 Fälle und rund 6.000 Todesfälle. Verglichen mit 7.671 Todesfällen im Jahr 2025 zeigt diese Schwankung, wie stark die Verläufe von lokalen Bedingungen abhängen.
Im Vergleich: Was Impfkampagnen global leisten
Cholera ist keine eradizierbare Krankheit wie Pocken oder fast Polio. Der Erreger Vibrio cholerae persistiert in der Umwelt und wird über kontaminiertes Wasser übertragen. Selbst vollständige Durchimpfung schützt ohne verbesserte Trinkwasserversorgung nur begrenzt, was Médecins Sans Frontières (MSF) in mehreren Positionspapieren betont hat: Impfkampagnen allein seien keine Lösung für die strukturellen Ursachen der Krankheit.
Dennoch zeigt die Forschung eine klare Wirkung. Das Polioimpfprogramm, das mit über zwei Milliarden Dosen jährlich arbeitet, hat die weltweiten Fallzahlen von 350.000 im Jahr 1988 auf einstellige Zahlen reduziert. Cholera wird diesen Maßstab nie erreichen, weil die Krankheit an Infrastruktur gebunden ist, die Impfstoffe nicht liefern können. Aber die Verdoppelung auf 70 Millionen Dosen ist ein erster Schritt weg von reiner Notfallreaktion hin zu systematischer Prävention.
Wer als nächstes an der Reihe ist
Die 20 Millionen Präventionsdosen sind ein Bruchteil des globalen Bedarfs. Die Global Task Force on Cholera Control, ein Zusammenschluss von WHO, UNICEF, MSF und mehr als fünfzig weiteren Organisationen, hat sich das Ziel gesetzt, Cholera-Todesfälle bis 2030 um 90 Prozent gegenüber dem Basiswert von 2016 zu senken. Damit das gelingt, müssten Länder wie Äthiopien, Nigeria und die Zentralafrikanische Republik in künftigen Zuteilungsrunden bedient werden, alles Länder mit anhaltend hohen Ausbruchszahlen und begrenzter Wasserinfrastruktur.
Mit 70 Millionen Dosen jährlicher Produktionskapazität ist das ambitionierte Ziel zum ersten Mal rechnerisch nicht mehr völlig außer Reichweite. Ob es erreicht wird, hängt nicht nur von der Impfstoffproduktion ab, sondern von Investitionen in Wasserversorgung, Sanitäreinrichtungen und Hygiene, die weit teurer und politisch komplizierter sind als ein Liefervertrag mit EuBiologics.
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