Deutsche Industrie: Aufträge sinken doppelt so stark
Wirtschaft

Deutsche Industrie: Aufträge sinken doppelt so stark

Die Bestellungen für deutsche Industriebetriebe sind im April um 3,8 Prozent eingebrochen, doppelt so stark wie von Analysten erwartet. Besonders überraschend: Nicht Asien oder Amerika ziehen sich zurück, sondern die Eurozone selbst, deren Aufträge um 11,1 Prozent einbrachen.

8. Juni 2026, 11:01 Uhr 719 Wörter · 4 Min. Lesezeit

Zwei Prozent Minus im Verarbeitenden Gewerbe hatte der Konsens der Analysten für April erwartet. Herausgekommen sind 3,8 Prozent, kalender- und saisonbereinigt, gegenüber dem Vormonat. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen mehr als einen schlechten Monat: Sie zeigen, dass Deutschlands europäische Nachbarn die heimische Industrie schneller meiden als der Rest der Welt.

Kurze Erholung verpufft

Der März hatte kurzzeitig Entwarnung gegeben. Nach dem Schock des Februars, als die Aufträge um 11,1 Prozent einbrachen, in der unmittelbaren Folge des US-israelischen Angriffs auf den Iran am 28. Februar , erholten sich die Bestellungen im März um 5,0 Prozent. Analysten sprachen damals von einem Nachholeffekt: Unternehmen, die ihre Bestellungen aufgeschoben hatten, holen sie nach, sobald eine Waffenruhe in Sicht ist.

April zeigt, dass dieser Effekt erschöpft ist. Die 3,8 Prozent Minus sind das erste Minus nach dem März-Anstieg und liegen fast doppelt so hoch wie die erwarteten zwei Prozent. Im Dreimonatsvergleich (Februar bis April gegenüber November bis Januar) liegen die Aufträge 3,1 Prozent im Minus. Die kurzfristige Monatsschwankung überlagert ein strukturelles Muster: Die Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten ist dauerhaft schwächer als vor dem Krieg.

Elektroindustrie verliert ein Sechstel ihrer Aufträge

Zwei Branchen ziehen den April-Wert besonders nach unten. Die Hersteller von elektrischer Ausrüstung. Transformatoren, Schaltanlagen, Leistungselektronik, verbuchen gegenüber dem Vormonat ein Minus von 16,3 Prozent. Die Automobilindustrie verliert 5,3 Prozent. Der Maschinenbau, eine der klassischen Stützen des deutschen Exports, gibt 7,4 Prozent ab. Bei Konsumgütern liegt das Minus bei 6,7 Prozent, bei Vorleistungsgütern bei 4,4 Prozent.

Der Einbruch in der Elektroindustrie spiegelt ein breiteres Investitionsproblem. Seit Beginn des Iran-Krieges kalkulieren Unternehmen weltweit Lieferkettenrisiken neu, bevor sie Großprojekte für Kraftwerke, Chemieanlagen oder Industrieinfrastruktur beauftragen. Elektrische Ausrüstung für solche Projekte ist ein früher Indikator für Investitionszurückhaltung. Gleichzeitig belasten gestiegene Energiepreise die Produktion direkt: Wer selbst unter Margendrücken leidet, schiebt eigene Investitionsbestellungen auf.

Europas Nachfrage bricht stärker ein als der Rest der Welt

Die Aufgliederung nach Herkunftsland enthält die eigentliche Überraschung. Auslandsaufträge insgesamt gingen um 4,2 Prozent zurück, aber innerhalb des Auslandsgeschäfts divergieren die Regionen deutlich: Aufträge aus der Eurozone fielen um 11,1 Prozent. Aufträge von außerhalb der Eurozone stiegen dagegen um 0,8 Prozent.

Deutschlands europäische Nachbarn meiden also deutsche Industriegüter viel schneller als Kunden in Nordamerika, Asien oder dem Nahen Osten. Ein Erklärungsansatz: In der Eurozone sind Energiepreise ähnlich hoch wie in Deutschland. Europäische Abnehmer verschieben Investitionen, weil ihre eigene Auftragslage unsicher ist und weil hohe Energiekosten die Margen belasten. Das ist kein bilaterales Problem. Es ist das gemeinsame Konjunkturproblem der Eurozone, das sich in den deutschen Auftragsdaten spiegelt. Wenn selbst die engsten Handelspartner auf Abstand gehen, wird eine Erholung deutlich schwieriger als ein Blick auf die Gesamtzahl vermuten lässt.

Was das für Arbeitnehmer und Preise bedeutet

Auftragseingang ist ein Vorlaufindikator: Was heute bestellt wird, beeinflusst in drei bis sechs Monaten Produktion, Beschäftigung und Löhne. Das gemeinsame Frühjahresgutachten der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, ifo, DIW, IfW Kiel und RWI, hatte im April gewarnt, der Energiepreisschock werde die Inflation im zweiten Quartal auf 2,9 Prozent treiben und die Kaufkraft der Haushalte belasten. Gleichzeitig sahen die Institute das ifo-Geschäftsklima unter der kritischen 50-Punkte-Marke, ein typisches Vorzeichen einer Schrumpfungsphase.

Für das zweite Quartal rechnen die Wirtschaftsforschungsinstitute mit einem negativen Wachstumsbeitrag der Industrie. Ob die Volkswirtschaft als Ganzes schrumpft, hängt vor allem davon ab, ob der Konsum und der Staatsbau, Stichwort Infrastrukturprogramm der Koalition, die Industrieschwäche ausgleichen können. Bislang haben beide Bereiche das geleistet. Ob das bei anhaltenden Energiepreis- und Lieferkettenrisiken gelingt, bleibt offen.

G7-Gipfel am 15. Juni als nächste Weichenstellung

Der DAX reagierte auf die neuen Zahlen mit einem Rücksetzer: Am Montagmorgen fiel der Index um 1,3 Prozent auf 24.447 Punkte. Das ist der niedrigste Stand seit Anfang Mai und ein Rückgang um rund 2,2 Prozent gegenüber dem Ende der Vorwoche. Gleichzeitig verschärfte sich die Lage in Nahost: Israel griff in der Nacht zu Montag den iranischen Petrochemiekomplex Karun in Bandar-e Mahshahr an, Iran antwortete mit elf ballistischen Raketen auf israelische Städte.

Für Deutschlands Industrie ist der G7-Gipfel im französischen Évian am 15. Juni damit zur wichtigsten Weichenstellung des Sommers geworden. Ohne ein Signal in Richtung einer dauerhaften Hormuzlösung bleibt die Straße für den globalen Öl- und Güterhandel eingeschränkt. Iran verlangt Sicherheitsgarantien und die Freigabe von 24 Milliarden Dollar eingefrorener Guthaben. Trump hatte eine Einigung zuletzt als „weitgehend verhandelt“ bezeichnet, an konkreten Fortschritten mangelt es bislang. Jede Woche ohne Lösung setzt sich in den Auftragsdaten fort.

Quellen (9)

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