Costa Rica: 98,6 Prozent Strom aus Erneuerbaren
Während Deutschland 2025 rund 55,9 Prozent seines Stroms aus Erneuerbaren erzeugte, kam Costa Rica auf 98,6 Prozent. Das mittelamerikanische Land, in etwa so groß wie Bayern, hat sich nach einer klimabedingten Delle im Vorjahr fast vollständig erholt und zeigt, dass weitgehende Dekarbonisierung auch für Länder ohne industrielles Großvermögen möglich ist.
Vulkane, Regen und Wind als Energiequelle
Costa Rica vereint geografische Vorteile, die kein europäisches Land in dieser Kombination hat. Regenreiche Vulkanhänge mit starkem Gefälle ermöglichen Wasserkraftwerke; entlang der Vulkankette liegen geothermische Felder; auf den Hochlagen wehen konstante Passatwinde; und die tropische Lage bietet ganzjährig hohe Sonneneinstrahlung. Laut dem Instituto Costarricense de Electricidad (ICE) stammten 2025 rund 76 Prozent des Stroms aus Wasserkraft, zwölf Prozent aus Windkraft und elf Prozent aus Geothermiekraftwerken, der Rest aus Biomasse und Solaranlagen.

Entscheidend ist, dass dieses System über sechs Jahrzehnte aufgebaut wurde. Die erste staatliche Wasserkraftanlage ging 1958 in Betrieb. Die ICE-Gruppe als staatlich kontrollierter Versorger hat seither kontinuierlich in alle Erneuerbaren-Sparten investiert, weitgehend unabhängig davon, welche Partei gerade regierte.
2024: Die Dürre als Stresstest
2024 traf das El-Niño-Phänomen Costa Rica hart. Monatelange Niederschlagsdefizite senkten die Stauseen auf kritische Pegel; der Anteil erneuerbarer Energien fiel auf 86 bis 91 Prozent. Thermische Kapazitäten auf fossiler Basis sprangen als Puffer ein.
Dass die Erholung 2025 so rasch auf 98,6 Prozent gelang, spricht für die Robustheit des diversifizierten Systems. Reine Wasserkraftländer wie Paraguay, das fast seinen gesamten Strom aus dem Itaipu-Damm an der Grenze zu Brasilien bezieht, sind bei Dürren anfälliger, weil kein alternativer Erneuerbaren-Mix den Ausfall puffert.
Im Vergleich: Was anderen Ländern gelungen ist
Wenige Länder haben dauerhaft ähnliche Quoten erreicht. Island produziert seit Jahrzehnten nahezu seinen gesamten Strom aus Geothermie und Wasserkraft und hält konstant Werte von über 99 Prozent. Norwegen deckt nach Angaben der Europäischen Umweltagentur über 95 Prozent aus Erneuerbaren, davon allein rund 89 Prozent aus Wasserkraft und baut Windkapazitäten aus. Dänemark erreichte laut Eurostat im dritten Quartal 2025 zeitweise 95,9 Prozent aus Wind- und Solaranlagen, schwankt aber je nach Windaufkommen deutlich stärker.

Der EU-Durchschnitt liegt bei rund 46 Prozent erneuerbarer Stromerzeugung. Deutschland kam 2025 laut Fraunhofer-Institut auf 55,9 Prozent und gehört damit zu den aktiveren Mitgliedsstaaten, hält aber noch erhebliche Kapazitäten aus Kohle und Gas als Reserve vor. Costa Rica hat diesen Übergang weitgehend abgeschlossen und exportiert Überschussstrom in die Nachbarstaaten Nicaragua, Honduras und Panama.
Neuer Druckpunkt: KI-Datenzentren
Das bisherige Modell steht vor einer neuen Herausforderung. Technologiekonzerne aus den USA und Europa investieren verstärkt in Datenzentren in Costa Rica, weil das Land stabilen Strom mit nachweisbar grüner Herkunft bietet. Der Tico Times zufolge hat das ICE Anfang 2026 intern vor Kapazitätsengpässen gewarnt: Der Strombedarf durch KI-Infrastruktur wächst schneller als neue erneuerbare Kapazitäten zugebaut werden können. Bis 2030 plant Costa Rica, rund 600 Megawatt neue Kapazität aus Geothermie-, Solar- und Windanlagen in Betrieb zu nehmen; ob das ausreicht, hängt davon ab, wie viele Datenzentren sich tatsächlich ansiedeln.
Was den Costa-Rica-Erfolg anderswo begrenzt
Zwei Faktoren des costa-ricanischen Modells lassen sich nicht übertragen. Erstens die Geografie: Ohne Vulkanismus, tropische Niederschläge und günstige Windlagen lässt sich der gleiche Mix nicht realisieren. Zweitens die institutionelle Kontinuität: Die ICE-Gruppe hat über 60 Jahre eine stabile Investitionsstrategie verfolgt, was in privatisierten Strommärkten strukturell schwieriger ist.
Was sich übertragen lässt, ist das Prinzip dahinter: Diversifikation. Kein Land, das dauerhaft über 90 Prozent erneuerbar erzeugt, stützt sich auf eine einzige Technologie. Island kombiniert Geothermie und Wasserkraft, Norwegen ergänzt Wasserkraft mit wachsenden Windkapazitäten, Dänemark setzt auf Wind ergänzt durch Biogas und Pumpspeicher. Costa Ricas schnelle Erholung nach der El-Niño-Dürre belegt: Je breiter der technologische Mix, desto stabiler das System bei Wetterextremen.
Für Deutschland, das seinen Kohle- und Gasausstieg gestalten muss, ist das die praktische Lehre: Ein System das überwiegend auf einer einzigen Erneuerbaren-Quelle beruht, braucht massive Speicherkapazitäten als Ausgleich. Mehrere unabhängige Quellen, wie Costa Rica sie seit Jahrzehnten kombiniert, sind das robustere Modell.
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