Alle neun Atomstaaten rüsten gleichzeitig auf
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Alle neun Atomstaaten rüsten gleichzeitig auf

Das SIPRI-Jahrbuch 2026 zählt 12.187 Nuklearsprengköpfe weltweit. Erstmals rüsten alle neun Atomwaffenstaaten gleichzeitig auf oder modernisieren grundlegend, während der letzte Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland seit Februar abgelaufen ist.

9. Juni 2026, 0:41 Uhr 848 Wörter · 5 Min. Lesezeit

Als Emmanuel Macron am 2. März mehr Atomsprengköpfe ankündigte und Frankreichs bisherige Transparenzpolitik beendete, war das ein Symptom: Laut dem neuen SIPRI-Jahrbuch 2026 rüsten erstmals alle neun Nuklearwaffenstaaten gleichzeitig auf oder modernisieren ihre Arsenale grundlegend. Den Kontrollrahmen, der das Verhältnis der Atommächte jahrzehntelang strukturierte, gibt es seit dem Ablauf von New START am 5. Februar nicht mehr.

Das Ende der Kontrollarchitektur

New START, der letzte verbliebene bilaterale Rüstungskontrollvertrag zwischen den USA und Russland, lief am 5. Februar 2026 aus. Seit März 2023 hatte Moskau Inspektionen verweigert und den Datenaustausch eingestellt; formell ist das Abkommen nun Geschichte. Erstmals seit dem SALT-I-Vertrag von 1972 existiert kein vertraglich gesicherter Mechanismus mehr, der die strategischen Arsenale beider Mächte begrenzt und Verifikation ermöglicht. Die USA reagierten nicht formal auf Russlands Angebot, die Grenzen informell bis Februar 2027 einzuhalten.

Das Gewicht dieser Lücke zeigt ein Vergleich: Am Ende des Kalten Krieges hielten USA und Russland zusammen über 65.000 Sprengköpfe. Die Nachfolgeverträge senkten diese Zahl auf heute 5.042 (USA) und 5.420 (Russland). Beide Länder halten damit weiterhin 83 Prozent aller militärisch nutzbaren Nuklearwaffen weltweit. Das Verifikationssystem aber, das diesen Abbau überwachte und beide Seiten in ihrer Planung kalkulierbar hielt, existiert nicht mehr.

Chinas Silos, Indiens Raketen und Frankreichs Schweigen

China wuchs von 600 auf 620 Sprengköpfe, auf den ersten Blick moderat. Dahinter steht ein massiver struktureller Ausbau: Drei große Silofelder im Norden Chinas sind fertig beladen, mindestens 100 davon mit DF-31-Interkontinentalraketen bestückt. In drei Bergregionen im Osten baut Peking an dreißig weiteren Silos. US-Verteidigungsministerium und SIPRI kommen zum gleichen Schluss: Bis Ende des Jahrzehnts könnte China so viele Interkontinentalraketen besitzen wie die USA oder Russland.

Indien vollzieht mit 190 Sprengköpfen einen qualitativ anderen Wandel. Zwölf Sprengköpfe befinden sich laut SIPRI erstmals in Friedenszeiten dauerhaft auf Trägersystemen, ein Schritt, den Indien bisher nur in Krisenzeiten unternommen hatte. Das Arsenal, das bisher primär Pakistan abschrecken sollte, modernisiert sich zunehmend in Richtung Langstreckenwaffen. Am 8. Mai 2026 testete Indien die Agni-V-Rakete mit MIRV-Technologie, die bis zu drei Sprengköpfe unabhängig voneinander steuern kann. SIPRI beschreibt Indien als eine Macht, deren Streitkräfte zunehmend Ziele in ganz China abdecken wollen.

Die überraschendste Einzelmeldung des Jahrbuchs betrifft Frankreich. Macron beendete am 2. März 2026 eine Praxis, die Paris als einzige Atommacht über Jahrzehnte gepflegt hatte: Frankreich informierte regelmäßig über die Größe seines Arsenals: 290 Sprengköpfe war die letzte bekannte Zahl. Dieser Offenlegungsstandard ist künftig Geschichte. Gleichzeitig kündigte Macron die erste Erhöhung der Sprengkopfzahl seit Ende des Kalten Krieges an. Matt Korda, Associate Senior Researcher am SIPRI und Mitautor des Nuklearkapitels, ordnet den Kurswechsel ein: Die Abkehr von Transparenz trage zu „noch größerer Unberechenbarkeit" bei und nehme Frankreich die Grundlage, von anderen Atommächten mehr Offenheit zu verlangen.

Fehlkalkulation durch schwindende Transparenz

SIPRI 2026 beschreibt kein schnelles numerisches Wettrüsten zurück auf das Niveau des Kalten Krieges. Die Gesamtzahl von 12.187, davon 4.012 auf Raketen oder in Flugzeugen stationiert und 2.100 bis 2.200 auf der höchsten Alarmstufe, liegt weit unter den über 70.000 Sprengköpfen der 1980er-Jahre. Das eigentliche Risiko liegt woanders.

Alle neun Staaten testen und entwickeln neue Trägertechnologien gleichzeitig: Hyperschallraketen, Marschflugkörper mit erweiterter Reichweite, KI-gestützte Frühwarnsysteme. Je moderner die Systeme, desto kürzer werden Vorwarnzeiten und desto weniger Zeit bleibt für menschliche Entscheidungen in Krisenlagen. Korda fasst die zentrale Schlussfolgerung des Jahrbuchs zusammen: Neben der schwindenden Transparenz und dem Verlust diplomatischer Kanäle für Krisenmanagement trage die Bewegung hin zu Autoritarismus in einigen Nuklearwaffenstaaten zu „noch größerer Unberechenbarkeit" bei.

Der Iran-Krieg liefert eine aktuelle Illustration: Als Iran Anfang 2026 kurz vor der atomaren Schwellenkompetenz stand, entschieden USA und Israel auf Basis von Geheimdiensteinschätzungen für präventive Militärschläge. Vertragsbasierte Verifikation, die klare Signale und überprüfbare Grenzen gesetzt hätte, existierte im Fall Iran nicht. Genau das ist die Lücke, die eine intakte Rüstungskontrollarchitektur schließen soll.

Dreimal in Folge: NPT scheitert, G7 in Évian unter Druck

Die 11. Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags endete am 22. Mai in New York ohne Abschlussdokument. Damit scheiterte die Konferenz zum dritten Mal in Folge nach 2015 und 2022. Die Atommächte USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich blockten verbindliche Abrüstungsversprechen wie gewohnt ab; der Iran-Krieg verschärfte die Kontroverse über den Umgang mit Schwellenländern zusätzlich.

Am 15. Juni trifft der G7 in Évian-les-Bains zusammen, den Frankreich explizit als Forum für Iran-Diplomatie konzipiert hatte. Das SIPRI-Jahrbuch gibt dabei den Rahmen vor: Wer über Irans Nuklearprogramm verhandeln will, tut das vor dem Hintergrund einer Welt, in der gleichzeitig alle anderen Atommächte, einschließlich der G7-Mitglieder Frankreich, Großbritannien und USA, nachrüsten und Transparenz abbauen. Einen formalen Verhandlungsrahmen für globale Abrüstung gibt es derzeit nicht. New START ist abgelaufen, ein Nachfolgevertrag nicht in Sicht, China verweigert bilaterale Rüstungsgespräche mit Washington.

Quellen (9)

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